FOTO: APA/GEORG HOCHMUTH

Oh du mein Österreich

Österreichs Wendehälse in Umbruchzeiten

Meinung / von Matthäus Kattinger / 03.05.2016

Die Nervosität im politischen Österreich ist groß wie lange nicht. Im vermeintlichen Nicht-Lagerwahlkampf droht denen, die nicht das „richtige Innerste“ nach außen kehren wollen, die öffentliche Geißelung. Es geht mehr darum, wer etwas von sich gibt – nicht um den Inhalt. 

Nein, es ist kein Saharastaub, es sind auch keine Emissionen eines isländischen Vulkans, doch unzweifelhaft liegt was in der Luft. Es ist eine fast fiebrige Nervosität über Österreich spürbar. Manch mit Rot-Schwarz versteinertem Zeitgenossen mag das als Spinnerei erscheinen, doch die sensiblen Organe mancher Medienschaffender schreiben jene Umbruchzeiten geradezu herbei, vor denen sie seit Jahren glauben, uns warnen zu müssen. Die heraufdräuende Wende wird so zur selbsterfüllenden Prophezeiung jener, die sie doch um alles in der Welt verhindern wollten.

Mit dem unerwartet klaren Sieg des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer im ersten Durchgang der Bundespräsidentenwahl sind jedenfalls nicht nur bei den altbekannten Monokausalisten die Sicherungen durchgebrannt. Da werden heute genüsslich Demokratie-Endzeit-Szenarien beschrieben, um morgen zur höheren eigenen Ehre lauthals den Aufruf zum Widerstand zu proben. In diesen Zeiten der Polarisierung, auch wenn „Lager-Wahlkampf“ verpönt ist, verläuft quer durch Österreich quasi die Trennlinie: da die aufrechten Demokraten, die auch öffentlich bekennen, mit Alexander van der Bellen im zweiten Wahlgang das Abendland retten zu wollen, dort die Wendehälse, die meist nicht bereit sind, sich zu deklarieren.

Zwischen Wahlgeheimnis und Empfehlung

Wer sich da auf so sinistre Dinge wie das Wahlgeheimnis beruft, der ist zumindest verdächtig. Wären öffentliche Bekenntnisse und Wahlempfehlungen von Möchtegerns, Semi- oder Pseudo-Prominenten wirklich so siegbringend, wie uns manche glauben machen wollen (obwohl sie damit bloß ihre Auflage steigern), dann hätte ja Van der Bellen im ersten Wahlgang schon die absolute Mehrheit machen müssen.

Doch trotz des strategischen Empfehlungs-Rohrkrepierers von der Menasse-Riedl-Art gibt es vor der Stichwahl kein Pardon beim Farbebekennen. Zumal die Frontrunner in Sachen demonstrativen Bekennertums seit vergangenem Donnerstagabend ihren Grund zur Erregung um der guten Sache willen haben. Weigert sich doch Frau Irmgard Griss, die an Van der Bellen gescheiterte Kandidatin der unpolitischen Zivilgesellschaft, eine Wahlempfehlung für den nichtgrünen Grünen abzugeben.

Hanebüchen und naseweis

Profil-Herausgeber Christian Rainer läuft darob in seinem Leitartikel Sturm. Hatten sich doch die beiden Haus-Kolumnisten Elfriede Hammerl und Peter Michael Lingens zur Wahlempfehlung für Frau Griss durchgerungen (wiewohl sie in den Wochen davor die Kandidatin eher heruntergemacht hatten). Nun aber sieht Rainer sich und seine Kolumnisten mit Undank belohnt, weil … „Frau Griss selbst keine Wahlempfehlung für Alexander van der Bellen und gegen Hofer abgeben will“. (Hervorhebungen durch den Autor)

Angesichts derartigen Undanks Profil gegenüber läuft der Herausgeber fast Amok: „Tatsächlich redet sich Griss hanebüchen auf ihr ‚Wahlgeheimnis‘ aus, spricht naseweis davon, dass sie nicht ‚polarisieren wolle‘. Ja, Elfriede und Michael, was habt ihr denn gedacht? Dass hier aus dem Nichts eine Lichtgestalt geboren wurde, jungfräulich empfangen durch den Geist der Juristerei? Mitnichten, das ist taktisches Gewäsch mit Blick auf eine noch nicht näher definierte Griss’sche politische Zukunft.“

Soweit zur „beleidigten Leberwurst“ im Profil-Herausgeber. Unabhängig von dessen Ausfällen sagt es viel über das Demokratieverständnis eines Landes (und dessen Medien), wenn diese ihre offensichtlich wichtigste aufklärerische Informationstätigkeit darin sehen, so vielen „Adabeis“ wie möglich zu entlocken, wen sie denn wählen würden.

Was der Pinselstrich verrät

Aber möglicherweise ist das immer noch besser, als die Eignung eines Kandidaten daran zu messen, welchen Lieblings-Sänger, -vogel oder -maler er hat. Wie etwa Profil (ebenfalls in einem Leitartikel) und der Standard (auf Seite 1) mit Schaum vor dem Mund die Nicht-Eignung des FPÖ-Kandidaten Hofer daran ermessen wollten, dass dessen Lieblingsmaler ein kaum bekannter oberösterreichischer Maler namens Manfred Wiesinger ist, der sich jedoch Odin nennt und großdeutsche Karten malt. Wenn das kein Disqualifikationsgrund ist. Aber nichts im Vergleich dazu, würde ein Kandidat den moralischen (nicht künstlerischen) Missgriff tun und Rudolf von Alt, den großen österreichischen Aquarellisten, als Lieblingsmaler nennen. Denn diesen hatte ja Adolf Hitler ob seiner Landschaften und getreuen Wien-Motive zum Lieblingsmaler erkoren.

Das Bekenntnis zu einem Künstler ist nun mal ein Risiko. Wer erinnert sich noch an den Schock des politisch korrekten Österreich, als Mitte der 1990er Jahre Peter Sichrovsky zum FPÖ-Generalsekretär und EU-Abgeordneten mutierte? Er war davor eher als Schriftsteller und Dramatiker bekannt, dem Claus Peymann nicht ohne Hintergedanken das Burgtheater geöffnet hatte, war doch Bruder Heinz Sichrovsky als Kulturchef von News der allergrößte Propagandist von Peymann. Weshalb es nicht überraschen konnte, dass trotz fliehender Burgtheater-Abonnenten Peymann Sichrovskys Nazikinder-Stück „Schuldig geboren“ durch „alle Abonnement-Kategorien“ spielen ließ. Ja – bis Peter Sichrovsky den Schwenk zur FPÖ tat. Dann war er für Peymann von einem Tag auf den anderen nicht nur Persona non grata, nein, er äußerte sich plötzlich auch nur noch höchst abfällig über die dramatische Kunst Sichrovskys.

Was interessiert mich mein Gebrabbel von gestern?

So ändern sich nicht nur Zeiten, sondern auch Einstellungen – auch wenn nur wenige so locker die Meinung wechseln wie es Bruno Kreisky mit seinem „was interessiert sich meine Ansicht von gestern?“ getan hat. Im Österreich von heute müht sich manch Propagandist oder auch nur Mitläufer der Willkommenskultur sehr, sich an jenen Geheimcode zu erinnern, mit dem der Zauberlehrling zur Räson gebracht und die einstige Euphorie auf die bloße Chronistenpflicht reduziert werden könnte.

So überraschte Standard-Kolumnist Hans Rauscher am vergangenen Samstag in seinem Kommentar wohl manchen seiner Gesinnungsfreunde. Schon der Titel des Kommentars „Wie wäre es mit einer Art Null-Toleranz-Strategie?“ (angesichts von kriminellen Ausländer-Banden, Drogenkriminalität, sich häufender Übergriffe auf Frauen in Wien) dürfte viele aus dem Standard-Leserkreis verstört haben. Sosehr ich in diesem Punkt mit Rauscher übereinstimme, so sehr frage ich mich, was gewesen wäre, hätte selbiges der von Rauscher zum ÖVP-Scharfmacher hochstilisierte Sebastian Kurz oder gar FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache auch nur laut gedacht?

Die böse Fratze des Austrofaschismus wäre wohl das Mindeste, mit dem diese bedacht worden wären. Aber so ist das halt in Österreich: Entscheidend ist nicht der Inhalt, sondern wer diesen von sich gibt.

Wenn die FPÖ die Arbeiterkammer erobert

Apropos Inhalt: Beim Lesen des höchst anschaulichen Stimmungsberichts von Moritz Moser über die vielfältigen Kundgebungen zum Tag der Arbeit auf dem Rathausplatz ging die Phantasie plötzlich mit mir durch. Wenn beim ersten Durchgang der Bundespräsidentenwahl etwa drei Viertel der Arbeiter den FPÖ-Kandidaten gewählt haben, fragte ich mich, wie das wohl so mit einer FPÖ-Mehrheit in der Arbeiterkammer, der angeblich so unpolitischen und überparteilichen Denkfabrik von SPÖ und Gewerkschaften wäre. Nur schade, dass da Werner Muhm nicht mehr im Amt sein wird.

Das wäre wohl der wirkliche Umbruch in diesem Lande. Wiewohl die inhaltlichen Unterschiede zwischen SPÖ und FPÖ viel geringer sind, als viele wahrhaben wollen. Die beiden trennt ja nur, dass die Ersteren laut offizieller Linie auf Bundesebene mit den zweiten nichts zu tun haben wollen und dass zweitens die FPÖ nur deshalb so stark ist, weil sie nicht umsetzen muss, wofür sie ihre Sympathisanten und Parteigänger jetzt glauben wählen zu müssen.