ORF/MILENKO BADZIC

Was Österreich über Lugner sagt, sagt mehr über Österreich aus als über Lugner

Meinung / von Wolfgang Rössler / 04.04.2016

Dürfen sie das? Oder nein, besser: Sollen sie das? Soll der ORF Richard Lugner Sendezeit geben?

Die Frage hat Falter-Chefredakteur Florian Klenk am Wochenende aufgeworfen. Dabei geht es im Kern um die Frage, ob der staatliche Rundfunk – der Gebühren einheben darf*, um besonders solide zu informieren – einem aussichtslosen Bewerber, dem nichts peinlich ist, eine Plattform geben soll. Ist es geziemlich, einen Mann, der sich „Mörtel“ nennt, in die Pressestunde einzuladen? Fügt das diesem Format Schaden zu? Wird dabei die Kompetenz der Interviewer verschwendet? Ist es eine Beleidigung der Intelligenz jener Politik-Aficionados, die an einem Frühlings-Sonntagmittag nichts anderes zu tun haben, als sich eine knochentrockene Politik-Sendung reinzuziehen?

Komischerweise hat sich niemand darüber aufgeregt, dass im selben Format Irmgard Griss – der im Gegensatz zu Lugner eher ein Zuwenig an Lockerheit vorgeworfen wird – von Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner interviewt wird. Die Forderung nach einem öffentlich-rechtlichen Schundverbot gilt offenbar nur für Politiker. Nicht für die interviewenden Journalisten.

Wie auch immer: Die Lugner-Frage lässt sich einfach beantworten. Er hat jene 6.000 Unterstützungserklärungen gesammelt, die man zum Antreten braucht. Das – und nur das – macht ihn zu einem ernstzunehmenden Kandidaten. Daher soll ihm der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Möglichkeit einräumen, seine Ansichten darzulegen.

Das gilt für die Pressestunde ebenso wie für Hanno Setteles Wahlfahrt, das halbsatirische Interviewformat im Mercedes-Oldtimer. Dort sagte Lugner im Übrigen ein paar ziemlich spannende Sachen.

Schuld an seiner Kandidatur war ein hartnäckiger Österreich-Reporter, der seiner Eitelkeit schmeichelte. Wir haben auch etwas über die Geschäftspraktiken von Meinungsunternehmen erfahren: Ob man denn die Umfrage „ein bissl in Ihre Richtung färben“ sollte, sei er gefragt worden.

Boulevardzeitungen, die Politik machen? Institute, deren Umfragen sich nach den Vorlieben des Auftraggebers richten? Was Lugner bei Hanno Settele erzählt, ist alles andere als banal: Es beschreibt die Realität in Österreich. Alleine das rechtfertigt seine ORF-Auftritte.

Vielleicht erklären gerade solche Aussagen die Abwehrreaktionen des Establishements gegen Lugner: Es erkennt sich in ihm wieder.

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*) Korrektur: In einer früheren Version stand hier, dass der ORF „Steuergeld“ bekommt, um sein Programm zu bestreiten. Tatsächlich finanziert sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Österreich vor allem über Gebühren, die jeder, der im Besitz eines Empfängers ist, zu entrichten hat.