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Randnotiz

Selbstinfektion am Pröll’schen Schmäh

Meinung / von Georg Renner / 08.01.2016

Was war in den vergangenen Wochen nicht alles zu lesen: Erwin Pröll sei als Bundespräsidentschaftskandidat längst fix, Mikl-Leitner als seine Nachfolgerin in St. Pölten ebenso – offen wäre nur noch die Frage, ob die Regierungsparteien im Zuge der konsequenten Regierungsumbildung nicht einige Ministerien untereinander tauschen. Noch gestern Nachmittag kommentierten manche Medien, wie fix der Mann aus Radlbrunn nicht schon längst sei.

Hinfällig, das. Mit zeitgleichen Verlautbarungen durch Peter Gnam in der Krone und Reinhold Mitterlehner in der ZIB 2 hat die Volkspartei diese Berichte gestern Abend als das bloßgestellt, was sie waren: reine Spekulation eben.

Was ist da passiert? Wohl am ehesten das, was man als „Selbstinfektion am eigenen Schmäh“(© Gerd Bacher) bezeichnen könnte. Ein Medium bringt ein Gerücht auf, ein anderes übernimmt es, es macht so lange die Runde, bis es irgendwo als Fakt präsentiert wird. Irgendwann haben fast alle Medien es als definitiv berichtet, und wer noch Zweifel anmeldet, wird schief angesehen.

Im Fall der Nicht-Kandidatur Erwin Prölls hat die Partei selbst aber durchaus mitgespielt: Auch wenn er selbst immer wieder betonte, seine Lebensplanung sehe anders aus, hätte Pröll etwa durchaus eindeutiger dementieren können, wäre seine Entscheidung, nicht anzutreten, tatsächlich schon immer fix gewesen. Was medial natürlich prompt zum Anlass genommen wurde, jeden ÖVP-Politiker, dessen man irgendwo habhaft werden konnte, nach Prölls Kandidatur zu fragen.

Und da wurde es besonders absurd: Die solcherart Angesprochenen von den anderen Landeschefs abwärts, streuten dem Niederösterreicher Rosen: Natürlich wäre Pröll ein guter Kandidat, hieß es in zahlreichen Jahreswechsel-Interviews – obwohl Pröll, wie Mitterlehner und er übereinstimmend betonen, bereits vor Weihnachten entschieden und das dem Parteichef kommuniziert habe.

Das kann zweierlei bedeuten: Entweder versuchte die Partei-Elite in einer selbst für die ÖVP eher absurden Kommunikationsstrategie, Pröll noch zum Stimmungswandel zu bewegen. Oder aber, und das ist das wahrscheinlichere Szenario, es handelt sich um einen Fall einer epidemischen Kreisinfektion am Pröll’schen Schmäh: Nur ein kleiner Zirkel in der Partei wusste, dass der Landeshauptmann in St. Pölten bleiben wird – und hielt dicht, sodass die vorauseilenden Rosenstreuer dem medialen Szenario von der fixen Kandidatur aufgesessen sind.

Wie man einen Kandidaten schwächt

Für die ÖVP hatte das jedenfalls einen Vor- und einen Nachteil: Einerseits war die Partei in den innenpolitisch ereignisarmen Tagen über den Jahreswechsel dank der Pröll-Frage medial überaus präsent und konnte bei der Gelegenheit auch andere Standpunkte, etwa zur Flüchtlingsdiskussion, breit unterbringen – Mitterlehner hat das im ZIB-Interview selbst als positiven Nebeneffekt angegeben.

Andererseits geht jeder Kandidat, der nun für die ÖVP in die Schlacht ziehen soll – er soll am Sonntag präsentiert werden, die Kleine Zeitung und Profil berichten übereinstimmend, dass es Andreas Khol sein soll –, jedenfalls geschwächt ins Rennen: Haben doch die versammelten Parteigranden bereits laut und deutlich kundgetan, dass sie Pröll für einen, wenn nicht den geeigneten Kandidaten gehalten hätten. Und das könnte, nachdem es mit Irmgard Griss und Alexander Van der Bellen im bürgerlichen Wählerpool ziemlich eng werden dürfte, entscheidend sein.