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Filmkritik

Krieg der Zitate in einer wohlbekannten Galaxie

von Susanne Ostwald / 17.12.2015

Der Plot wurde wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Nun ist klar, wer zur dunklen Seite der Macht übergetreten ist und wer jetzt für das Gute kämpft. Und wo steckt Luke Skywalker? „Star Wars – Episode VII“ gibt einige lange ersehnte Antworten.

Ein verrotteter Sternenzerstörer liegt im Wüstensand, gleich neben einem imperialen Kampfläufer, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Doch in dieser Galaxie wussten gewiefte Bastler schon immer Resteverwertung zu betreiben, und es ist eine selbstreferenzielle Ironie – wohl keine unfreiwillige, auch wenn die Assoziation nicht so schmeichelhaft ist –, dass die Hauptfigur im neuen „Star Wars“-Film eine Schrottsammlerin ist.

Sie verhökert die Überreste des alten Imperiums an einen windigen Händler, einen Wiedergänger des schmierigen Watto aus Episode I. Recycling ist sein Geschäft – und nicht nur das seine. Eine Koryphäe auf dem Gebiet der Wiederverwertung ist auch der amerikanische Regisseur J. J. Abrams. Das Genialisch-Epigonale liegt ihm in den Genen. Erst drehte er „Mission: Impossible III“ (2006), dann gelang ihm eine zweifache Wiederbelebung des „Star Trek“-Kults (2009 und 2013), und auch dem Großmeister Steven Spielberg hat er schon Reverenz erwiesen, mit seiner „E. T.“-Hommage „Super 8“ (2011). Jetzt hat er sich an die womöglich größte aller Kino-Sagas herangewagt.

Große Fußstapfen

Bald vierzig Jahre ist es her, dass die „Star Wars“-Raumflotte erstmals abhob, um die Kinowelt zu erobern. Mit Abständen von jeweils drei Jahren entstand ab 1977 die Ur-Trilogie, die bekanntermaßen der Mittelteil der von George Lucas auf neun Filme angelegten Reihe ist. In den Jahren 1999, 2002 und 2005 folgten dann die Episoden I–III, für Fans der ersten Stunde enttäuschend und mit nicht wenig Spott bedacht. Wie konnte es anders sein: zu technokratisch die geschwätzig erzählte Vorgeschichte, zu unprofiliert und austauschbar die Protagonisten, trotz starken Schauspielern wie Liam Neeson, Natalie Portman und Ewan McGregor, von denen nun naturgemäß keiner mehr dabei ist – es liegen rund siebzig Jahre erzählter Zeit zwischen den Episoden I und VII.

Kaum war vor einigen Monaten der erste Trailer zu Episode VII, „The Force Awakens“, herausgekommen, erschienen auch gleich Parodien; die witzigste machte einen Ulk mit einem neumodischen Laserschwert. J. J. Abrams muss unwohl geworden sein. Würde es ihm gelingen, die hohen Erwartungen der Fans zu erfüllen?

Abrams sicherte sich ab. Er holte mit Lawrence Kasdan, der bereits für die Skripts zu „The Empire Strikes Back“ (1980) und „The Return of the Jedi“ (1983) verantwortlich zeichnete, einen altgedienten „Star Wars“-Autor an Bord, einen, der sich in dieser Galaxie gut auskennt. Vielleicht zu gut? Es war zu hoffen, dass die Fortsetzung den wahren Spirit wiederbeleben würde, diese retrofuturistische Welt mit ihren überkommenen Herrschaftsstrukturen, altmodischen Laserschwertkämpfern, urzeitlichen Monstern und zerbeulten Raumschiffen. Und tatsächlich, da ist er wieder, gefunden auf dem Schrottplatz: Der Millennium Falcon, die schnellste Mühle im Universum, der ganze Stolz von Han Solo (Harrison Ford). Aber jetzt sitzt eine Frau im Cockpit.

Das Böse ist wiederauferstanden

Die schon erwähnte Schrottsammlerin Rey (gespielt von der Britin Daisy Ridley) gerät zufällig an einen lustigen kleinen Droiden namens BB-8, einen kugeligen Roboter mit Seele und Auftrag – so wie einst der legendäre R2-D2. Auch BB8 verbirgt in seinem Innern etwas Essenzielles, versteckt von Poe, dem besten Piloten der Rebellion (Oscar Isaac). Allerdings ist es diesmal nicht der Bauplan zum Todesstern, sondern eine Karte, die den Weg zu Luke Skywalker (Mark Hamill) weist, jenem Jedi-Meister, der sich an einen unbekannten Ort zurückgezogen hat, nachdem er von einem Schüler verraten worden war.

Und so ist das Böse wiederauferstanden, in Form des sinistren First Order und des Darth-Vader-Wiedergängers Kylo Ren (Adam Driver mit schwarzer Maske), der dem Supreme Leader Snoke (Andy Serkis) gehorcht, einer Art Imperator. Oberbefehlshaber der Storm Troopers in ihren weissen Rüstungen ist nun General Hux (der sympathische Ire Domhnall Gleeson in der Schurkenrolle). Die stilistischen Anleihen am Nazitum, schon in den alten Filmen überdeutlich, wurden noch einmal betont; der Krieg bekommt etwas weitaus Plastischeres – erstmals ist sogar Blut zu sehen.

So begibt sich Rey gemeinsam mit dem abtrünnigen Storm Trooper Finn (John Boyega in der Rolle einer in ihrer Loyalität so unsicheren Figur wie einst Han Solo) auf die Flucht vor den Schergen des First Order und auf die Suche nach der Oberbefehlshaberin der Rebellion. Ja, es ist die gute alte Leia (Carrie Fisher) mit Schneckenfrisur – aber einer neuen, wie Han Solo nicht umhinkann zu bemerken. Auch Chewbacca ist freilich wieder mit an Bord des dauernd reparaturbedürftigen Falken, der aber immer noch den Sprung durch die Lichtmauer schafft und dank Reys Flugkünsten noch jeden imperialen Kreuzer abhängt, in furios inszenierten Actionszenen, die gleichfalls augenzwinkernd an schon Gesehenes anknüpfen.

Todesstern mit Sonnenenergie

All diese Insider-Jokes sind erst der Anfang einer nicht enden wollenden Reihe von Anspielungen auf die ersten drei Filme – als wolle man mit Gewalt den „Sündenfall“ der späteren Episoden I–III vergessen machen. Da wären etwa erneut brutale Gläubiger des alten Schmugglers Han Solo, die ihr Geld wollen; eine Bar mit schrägen Außerirdischen dient wieder als Verhandlungsort. Die übermächtige Waffe des Bösen, die jetzt sogar in der Lage ist, dank aufgetankter Sonnenenergie, also geradezu ökologisch korrekt, mehrere Planeten gleichzeitig zu zerschroten, trägt nun den Namen Starkiller Base.

Und dann sind da natürlich die alles entscheidenden Familienverbindungen, die Frage, wer von der guten Seite der Macht abfällt und sich gegen seine eigene Sippschaft und die Republik wendet. Luke Skywalker war im Vorfeld bei vielen Fans diesbezüglich stark unter Verdacht geraten, denn er beherrscht die sagenumwobene Macht – und jetzt ist er zudem verschwunden. Es sei nur so viel verraten: Diesmal ist, die Beziehungen betreffend, alles irgendwie umgekehrt und doch gleich, bis hin zum entscheidenden Schwertkampf zwischen Vater und Sohn auf der Brücke.

Selbstironische Seitenhiebe

„The Force Awakens“ ist im Grunde keine Fortsetzung, sondern ein Remake. Dieser Sternenkrieg ist eine große Zitateschlacht, und so sehr man sich gewünscht hatte, der neue Film knüpfe mit Humor, ein bisschen Nostalgie und nicht zuletzt etwas Hochachtung an die Ur-Trilogie an, so haben Autor und Regisseur nun des Guten beinahe zu viel getan. Gewiss, es gibt diese Momente der Rührung über das Wiedererkennen alter Erzählmotive und Figuren, doch wo sind die neuen Ideen? Es scheint, als sei der 1966 geborene J. J. Abrams, der als Elfjähriger den ersten Teil der Serie sah, derart in Ehrfurcht vor George Lucas‘ Schöpfung erstarrt, dass er sich nicht getraut hat, von bewährten Pfaden abzuweichen. Er hat eigentlich alles richtig gemacht, doch der Déjà-vu-Effekt ist enorm. Wie Han Solo treffend bemerkt, ein weiterer selbstironischer Seitenhieb des Regisseurs: „Some things never change.“

Visuell ist Abrams die Anknüpfung perfekt geglückt. Er hat nicht zu stark auf Computertechnik gesetzt, hat die Wüstenszenen etwa tatsächlich in den Sand gesetzt, sozusagen, statt die Schauspieler vor Greenscreens agieren zu lassen. Die Hightech-Geräte zum Fliegen, Fahren und Schießen sehen wie eh und je wunderbar abgenutzt aus – wir befinden uns schließlich in einer weit, weit entfernten Galaxie (auch wenn sie uns inzwischen recht bekannt erscheint), und zwar „vor langer Zeit“. Also eine Art Hinterwald der Science-Fiction, und es gibt auch wieder Kämpfe zwischen Bäumen. Aber ohne Ewoks.

Kassenrekorde vorprogrammiert

Dass eine toughe Frauenfigur diesmal im Zentrum steht, ist allerdings eine behutsame Modernisierung. Die junge Rey ist keine Prinzessin, die im Goldbikini angekettet herumsitzt und gerettet werden muss wie einst Prinzessin Leia (die jetzt Generalin ist, „aber immer noch Royalty“). Rey ist eine schlagkräftige Entdeckerin, die sich selbst zu helfen weiss und nur zufällig auf der Seite der Rebellion gerät, so wie einst Luke Skywalker. Ihr trauriges Familiengeheimnis, bisher erst angedeutet, wird noch zu lüften sein.

Die Anknüpfungspunkte für Episode VIII, die 2017 ins Kino kommen soll, sind säuberlich ausgelegt. „The Force Awakens“ wird vermutlich erneut Kassenrekorde brechen; über 50 Millionen Dollar soll allein der Ticketvorverkauf bereits erbracht haben. Bis zum nächsten Film wird der Hype durch allerlei Spin-off-Produkte und Merchandising am Leben erhalten – „Star Wars“ ist freilich weit mehr als eine Filmserie. Es ist eines der erstaunlichsten Phänomene der Populärkultur und hat als Marke bis heute 28 Milliarden Dollar erwirtschaftet, davon allein 12 Milliarden im Spielzeugsegment.

Wie viele „Star Wars“-Figuren und -Computerspiele in diesem Jahr unter den Weihnachtsbäumen liegen werden, ist kaum zu ermessen. Es freut den Disney-Konzern, der die Rechte besitzt, seit George Lucas seine Firma im Oktober 2012 an den Mickey-Mouse-Konzern verkauft hat, für 4,05 Milliarden Dollar. Zahlen über Zahlen – und nicht wenige Fans, die des enthemmten Kommerzes um den Film längst überdrüssig sind. Doch sollte einem die berechtigte Skepsis gegenüber der perfekt geschmierten Marketingmaschine nicht den Blick fürs Wesentliche trüben: einen Film, in den viele Leute Herzblut gesteckt haben und der großen Kinospaß verbreiten wird. Getrübt wird die Freude allenfalls durch den Tod einer liebgewonnenen Figur; welcher, wird hier freilich nicht verraten.

Abtauchen in die Kindheit

Mag man sich auch mehr erzählerische Innovation vom Film versprochen haben, so überwiegt doch die geradezu infantile Freude daran, noch einmal abzutauchen in eine Galaxie der eigenen Kindheit, wobei auch die jüngste Generation längst vom „Star Wars“-Fieber befallen ist. Wie die James-Bond-Welt ist auch das „Star Wars“-Universum ein sich ständig selbst erneuernder Organismus. Die Macht ist eben mit ihm.

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