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Star Wars Dezember 2015

Star Wars als Schattenspiel

von John Krich / 17.12.2015

Das traditionelle Schattenspiel von Malaysia war vom Aussterben bedroht. Doch ein alter Puppenspieler und ein junger Werber hauchen der Kunstform mit Star Wars neues Leben ein. Ein Gastbeitrag von  John KrichJohn Krich ist freier Journalist; er lebt in Bangkok. Übersetzung: Robin Cackett, Berlin. .

Darth Vaders und Luke Skywalkers außergewöhnlichster Ausflug durch Raum und Zeit war ihre Landung in Kampong, einem Bauerndorf im abgelegensten Bundesstaat Malaysias. Dort steht neben dem wellblechgedeckten Haus von Muhammad Dain Bin Othman eine Werkstatt, durch deren Fenster man auf Bananenbäume und Kokospalmen blickt.

Pak Dain – Onkel Dain, wie er hier genannt wird – ist einer der letzten Meister des malaysischen Schattenspiels, des sogenannten Wayang Kulit. In seiner Werkstatt hockt ein kleines Team von Puppenmachern, das Muster und Löcher in die Wasserbüffelhaut stanzt, aus der nach und nach die Silhouetten entstehen. Neben den ehrfurchtgebietenden Gestalten von Rama, Sita, Hanuman und anderen Charakteren aus dem altindischen Epos Ramayana arbeiten sie auch an stilisierten Versionen der Helden und Bösewichte aus George Lucas’ Star-Wars-Saga. „Manche Gelehrten haben bei uns dagegen protestiert, dass das Schattenspiel mit Hollywoodfiguren arbeitet“, sagt Onkel Dain. Aber er entgegnet den Skeptikern: „Wie sonst, bitte schön, sollen wir diese aussterbende Kunst zu neuem Leben erwecken?“

Die Idee, hinter der weißen Leinwand ein Schattenspiel mit der Handlung eines Kino-Blockbusters aufzuführen, ist das geistige Kind von Tintoy Chuo. Der schrullige 43-jährige Großstädter chinesischer Abstammung, der eigentlich Yuan Ping heißt, hat sich nach den geliebten Blechspielzeugen seiner Kindheit den Gamer-Namen Tintoy zugelegt. Er arbeitet in der Hauptstadt Kuala Lumpur im Multimedia- und Werbebereich, hat Maskottchen für Videospiele gestaltet, aber auch Designs entworfen für Unternehmen wie Astro, den größten Kabelfernsehbetreiber Malaysias, Kentucky Fried Chicken und einen Freizeitpark. Als er 2012 angefragt wurde, ein Werk zu einer Gruppenkunstausstellung beizusteuern, sah er sich in der traditionellen Kultur Malaysias nach Inspirationen um.

„Aber weder die chinesischen Löwentänze Silat, eine malaysische Form der Kampfkunst, noch die Batik-Holzdrucktechnik rissen mich vom Hocker“, erinnert sich Tintoy Chuo. „Dann stieß ich auf das Schattenspiel und dachte darüber nach, wie sich seine Figuren mit japanischen Robotern oder Anime-Figuren verbinden ließen. Und dann kam ich auf Star Wars. Star Wars kennt schließlich jeder, sogar meine Mutter.“

Altehrwürdige Tradition – und Star Wars

Der Star-Wars-Fanclub hat in Malaysia über sechshundert zahlende Mitglieder und viele tausend Follower im Internet. Er veranstaltet regelmäßig Kostümpartys und Wettkämpfe für Star-Wars-Gamer. Der bedeutendste Hersteller malaysischer Zinnobjekte, Royal Selangor, hat gar eine eigene Star-Wars-Kollektion auf den Markt gebracht. Doch wie die meisten Einwohner von Kuala Lumpur, die auf internationalen Schulen und Universitäten ausgebildet worden waren, wusste Tintoy wenig über die Geschichten, die im traditionellen Schattenspiel aufgeführt wurden. Und er wusste auch nicht, dass diese altehrwürdige, volksnahe Theaterform vom Aussterben bedroht war.

Als Erstes versuchte er gemeinsam mit einem weiteren Grafikdesigner und Science-Fiction-Fan, mittels Feinlaser halbwegs authentische Prototypen zweier Star-Wars-Helden aus Wellpappe auszuschneiden. Aber schon bald merkte Tintoy, dass er sich nicht mit der Herstellung neuer Figuren begnügen wollte. „Je mehr ich darüber in Erfahrung brachte, desto klarer wurde mir, dass ich etwas zur Popularisierung des Schattenspiels unter der jüngeren Generation beitragen wollte“, erklärt Tintoy. „Ich war wie besessen von der Idee, unserer einheimischen Form des Geschichtenerzählens mithilfe der Star-Wars-Geschichte, die ja die ganze Welt in ihren Bann geschlagen hat, neues Leben einzuhauchen.“

Aber Tintoy musste sich nicht auf die Suche nach einheimischen Überlieferungen machen. Durch einen Facebook-Eintrag war Onkel Dain im fernen Kampong auf ihn aufmerksam geworden. Er besuchte Tintoy in der Hauptstadt. „Ich war wirklich gespannt, mit welchen neuen Mitteln dieser chinesische Junge bei der Bewahrung des Wayang Kulit helfen wollte“, erinnert sich Onkel Dain, ein kleiner, nussbrauner Mann mit spitzem Schnurrbart und bedächtig ironischem Lächeln. „Und ich wollte sicherstellen, dass er es richtig macht und sich an die Traditionen hält.“

Der Puppenmeister hatte noch nie einen Star-Wars-Film gesehen oder auch nur davon gehört. Tintoy gab ihm eine DVD mit den Filmen auf den Weg. Nachdem er sie sich angesehen und lange überlegt hatte, kam Onkel Dain zu dem Schluss, dass der Kampf zwischen mythischen Reichen im Weltraum als eine „äußere“ Geschichte betrachtet werden könne. Eine solche Geschichte gehört zwar nicht direkt zu der „inneren“ oder „eigentlichen Geschichte“ des Hindugottes Rama, sie darf aber gemäß den überlieferten Regeln als Stück über „andere Königreiche, die für die Macht Ramas empfänglich sein könnten“, aufgeführt werden. Tintoy hatte Onkel Dain die Entscheidung erleichtert, indem er sich bereit erklärte, die ganze Verantwortung auf sich zu nehmen, falls sie Unannehmlichkeiten bekämen.

Es folgte ein Jahr mit langwierigen Vorarbeiten. „Wir wollten ja nicht einfach eine Computerprojektion machen“, sagt Tintoy, „wir mussten vielmehr erst herausfinden, wie sich Raumschiffe und Laserkanonen in einem Schattenspiel darstellen lassen.“ Onkel Dain ergänzt: „Gleichzeitig sollten die Charaktere erkennbar und stimmig, aber auch schön sein.“ Dreidimensional wirkende Filmszenen mussten in „eine flache, zweidimensionale Welt“ übersetzt werden, wie Tintoy sich ausdrückt. Und auch die Figuren passte man der malaysischen Tradition an. Darth Vader wurde dem Bösewicht Rawana nachempfunden, bis hin zu den langen Fingernägeln und dem geschwungenen Saum seiner Uniform. Nur Vaders Lichtschwert ist ein wenig länger als traditionell üblich. Tintoy zeichnete die stilisierten Puppen mehrfach neu und überarbeitete sie digital, dann schickte er sie per E-Mail nach Kampong, bis Onkel Dain sie schließlich billigte.

„Das Schattenspiel drohte zu verschwinden, weil die jungen Leute heute ganz andere Mittel der Zerstreuung haben“, sagt Onkel Dain. „Aber jetzt benutzen wir die Technik, die ihm beinahe den Garaus gemacht hätte, um es zu neuem Leben zu erwecken.“ Onkel Dain half bei der Benennung der Charaktere mit. Darth Vader wurde zu Sangkala Vedah oder dem „Mächtigen General Vedah“, Prinzessin Leia ziemlich wörtlich zu Tuan Puteri Leah, R2-D2 heißt Ah Tuh, während Luke Skywalker den Namen Perantau Langit erhielt: „der durch den Himmel geht“. Passend dazu wurden seine Knie mit Federn versehen. Traditionelle Puppen stehen oft auf mythischen Wesen, die Star-Wars-Figuren dagegen auf Raumschiffen, Darth Vader zum Beispiel auf einem Sternenzerstörer mit einem traditionellen Dach.

Live-Performance

Ein pensionierter Journalist adaptierte den ersten Teils von „A New Hope“ von 1977. Im April 2013 wurde dann das erste Star-Wars-Schattenspiel der Welt im Ballsaal eines Hotels in Kuala Lumpur uraufgeführt; es dauerte eine halbe Stunde. Tintoy schätzt, dass er bis zu diesem Zeitpunkt etwa 10.000 US-Dollar aus eigener Tasche in das Projekt gesteckt hatte. „Wir hätten auch eine digitale Version machen können. Aber uns ging es darum, das Schattenspiel als Live-Performance zu bewahren – den Klang der Trommeln, die Dunkelheit und das Licht, die Energie, all das, was dem Ritual seine Kraft verleiht.“

Die fünfundzwanzigminütige Vorstellung zeigt Kämpfe von Vader und den Stormtroopern, unterbrochen von Glocken und lautem Klopfen: eine indonesische Version des Imperial March aus dem Film. Onkel Dain benutzt an den einschlägigen Stellen einen Stimmensynthesizer, der seine Rezitation tiefer klingen lässt. Sogar eine Schattenrakete startet. Im Hintergrund projiziert Tintoy einen sich fortwährend verändernden Himmel, was gar nicht leicht zu bewerkstelligen ist, ohne dass die Konturen der durch Glühlampen illuminierten Silhouetten auf der Leinwand verschwimmen. „Es ist wirklich ausgezeichnet“, sagt der Vorsitzende des Star-Wars-Fanclubs Sean Lee.

Die Produktion ist inzwischen rund zwanzig Mal gezeigt worden – vor einem Publikum in Stormtrooperkostümen oder mit Tattoos von Star-Wars-Helden und natürlich vor sehr vielen Kindern. „Ihre Zwischenrufe und ihr Gelächter machen mir deutlich, dass wir richtig liegen“, sagt Onkel Dain. Zu den schönsten Erlebnissen gehörten die Vorführungen im Malay Heritage Center in Singapur und in einem Saal in Sabah, dem wichtigsten malaysischen Bundesstaat auf Borneo, vor sechshundert Personen. „Wir wollten es erst auf einem Feld beim Dorf aufführen, bis wir hörten, dass der stellvertretende Ministerpräsident von Sabah kommen würde.“

Noch bewegender war, zumindest für Tintoy, dass durch Vermittlung des Star-Wars-Fanclubs auch Lucasfilm in San Francisco das Projekt offiziell guthieß und ihm für seinen „leidenschaftlichen Einsatz“ dankte. „Sie haben uns ihren Segen erteilt und eine unserer Puppen in ihrem Hauptsitz in Kalifornien ausgestellt.“

Das größte Kompliment sei es, sagt man, kopiert zu werden. Bei mehreren Schattenspielensembles aus Indonesien tauchten plötzlich auch Luke Skywalker und Prinzessin Leia auf. In dem Land, das sich selbst als Wiege des Schattenspiels begreift und wo mehr als dreißig verschiedene Stile gepflegt werden, behauptete eine Gruppe sogar, sie selbst hätte die Star-Wars-Version erfunden. „Sie haben jedoch sehr ungenau gearbeitet“, urteilt Onkel Dain, „es waren keine echten George-Lucas-Fans.“

Onkel Dains Raumschiffe

Es bleibt jedoch abzuwarten, ob Star Wars im Kernland der Schattenspiele einen neuen Meister hervorbringen wird. „Ich habe das Schattenspiel schon als Kind geliebt, aber ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, es selbst aufzuführen“, erinnert sich Onkel Dain. Der Regierungsangestellte, der im Bildungsministerium arbeitete – ironischerweise in der Abteilung für audiovisuelle Medien –, begann um 1980, in seinen späten Zwanzigern, sein künstlerisches Interesse ernsthafter zu verfolgen. Er überzeugte die drei besten lebenden Schattenspieler davon, bei ihnen in die Lehre gehen zu dürfen, bis er 1982 als Tok Dalang, als Puppenspielmeister, anerkannt wurde. „Wenn man ohne Anerkennung arbeitet, bringt es Unheil“, sagt er. Aber während ein Dalang früher an Erntedankfesten, Hochzeiten und anderen Festlichkeiten auftrat, um die Götter günstig zu stimmen, hatte Onkel Dain große Probleme, genügend Auftrittsmöglichkeiten und die zwölf Musiker zu finden, die es brauchte, um die Begleittrommeln und Gongs zu schlagen.

Die wichtigsten Teile, die man beherrschen müsse, seien die Lieder und der Kampf, erklärt Onkel Dain. „Jeder Charakter hat ein eigenes Lied und wird durch eigene Finger-, Gelenk- und Ellbogenbewegungen gelenkt.“ Er habe zwar selbst schon Schüler unterrichtet, aber nur die wenigsten hätten sich voll und ganz dem Schattenspiel verschreiben können oder wollen, weil so wenig damit zu verdienen war. Einige seien abgesprungen, weil sie keine Zukunft darin sahen und lieber auf die Universität gehen wollten.

Die Lage wurde weiter erschwert, als Malaysias oppositionelle islamistische Partei PAS in den 1990er Jahren im Bundesstaat Kelantan an die Macht kam und alle Schattenspiele verbot. Da es in der Haupthandlung um hinduistische Götter geht, die auf indische Einflüsse aus der Zeit vor der Islamisierung der Malaien durch arabische Händler zurückgehen, wurde diese Tradition wie viele andere als „unislamisch“ gebrandmarkt. „Zu Beginn und am Ende des Spiels stehen Rituale, in denen man mit unsichtbaren Geistern kommuniziert“, sagt Onkel Dain. Diese Geister würden nicht direkt verehrt, aber man bitte sie darum, die Vorführung nicht zu stören. Oder wie er es salomonisch ausdrückt: „Mag sein, dass das Wayang Kulit für Muslime nicht so geeignet ist, aber es ist auch nicht richtig schlimm.“ Onkel Dain ist selber Muslim.

Nachdem die Regierung des Bundesstaats das Potenzial dieser Kunstform als Touristenattraktion erkannt hatte, wurden zunächst regelmäßige Vorstellungen im wichtigsten Touristenzentrum der Provinzhauptstadt Kota Bharu erlaubt. Mittlerweile hat man das Verbot so weit gelockert, dass dieses Jahr in Kelantan ein internationales Schattenspielfestival stattfinden konnte. Der örtliche Kultusminister führt inzwischen ausländische Besucher in Onkel Dains Haus und Werkstatt, damit sie ihm bei der Herstellung der Puppen zuschauen können.

Die Figuren werden mit zehn verschiedenen Bohrerspitzen bearbeitet. Manchmal dauert es drei Tage, bis sie fertiggestellt sind, und ein falscher Schnitt kann die ganze Arbeit ruinieren. Früher kamen die Häute, die für die Puppen gebraucht werden, vom Metzger, heute bekommt Onkel Dain sie bereits getrocknet von den Bauern geliefert, damit sie nicht so stinken. Das Weiß für die Stormtrooper war aber mit dem gelblich durchscheinenden Leder nicht zu erreichen, deshalb fertigte Onkel Dain sie aus weißem Plastik. Erstaunlicherweise werden die meisten fertigen Figuren mit modernen Filzstiften koloriert. Im Gegensatz zu den bei uns bekannten Schattenspielen sind die malaysischen Figuren lichtdurchlässig, sodass sie auf der Leinwand farbig erscheinen.

Nach seiner Pensionierung 2008 konnte Onkel Dain sich zum ersten Mal ganz seiner Kunst widmen. „Ich war ja bei der Regierung angestellt, weshalb mein Haus zu einem der wenigen Ort wurde, wo offiziell genehmigte Aufführungen stattfinden konnten.“ Und dann gesteht er, dass er unruhig werde, wenn er nicht wenigstens einmal im Monat spiele. „Ich brauche es, um Dampf abzulassen.“

Es gebe heute nur noch etwa acht andere Schattenspieltrupps, die tatsächlich aufträten. „Die Regierung behauptet, es seien vierzehn, aber einige davon wurden doppelt gezählt“, spottet er. Es ärgert ihn, dass es bis heute keine staatliche Unterstützung gibt. Als die Pusaka, eine Nichtregierungsorganisation, die sich der Rettung traditioneller malaysischer Künste verschrieben hat, einmal bei einer anderen Aufführung ungewöhnlich viele Zuschauer anlockte, waren die Beamten in Kuala Lumpur überrascht, dass sich überhaupt jemand dafür interessierte. Und obschon ihm das Star-Wars-Projekt „neue Energie gegeben“ und ihn ermutigt hat, am Ball zu bleiben, hält Onkel Dain es für denkbar, dass die Schattenspielerei in zehn Jahren ausgestorben sein könnte.

Für Tintoy Chuo und seine Kollegen ist die Rettung des Schattenspiels zu einer Lebensaufgabe geworden. Wegen fehlender finanzieller Mittel und weil er nur mit Genehmigung spielen darf, hat er seinen Traum von einer kompletten Star-Wars-Episode im Schattenspiel noch nicht verwirklichen können. Neuerdings vermarktet er seine Bemühungen als „Fusion Wayang Kulit“ und hat von DC Comics die Erlaubnis erhalten, Schattenspielfiguren von Batman, Superman, Superwoman und anderen anzufertigen und in der Umgebung von Kuala Lumpur auszustellen. Er hat auch bewegliche Schattenspielpuppen von Bruce Lee und dem Weihnachtsmann geschaffen, die früher oder später ihren Platz in der südostasiatischen Ikonographie einnehmen sollen.

Aber Tintoy Chuos kühnste Ambition ist eine andere. Er möchte sein Wayang Kulit für George Lucas persönlich aufführen.

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