APA/HERBERT NEUBAUER

Wahlkampf Infotainment

Witze, Kochen, NLP

von Barbara Kaufmann / 22.05.2016

Wettkochen, Sprechanalysen und prominente Schwiegertöchter. Der Wahlkampf wurde medial ausgereizt wie schon lange keiner mehr. Hat am Ende das Infotainment gewonnen?

Je näher das Ende eines Wahlkampfes rückt, umso mehr hat man als aufmerksamer Medienkonsument den Eindruck, dass schon alles gesagt worden ist. Und zwar von jedem. Ehepartner, Kinder, Schwiegertöchter – so sie prominent genug waren wie im Falle von Andreas Khol die RTL-Moderatorin Nazan Eckes – kamen ebenso zu Wort wie Weggefährten, alte Freunde und die Experten für ohnehin alles, die auf der Kurzwahltaste in jeder Redaktion des Landes gespeichert sind. Es wurde um die Wette gekocht, ein Witzemarathon veranstaltet, ein psychologisches Experiment versucht, in dem man die Kandidaten ohne Moderator in einen Raum mit Kameras setzte. Und doch ertappte man sich gegen Schluss bei der nun wirklich allerletzten Fernsehkonfrontation dabei, die Antworten der verbliebenen Kandidaten mitsprechen zu können. Die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Nietzsche ist nicht die schlechteste Lektüre in Tagen wie diesen.

Vielen war der Wahlkampf zu lang, aber war er es wirklich oder ist nur die Berichterstattung darüber zu episch geraten? Waren denn die Kandidaten wirklich gut damit beraten, gefühlt jeden Pressetermin, der sich nur irgendwie angeboten hat, wahrzunehmen? Nach zig Konfrontationen, Sendeformaten und unterschiedlichen Settings, in denen sie aufeinander losgelassen wurden, hatte man da nicht als Zuseher unwillkürlich das Gefühl, dass man all das, was man über Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen erfahren hatte, vielleicht niemals so genau wissen wollte? Wenn am Schluss des Wahlkampfs der vorwiegende Reflex von Leserinnen und Lesern auf Wahlberichterstattung darin besteht, sich nur noch das Ende derselben zu wünschen, wenn selbst Kolleginnen aus Gründen der Erschöpfung den Wahltag nicht mehr erwarten können, ist dann nicht vielleicht doch irgendetwas schrecklich schiefgelaufen?

Geheimnisvolles NLP

Spätestens als sich die Kandidaten nur noch wiederholten, weil sie eben auch nicht mehr sein konnten als sie selbst, wurden die TV-Auftritte zäh und langweilig. Dann kam das Experiment von ATV, in dem beide ohne Moderator aufeinandertreffen sollten, und versprach zumindest etwas Abwechslung. Das Ergebnis war desaströs, brachte jedoch eine dramaturgische Wendung in der Wahlberichterstattung. Man legte das Augenmerk nicht mehr darauf, was gesagt wurde, sondern wie. Die Kommunikationstechniken der beiden standen im Mittelpunkt der Analysen, und vor allem bei Norbert Hofer vermutete man aufgrund seiner Besuche diverser Kommunikationsseminare in der Vergangenheit, dass er eine Technik meisterhaft beherrscht, die in FPÖ-Kreisen stets beliebt war und um die sich seit jeher etwas Geheimnisvolles rankt: NLP. Eine Sammlung verschiedener Kommunikationsmethoden, die hauptsächlich zu Therapiezwecken erfunden wurde, jedoch ähnlich wie andere psychotherapeutische Methoden schnell Einzug in Manager- und Politiker-Coachings fand.

Dort wurden die Techniken, die eigentlich dazu dienen sollen, Blockaden zu lösen und Traumata zu überwinden, teils verfremdet und zu Manipulationszwecken missbraucht. Wer jedoch selbst jemals ein NLP-Seminar besucht hat, wurde bei den eifrigen Analysen des Auftritts von Norbert Hofer beim ATV-Duell den Eindruck nicht los, dass sein oftmaliges Unterbrechen seines Kontrahenten natürlich mit gewissen Crash-Techniken des NLP in Verbindung gebracht werden könnte, dass es sich jedoch genauso gut um einen destruktiven Kommunikationsstil gehandelt haben könnte, über den viele Menschen auch ganz ohne einschlägiges Training verfügen. Zu fahrig, unfokussiert und dramaturgisch zusammenhanglos wirkten seine Ausfälle Van der Bellen gegenüber. Die Emotionsausbrüche, die man dem Gegenüber unterstellt („Warum sind Sie denn so nervös?“), um es in die Defensive zu drängen, das Gespräch an sich zu reißen und drehen zu können, fanden letztendlich auf beiden Seiten statt. Um es im Sportreporterjargon zu sagen: Norbert Hofer ging vielleicht besser trainiert in dieses Spiel, konnte die Chancen jedoch nicht verwerten.

Zu Tode seziert

Nach der finalen TV-Konfrontation im ORF wurde extra ein Kommunikationstrainer zur Analyse geladen, der den Zusehern etwa erklärte, was es bedeutet, wenn Norbert Hofer nach einer Frage an ihn zu Boden schaut. (Er verschließt sich, macht emotional zu.) Dass bei der ganzen medialen Aufregung um den offenbar kommunikationstechnisch mit allen Wassern gewaschenen FPÖ-Kandidaten der Sprechstil und das Auftreten Alexander Van der Bellens etwas ins Hintertreffen geriet, verwunderte indes. So könnte man das betont langsame Antworten auf Fragen und die vielen Pausen, die Van der Bellen beim Sprechen macht und die in den vergangenen Jahren eine Art Markenzeichen von ihm wurden, als Schrullen bzw. persönlichen Stil abtun. Das bewusste Setzen von Pausen und die Verlangsamung der Sprechgeschwindigkeit sind jedoch ebenfalls Skills, die man in Kommunikationsseminaren erlernen kann. Wenn man Politikerdebatten derart seziert, läuft der Inhalt Gefahr, irgendwann auf der Strecke zu bleiben. Wenn NLP alles ist, ist irgendwann alles NLP.

Ein Blick in die USA auf den aktuellen Vorwahlkampf der Präsidentschaftswahl zeigt jedoch, dass es immer noch schlimmer geht. Dort interviewte vor wenigen Tagen die Fox-Anchorfrau Megyn Kelly den republikanischen Kandidaten Donald Trump. Das Gespräch hatte schon im Vorfeld für viel Aufsehen gesorgt, weil Trump in einer vorhergehenden TV-Konfrontation, die u.a. von Kelly geleitet worden war, die Moderatorin beschimpft hatte, etwas, was er in den darauffolgenden Monaten via Social Media immer wieder auf teils wüste Art getan hatte, und was bei seinen Anhängern zahllose zumeist untergriffige Nachahmer gefunden hatte. Das Interview war auf eine Art öffentliche Verarbeitung des Konflikts mit anschließender Versöhnung der beiden angelegt und geriet zur Farce. Der politische Teil war nach wenigen Minuten abgehakt, und nun widmete man sich der seelischen Innenschau. Kelly fragte dazu Trump mit sanfter, leiser Stimme, was man eigentlich tun müsse, um ihn wirklich zu verletzen, ob ihn schon einmal etwas sehr verletzt habe, wie er denn seine Kindheit und seinen verstorbenen Bruder in Erinnerung habe. Und in diesem Stil ging es dann weiter.

Frühkindliche Traumata

Dagegen wirkt die heimische Wahlberichterstattung wie ein Seminar in politischer Bildung. Denn trotz aller Homestories, Vater-Sohn-Interviews, Ehefrauen-Vergleiche und Wettkocherei würde wohl kein Polit-Moderator auf die Idee kommen, den Kandidaten für ein hohes politisches Amt nach seinen frühkindlichen Traumata zu befragen. Die österreichischste aller Sportreporterfragen blieb uns bis jetzt zumindest erspart: Wie fühlen Sie sich? Wobei – abwarten. Der Wahltag ist noch nicht zu Ende.