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Unter falscher Flagge

Meinung / von Moritz Moser / 06.02.2016

Norbert Hofer gilt als angenehm, höflich und intelligent. Immer wieder wird der Bundespräsidentschaftskandidat als das freundliche Gesicht der FPÖ bezeichnet. Im Wahlkampf hat Hofer aber ein argumentatives Problem: Er möchte der Präsident einer Nation werden, an deren Existenz er nicht glaubt.

Sprache, Geschichte und Kultur Österreichs sind deutsch.

Es gibt keine FPÖ-Veranstaltung ohne Flaggen, keine Bühne, von der Heinz-Christian Strache nicht auf ein rot-weiß-rotes Fahnenmeer blicken würde. Dabei ist das Verhältnis der Partei zur österreichischen Identität mehr als gespalten. Das intellektuelle Kernpersonal der FPÖ ist nach wie vor deutschnational orientiert. Norbert Hofer ist einer von ihnen.

Eine andere Nation

Im Gegensatz zu anderen Freiheitlichen ist Hofer bisher nur selten als Apologet rechtsextremer Positionen in Erscheinung getreten. Seinen umstrittenen Amtsvorgänger als Dritter Nationalratspräsident nannte er einen „lupenreinen Demokraten“. Eine Hitler verehrende Facebook-Freundin sei ihm „durchgerutscht“, erklärte er.

Einmal gab Hofer „hier & jetzt“, einer Ideologiezeitschrift der deutschen Rechten, ein Interview. Die NPD bewarb das Heft mit dem möglichen „Umweltminister einer kommenden Regierung Strache“ als „132 Seiten rechte Metapolitik aus Dresden“. Zum Verbotsgesetz vertritt Hofer die blaue Mainstream-Meinung, man müsse auch „dumme Meinungen“ zulassen.

Farbe tragen heißt Farbe bekennen!

Hofers Berührungspunkte zum Rechtsextremismus sind für freiheitliche Verhältnisse dennoch gering. Für konservative Wähler könnte er daher ein akzepabler Kandidat für die Bundespräsidentschaft sein. Doch Norbert Hofers eigentliches Problem auf dem Weg zur Hofburg liegt an anderer Stelle: Er ist seit 2012 Ehrenmitglied der Pennälerverbindung „Marko-Germania zu Pinkafeld“. Laut Selbstbeschreibung tritt diese „für die deutsche Kulturgemeinschaft in einem Europa des friedlichen Zusammenlebens ein“. Die „Marko-Germania“ ist deutschnational.

Schwarz-Rot-Gold statt Rot-Weiß-Rot

Die Verbindung verfügt über die üblichen Beziehungen zum äußeren rechten Spektrum. In der Festschrift zur Gründung der „Marko-Germania“ warnte Jürgen Hatzenbichler vor „der Chimäre einer multikulturellen Gesellschaft“. In der gleichen Publikation wurde „zum Widerstand gegen Überfremdung“ aufgerufen.

Die Bandfarben der Verbindung sind, wie bei solchen Burschenschaften üblich, Schwarz-Rot-Gold. Es sind die Farben der Revolution von 1848, aber auch die des deutschen Nationalstaates. Ein Bild Hofers vom heurigen Akademikerball, auf dem er mit dem Band zu sehen ist, hat deshalb für Aufregung gesorgt.

Wer als Erwachsener einem solchen Verein beitritt, zeigt damit seine Verbundenheit zu ihren Werten. Die „Marko-Germania“ ist eine erst 1994 gegründete und mittlerweile wenig aktive Schülerverbindung, doch über sie fügt sich Norbert Hofer in das Spektrum jener, die auf die eine oder andere Weise mit der österreichischen Unabhängigkeit hadern.

An Österreich glauben

Von der Vorstellung, alle deutschsprachigen Österreicher seien Teil der deutschen Nation, hat sich die FPÖ insgesamt nie ganz gelöst. Die Vorgängerbewegung VdU hält daran noch 1954 in ihrem Parteiprogramm fest: „Österreich ist ein deutscher Staat, seine Politik muss dem gesamten deutschen Volk dienen.“ Die FPÖ erkennt später zwar die Eigenstaatlichkeit Österreichs an, für Jörg Haider aber war die Vorstellung einer österreichischen Nation nichts anderes als eine „ideologische Missgeburt“.

Strache spricht mittlerweile sogar von einer österreichischen „Staatsnation“. Kulturell und „völkisch“ sieht man sich aber nach wie vor beim nördlichen Nachbarn verwurzelt. Im freiheitlichen Parteiprogramm des Jahres 2011 heißt es daher immer noch: „Es gilt, die Interessen des deutschen Kulturraumes zu unterstützen.“

Norbert Hofer steht in dieser deutschnationalen Tradition. Es sei für ihn leicht, sich „sehr stark mit den Inhalten der FPÖ zu identifizieren“, sagte er der Presse 2013. Schließlich sei er „für die Programmarbeit hauptverantwortlich“ gewesen. Auch im „Handbuch freiheitlicher Politik“, das Hofer mitentworfen hat, ist der Zug zum großdeutschen Standpunkt zu spüren. Die Partei bekennt sich darin zwar „zur Republik Österreich“, für sie sind die Österreicher aber „aufgrund der gemeinsamen Sprache, Religion, Kunst sowie Kultur und der über Jahrtausende gemeinsamen Geschichte in die deutsche Kulturgemeinschaft eingebunden.“

Der verklausulierte Deutschnationalismus der FPÖ ist einerseits ein Signal an die alten Eliten, andererseits sollen Formulierungen wie „Kulturgemeinschaft“ anstelle von „Nation“ den diffusen, neuen und von den Freiheitlichen mitgeschürten österreichischen Nationalismus nicht vergällen. Im Kern ist die Wertehaltung jedoch eindeutig. Wer sich zur deutschen Nation bekennt, drückt damit gleichzeitig eine innere Distanz zur gesellschaftlichen Gemeinschaft im Gegenwarts-Österreich aus. Ein Präsident sollte an sein Land glauben. Hofer kann nicht als Vertreter aller Österreicher auftreten, wenn er ihren deutschsprachigen Teil als Separatgesellschaft eines anderen Kulturkreises begreift.