Ulrich Schnarr/APA

Nach der Wahl

Wo ist Dunkelösterreich?

Meinung / von Barbara Kaufmann / 27.04.2016

Als im vergangenen Jahr Pegida die Straßen Dresdens eroberte und in Sachsen immer mehr Flüchtlingsheime brannten, erfand der deutsche Bundespräsident Gauck einen neuen geografischen Landstrich: Dunkeldeutschland.

Demnach gibt es ein helles, humanistisches, aufgeklärtes Deutschland, in dem Nächstenliebe praktiziert wird und Mitmenschlichkeit zu den wichtigsten Tugenden zählt, und ein Deutschland, das sich nie von seiner dunklen Vergangenheit gelöst hat. In dem Hass, Willkür und Gewalt an der Tagesordnung stehen, in dem man sich an den Ärmsten der Armen vergeht, brandschatzt und Schutzbedürftige vertreibt.

Entweder – oder

Ein manichäisches Bild eines Landes, von dem wir in den ersten Tagen nach der Bundespräsidentenwahl nicht so weit entfernt zu sein scheinen. „Entweder du bist Teil des Problems, oder du bist Teil der Lösung“, donnerte schon der RAF-Terrorist Holger Meins, und wenn man die Debatten in den alten und neuen Medien zum Wahlausgang verfolgt, erinnert die autoritäre Diktion vieler Stimmen der Pro- und Contra-Hofer-Lager tatsächlich an den Deutschen Herbst, als man nur für oder gegen die mordenden Soziologiestudenten sein konnte.

Da wird eine angemeldete Demonstration nicht nur „aus taktischen Gründen“ kritisiert, sondern laut darüber nachgedacht, sie besser abzusagen. Von beiden Seiten.

Da werden in einem kleinen, queeren Café mitten im gentrifizierten zweiten Wiener Gemeindebezirk Hofer-Wähler via Tafel vor dem Lokal dazu aufgefordert, weiterzugehen, weil man sie nicht im Lokal haben möchte. Ein Skandal. Für beide Seiten.

Das „andere Österreich“

Da posten seriöse Journalisten auf ihrem Facebook-Profil ellenlange Appelle mit vielen Ausrufezeichen und Großbuchstaben, in denen sie die Dringlichkeit des Aktionismus unterstreichen. Man müsse jetzt zur Tat schreiten und allen zeigen, dass man Teil des „anderen Österreichs“ sei. Während die Hofer-Wähler sich ganz sicher darin sind, „das einzig wahre Österreich“ zu verkörpern. Dabei ähnelt sich bei genauerem Hinsehen die Selbstgefälligkeit beider Gruppen frappant. Mehr als es ihnen offenbar bewusst ist.

Diese Aufrufe richten sich selbstverständlich vorwiegend an die homogene Gruppe der Gleichgesinnten, mit denen man auf den sozialen Netzwerken hauptsächlich kommuniziert. Man tut also das, was man bei sogenannten „Diskussionen“ auf Facebook, Twitter und Co. immer tut: Man gibt sich gegenseitig recht. Erbarmungslos. Und gefällt sich darin, alle anderen im besten Fall zu belehren, im Normalfall zu beschimpfen bis hin zur Aberkennung der Mündigkeit.

Drohparolen und missionarischer Eifer

Während sich die Hofer-Fans siegesgewiss geben, sich gegenseitig anfeuern und mit Drohparolen um sich werfen, nicht ohne in Willkür-Fantasien zu schwelgen – „Ihr werdet schon sehen, was wir in einem Land mit einem Präsidenten Hofer mit euch machen!“, sprechen sich die Gegner Mut zu. Nicht ohne einen gewissen missionarischen Eifer, gepaart mit moralischer Überlegenheit und Elitebewusstsein – als Protestantin kennt man das –, laut darüber nachzudenken, was man denn nun tun könne, um das dunkle Österreich wieder zurück ins Licht zu führen. Das Gute wird siegen, ist man sich sicher. Trotzdem regiert die Angst.

Nur keine falsche Bewegung, sonst hat der Hofer das nächste Mal 60 Prozent. Bewegt euch nur, höhnt das Gegenüber, die 60 Prozent haben wir bestimmt.

Niki Lauda und die Realität

Die Einzigen, die vom kollektiven Köpfeeinschlagen profitieren, sind die Politiker jener Parteien, deren Ideenlosigkeit, rigorose Klientelpolitik und Realitätsverweigerung überhaupt erst 35 Prozent für einen freiheitlichen Bundespräsidentschaftskandidaten ermöglicht haben. Es ist natürlich einfacher, das Gegenüber als ungebildetes Pack zu beschimpfen, als in den Gemeindebau zu gehen und mit ihm zu reden, zu diskutieren und zu argumentieren. Das tun in einem Land, in dem man den wissenschaftlichen Nachwuchs konsequent ausdünnt, indem man ihm die Wahl lässt zwischen Prekariat oder Umzug ins Ausland, verlässlich andere große Geister. In Frankreich steht es etwa auf der Tagesordnung, dass Philosophen zu aktuellen Themen befragt werden. Bei uns fragt man Niki Lauda.

Natürlich muss eine korrekt angemeldete Demonstration stattfinden können. Wenn unsere Demokratie ein paar tanzende Burschenschafter im Jahr verkraftet, die den Staat als solches in Frage stellen, dann auch ein paar Studierende, die den Ausgang der Wahl nicht goutieren. Politiker, die sich öffentlich dagegen äußern, sollten lieber über Argumente für den von ihnen präferierten Kandidaten nachdenken. Natürlich darf eine Unternehmerin in ihrem Kaffeehaus selbst entscheiden, welche Gäste sie bewirten möchte. Ob das probate Mittel gegen Intoleranz intolerantes Verhalten ist, müssen letztlich ihre Kunden entscheiden. Die können nämlich das, was jeder von uns bei der Stichwahl darf: frei wählen.

Auf der Suche nach Dunkelösterreich

Wo liegt nun Dunkelösterreich? Betrachtet man aktuell die Debattenunkultur zwischen den Österreich-Fahnenschwingern und dem „anderen Österreich“, scheint es gar nicht so einfach herauszufinden, wo das Licht ist und wo die Schatten sind. Da muss man doch unwillkürlich an das Ende von Bert Brechts „Dreigroschenoper“ denken, in dem der „kleine Mann“, der aktuell parteiübergreifend vereinnahmt wird, zu Wort kommt:

„Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“