Bundespräsidentenwahl

Was war da wieder mit den Umfragen?

von Moritz Moser / 25.04.2016

Österreich hat gewählt, und die Meinungsumfragen lagen wieder einmal, zumindest zum Teil, daneben. Warum das so war, versuchte der NZZ.at-Clubabend zu klären.

Österreich hat sich, so meint Michael Fleischhacker, wieder einmal als „Labor für abendländische Untergänge aller Art“ bewiesen. „Was ist da eigentlich passiert?“ In der letzten Woche hat sich noch wahnsinnig viel getan, erklärte Karin Cvrtila von OGM. Der Trend habe auch gezeigt, dass Hofer hinzugewinne, jedoch nicht in dieser Intensität. Die Umfragewerte von Griss seien relativ konstant gewesen, bei Hundstorfer, Khol und Lugner sei die Datenlage auch nach den Umfragen relativ klar gewesen.

„Wir haben natürlich einen veritablen Bauchfleck gelandet“,  sagt Peter Hajek von Public Opinion Strategies. Am Samstag sei klar gewesen, dass Hofer stark abschneiden werde. Man habe das Ausmaß nicht vorhergesehen, weil es bei der Wien-Wahl einen ähnlichen Trend gegeben habe, die Freiheitlichen aber letztlich schwächer abgeschnitten hätten. Drei Wochen vor der Wahl habe man Hofer zunächst auf Platz eins gehabt, allerdings habe man jene Online-Umfrage, die durch einen weit jenseits bisheriger Trends liegenden Hofer-Wert als fehlerhaft angesehen wurde, wieder herausgerechnet.

Mit Telefonumfragen erwische man gewisse Gesellschaftsgruppen nicht mehr, sagt Hajek, junge Männer beispielsweise. Bei persönlichen Interviews wiederum habe man bei FPÖ-Wählern ein Deklarierungsproblem. Jemandem ins Gesicht zu sagen, dass man die Freiheitlichen wähle, sei für viele noch immer ein Problem.

Immer wieder Rohdaten

Rohdaten bleiben ein schwieriges Thema: Es handelt sich um umfangreiche SPSS-Dateien. Diese müssen erst aufbereitet werden, um Schieflagen, wie sie etwa durch zu starke Berücksichtigung gewisser Altersgruppen entstehen, zu vermeiden. Die Medien müssten geschulte Journalisten haben, die mit solchen Daten umgehen können, fordert Peter Hajek. Überhaupt will er die Medien nicht aus der Verantwortung entlassen: „Wer hat den Spin mit dem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den drei stärksten Kandidaten gebracht?“ Man könne gerne sechs Monate vor der Wahl keine Umfragen mehr veröffentlichen. „Dann schauen wir uns an, wie die Medien über Wahlkämpfe berichten.“ Es gebe zwei Gruppen, ergänzt Cvrtila: „Die einen meinen, man solle alles publizieren, die anderen sagen: ‚Publiziert gar nichts.‘“

Der Wähler ist kein Taktiker

Wie sinnvoll sind Umfrageverbote vor der Wahl? Ein wenig taugliches Mittel, meint Hajek. In Frankreich werde das Publikationsverbot beispielsweise so umgangen, dass belgische Zeitungen Umfragen durchführen lassen und dann von französischen Medien zitiert werden. Dass Umfragen massiv zu Wählerströmen beitragen, bezweifeln die Meinungsforscher. Das Kampagnenteam von Irmgard Griss hat die Umfragen zur Kenntnis genommen, aber versucht, sie nicht überzubewerten, sagt Wahlkampfleiter Milo Tesselaar.

Gibt es überhaupt taktische Wähler? Im Publikum heben sich einige Hände. Aus welchen Gründen wählt man taktisch? Er habe sich zwischen zwei Kandidaten entschieden, erklärt ein Zuhörer. Er habe die Kandidatin gewählt, der er einen Sieg gegen Hofer eher zugetraut habe. Hat so etwas Auswirkungen auf das Ergebnis? Kaum, meinen Cvrtila und Hajek. Taktische Wahlentscheidungen treffen höchstens sehr interessierte Wähler. Außerdem seien Khol und Hundstorfer schon im Jänner weit zurückgelegen. Wenn ein Wahlkampf schlecht sei, müsse man das auch einfach sagen, meint Hajek.

Baba, Rudi

Gibt es Wunschdenken von Meinungsforschern, das sich auf Ergebnisse auswirkt? „Ich bin ja nicht der Rudi Hundstorfer, der sagt: ‚Es hat noch nie eine Intervention bei mir gegeben.‘“, unkt Peter Hajek. Umfragen über Autos seien sehr einfach, da deklariere sich jeder. Bei Themen wie Sex sei das schwerer. Angeblich haben die Österreicher fünf Mal in der Woche Geschlechtsverkehr, die Österreicherinnen aber nur einmal. Im Bereich Politik sei das ähnlich.

Als Meinungsforscher sei man auch sehr abgebrüht, meint Karin Cvrtila, da klammere man die eigene Meinung aus. Zumindest was die Sonntagsfrage angeht, könne es nicht an der Fragestellung liegen, denn sie sei international überall gleich, da gebe es einen Standard, sagt Hajek.

Hat Griss aufgrund der Umfragen Khol Stimmen gekostet? Griss-Wahlkampfleiter Tesselaar glaubt das. Man habe auch bemerkt, dass Khol plötzlich wesentlich liberaler aufgetreten sei als zuvor. Hätte man gewusst, wie stark Hofer abschneidet, hätte es Griss vielleicht auch eher in die Stichwahl geschafft. Ihr habe man schließlich eher zugetraut, Hofer zu besiegen. Hajek glaubt das nicht: Die Linke hätte dann wohl viel stärker mobilisiert, à la „Rudi, baba und fall net!“

Servus, Norbert?

Wer ist der Favorit für die Stichwahl? „Ja, es ist wahrscheinlicher, dass Hofer gewinnt“, sagt Hajek. Man habe mit den Medienpartnern gesprochen, ob man nicht vor der Stichwahl auf Umfragen  verzichten wolle. Karin Cvrtila sieht Hofer ebenfalls in der Pole-Position. Aktionen wie jene der ÖH und Zurufe aus dem Ausland würden dem FPÖ-Kandidaten noch zusätzlich nutzen.

Gibt es gläserne Decken für Parteien und Kandidaten? Sein Doktorvater, erzählt Peter Hajek, habe in den 80ern erklärt, Haider werde nie über zehn Prozent kommen. Er selbst halte mittlerweile auch eine Absolute für die FPÖ nicht mehr für ausgeschlossen.

FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl habe sich Van der Bellen als Gegner für Hofer gewünscht, meint Milo Tesselaar. Er werde schon wissen, warum. Hofer sei aber auch Van der Bellens erste Wahl als Finalgegner gewesen, weil das die Mobilisierung „gegen rechts“ erleichtere. Viele Bürger auf dem Land und im bürgerlichen Lager würden den ehemaligen Bundessprecher der Grünen aber nie wählen, ist Tesselaar überzeugt. Hofer werde die Stimmen von Griss vielleicht gar nicht brauchen, um zu gewinnen.

Ob die FPÖ-Wähler beim zweiten Wahlgang zu Hause bleiben? Wenn es schönes Wetter gebe und Hofer in den Umfragen vorne liege, könne das sein, meint die OGM-Meinungsforscherin. Allerdings halte sie das für wenig wahrscheinlich.

Eine letzte Frage aus dem Publikum: Sieht jemand am Podium noch die Chance, dass sich die große Koalition bis 2018 noch erfängt? Einhellige Antwort: Nein.