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Vom „Kuschelkurs“ zum „Kindergartenniveau“

von Meret Baumann / 18.05.2016

„Beide blamiert, Amt beschädigt, Kindergartenniveau“ – mit diesen Worten analysierte der Politologe Thomas Hofer am Sonntagabend das Geschehen unmittelbar nach einer denkwürdigen TV-Debatte der beiden Präsidentschaftskandidaten. Der Privatsender ATV hatte ein Experiment gewagt und die Kontrahenten ohne Moderator, ohne inhaltliche Vorgaben oder Regeln 45 Minuten diskutieren lassen, nach dem Vorbild des TV-Duells zwischen den Kanzlerkandidaten Josef Klaus und Bruno Kreisky im Jahr 1970.

Das Ergebnis war ernüchternd bis befremdlich. Die Debatte lief rasch aus dem Ruder, Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen deckten sich gegenseitig mit Beschimpfungen und Anschuldigungen ein, beklagten „Lügen“ und „Schweinereien“. Eine inhaltliche Auseinandersetzung etwa zum Amtsverständnis oder zu der Rolle Österreichs in Europa fand nur zu Beginn und höchstens ansatzweise statt. Vor allem Hofer attackierte, unterbrach sein Gegenüber, machte sich lustig oder maßregelte, womit er Van der Bellen völlig aus dem Konzept brachte. Der sonst so bedächtige ehemalige Professor wirkte gleichzeitig aggressiv und hilflos.

Wem schadet es mehr?

Die Eskalation erstaunt, waren die Kandidaten doch im ersten Aufeinandertreffen nach dem ersten Wahlgang im ORF-Radio überraschend einig gewesen. Einige Medien sprachen damals sogar von einem „Kuschelkurs“. Der Effekt der jüngsten Debatte ist schwer abschätzbar. Hofer habe sein wahres Gesicht gezeigt, urteilten einige Beobachter. Das könnte ihm schaden, war er doch im ersten Wahlgang gerade deshalb so erfolgreich, weil er stets freundlich und sympathisch aufgetreten war.

Allerdings ließ Van der Bellen in der jüngsten TV-Debatte die Angriffe nicht souverän an sich abprallen, sondern konterte und wirkte dabei nicht souverän. Insgesamt dürfte die Diskussion der ohnehin hohen Politikverdrossenheit in Österreich Vorschub geleistet haben. Eine tiefe Wahlbeteiligung hilft aufgrund des großen Vorsprungs eher Hofer. Allerdings findet eine weitaus wichtigere Debatte, die des ORF, erst am Donnerstag statt. Beide Kandidaten haben die Chance, da den Eindruck zu korrigieren.