Julian Salinas

Star Wars Dezember 2015

Familie Skywalker

von Daniel Di Falco / 15.12.2015

Wie kommen Eltern dazu, ihr Kind nach einem Bösewicht zu taufen, vor dem ein ganzes Universum zittert? Anakin ist mittlerweile neun und wohnt in Luzern. Daniel Di Falco hat die Familie für NZZ Folio besucht.

Die Galaxis, in der alles angefangen hat, ist „weit, weit entfernt“. Stattdessen sieht man von hier aus Rigi, Bürgenstock und Stanserhorn, zwischendrin der Vierwaldstättersee mit seinen Buchten, und den Rest der Kulisse füllen die Innerschweizer Alpen auf.

Willkommen bei Familie Skywalker. Sie wohnt in einem Block im Luzerner Vorort Horw. Gleich hinter dem Haus steigt der bewaldete Hang bis zum Pilatus hoch. Wenn der Sohn am Morgen aus der Türe tritt, dann braucht er nur eine gute Minute bis zur Schule. Der Bub geht in die vierte Klasse, und auf dem Pausenplatz spielt er Fangen, so wie alle anderen. Er heißt Anakin. – Anakin, wie Anakin Skywalker aus Star Wars, der, von der dunklen Seite der Macht verführt, zum schwarzgewandeten Kriegsherrn des Imperiums wird: Anakin ist Darth Vader.

„Das Ganze hat sich ein bisschen gelegt“, sagt Martina Isler, die Mutter. Hier in Horw war der Name des Buben bisher kein Thema, noch keiner hat ihn Anakin Skywalker gerufen statt Anakin Isler. Vielleicht ist es der Umzug; vielleicht hat man im neuen Bekanntenkreis des Sohns ja wirklich keine Ahnung von der Geschichte. Und er selber? Anakin lächelt und zuckt verlegen mit den Schultern. „Ich spiele mehr Fußball jetzt. Und Eishockey.“

Im aargauischen Baldingen, wo die Familie bis zum Sommer wohnte, war es anders. Da spielte Anakin Star Wars mit den Nachbarsbuben und kämpfte sich mit seinem Lichtschwert quer durchs Universum der Vorgärten. Bei der Tante gab es Delikatessen aus dem Star-Wars-Kochbuch: Han-Burger, Wookiee-Cookies, Yoda-Soda. Und dann die Kinderzeichnungen, der Vater legt einen Stapel auf den Esstisch, die ganze Star-Wars-Prominenz aus Kinderhand. Auch Boba Fett, der galaktische Kopfgeldjäger, samt Helm und Rüstung und Pistole.

„Hier“, sagt Anakin und zeigt auf den Rucksack, aus dem zwei Antennen ragen. „Das ist das Jetpack, damit fliegt Boba Fett.“

Oder ist es Jango Fett?

„Jango ist sein Kollege“, sagt Anakin.

„Jango ist sein Vater“, sagt Nicolas und schiebt sich eine Waffel in den Mund.

Nicolas ist der ältere Bruder Anakins, er wird in diesen Tagen zwölf, und er ist hier der größte Fan, dem unverdächtigen Namen zum Trotz. Den hat er vom Tag seiner Geburt, vom 6. Dezember. Bei Anakin dagegen kam der Name lange vor dem Kind. Die Eltern saßen im Kino und sahen sich „Attack of the Clones“ an, die zweite Episode der Saga. Darin tritt der junge Anakin Skywalker unter den Fittichen seines Jedi-Meisters zur Rettung der Galaktischen Republik an. Nach den Weltraumschlachten findet er auch noch Zeit für eine Traumhochzeit mit Padmé Amidala, der jungen Regentin des Planeten Naboo.

„Wenn wir nochmals einen Sohn bekommen, dann muss er Anakin heißen“, da seien sie sich einig gewesen, erinnert sich die Mutter. Blendend sah er aus, der Held, und dann die Liebesgeschichte. „Ohne sie hätte ich den Film sicher nicht zu Ende geschaut.“ Dann hätte ihr Mann Stefan keine Chance gehabt, seine Frau mit seiner Star-Wars-Begeisterung anzustecken. Wie finster es herauskommt mit dem Helden, wusste sie bereits.

Vierundvierzig Anakins gibt es in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik, und ihre Geburtsjahre verraten, wem sie das verdanken: Der Name taucht 1999 erstmals auf, mit dem Beginn der neuen Star-Wars-Trilogie. Er ist so selten wie Hermon, Ideal, Shpëtim oder Gleb. Aber er gibt zu reden. In den einschlägigen Internetforen ist man sich zwar über seinen Wohlklang einig. Zudem sei ein so außergewöhnlicher Name „einem Sammelbegriff wie Alexander immer vorzuziehen“, sagt eine gewisse Valerie auf www.baby-vornamen.de. Aber eben: Erfunden hat ihn die Spektakelindustrie. Darum sei ein Anakin „zwangsläufig Assoziationen und Projektionen ausgeliefert“, weiß ein anderer. Von Stigmatisierung, sogar von Identitätskrisen ist die Rede. Und schließlich sei es doch „kein menschenwürdiges Leben für das Kind, jedes Mal, wenn es nach seinem Namen gefragt werde, im Boden versinken zu müssen, wenn wieder einer sage: Oh, wie der schwarz maskierte Asthmatikertyp aus Star Wars?“.

Etwas ernster klingen die Berichte jener Eltern, die es bedauern, ihren Sohn Anakin getauft zu haben. Weil ihn in der Schule alle nur „Anika“ nennen. Und weil es sie selber „langsam total nervt“, laufend über Star Wars reden zu müssen, obwohl sie keine Fans sind. Wer dennoch für Anakin plädiert, der braucht eine gewisse Unbekümmertheit. Auch die gibt es in den Foren: Star Wars hin, Star Wars her – „uns gefällt der Name“.

Genauso hält man es auch im Hause Isler. „Es geht nicht um die Figur“, sagt der Vater, „es geht um den Namen.“ Den wollte ihnen zwar die ganze Familie ausreden. Weil er so speziell ist. Aber genau darum sind sie bei ihrer Entscheidung geblieben. „Wir wollten etwas Besonderes. Das ist ja das Schwierige.“ Und Hänseleien – die sind bisher ebenso wenig bekannt geworden wie Neidattacken Gleichaltriger, die bloß Levin oder Liam heißen.

Anakin hält derweil mit seinem Raumschiff Kurs. Es ist das Republic Gunship, das schwere Luftlandegefährt, berühmt geworden in der Schlacht um den Wüstenplaneten Geonosis. Die Plastikrakete prallt an der Brust des Vaters ab. Anakin Isler weiß von Anakin Skywalkers Schicksal. Woher, das ist mitten in der Schlacht schwer herauszufinden. Wohl vom Hörensagen. Von den Kollegen oder vom Paten. Aber nicht aus den Filmen, für die ist er noch zu jung. Und dass sein Namensvetter im Gefecht verstümmelt wird, in einen See aus Lava stürzt und am Ende sterben muss, nach einem Kampf gegen den eigenen Sohn Luke Skywalker – ist das nicht schlimm? Der blonde Bub mit dem Anflug von Sommersprossen auf der Nase zieht erneut die Schultern hoch und kichert, dann landet er auf Geonosis. „Rat mal, was passiert, wenn man hier drückt.“ Am Schiff springt eine Ladeluke auf: Darth Vader ist an Bord. Die Mutter Martina Isler springt mit einer Antwort ein: „Ganz am Schluss wird er ja erlöst, er wendet sich vom Bösen ab. So siegt doch das Gute.“

Davon hätte auch der Pfarrer damals reden können in der Taufpredigt. Aber mit Star Wars konnte er nichts anfangen. „Er hat dann über Anakins Zweitnamen gesprochen“, sagt der Vater Stefan Isler, der ebenfalls in einer Kirche tätig ist, als Sakristan. „Also über Lukas.“ – Lukas wie Luke.

Anmerkung:

In Österreich wurden laut Statistik Austria zumindest im Jahr 2014 keine Buben mit Namen Anakin geboren, dafür fünf Leias. In Österreich gilt „Bezeichnungen, die nicht als Vornamen gebräuchlich oder dem Wohl des Kindes abträglich sind, dürfen nicht eingetragen werden.“ (Personenstandsgesetz § 13 Abs. 2) Auch in der Schweiz wird die „Rückweisung von Vornamen, welche die Interessen des Kindes verletzen“ (ZStV 37 Abs. 3) praktiziert. Was „dem Wohl des Kindes abträglich“ ist, liegt allerdings im Ermessen des zuständigen Standesbeamten.

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