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Star Wars 2015

Star-Wars-Feiertag und C-3PO-Leggings

von Barbara Klingbacher / 09.12.2015

Die Weltraumsaga hat überall Spuren hinterlassen: in Religion und Politik, Mode und Musik, Wissenschaft und Technik. Barbara Klingbacher und Reto U. Schneider haben sich für NZZ Folio auf Spurensuche begeben.

Lauter Rekorde

Wenn in diesem Dezember der siebte Teil der Star-Wars-Saga weltweit in die Kinos kommt, wird „The Force Awakens“ den erfolgreichsten Filmstart aller Zeiten hinlegen. Auf über 600 Millionen Dollar veranschlagen Experten die Einnahmen am ersten Wochenende weltweit. Damit wird er die Herstellungskosten von rund 200 Millionen Dollar und die Marketingaufwendungen in derselben Größenordnung nach nur drei Tagen bereits übertroffen haben. Ein weiterer in einer langen Liste von Rekorden, die Star Wars hält. Das „Guinness Book of Records“ hat für die Space-Opera eine eigene Doppelseite reserviert: erfolgreichster Science-Fiction-Film, höchste Marketingeinnahmen, größtes Privatvermögen durch den Verkauf von Rechten aus einem Film, erfolgreichste Buchserie nach einer Filmreihe und so weiter.


Credits: (c) 20th Century Fox Film Corp.

38 Jahre sind vergangen, seit der Regisseur George Lucas den ersten Star-Wars-Film in die Kinos brachte. Bei der Premiere am 25. Mai 1977 rechnete niemand mit einem Erfolg. Im Gegenteil, das Studio 20th Century Fox musste die Kinos zwingen, den Film ins Programm aufzunehmen: Nur wer Star Wars zeigte, durfte auch das mit Spannung erwartete Liebesdrama „The Other Side of Midnight“ vorführen. Trotzdem lief er in nur knapp vierzig Kinos an.

Völlig überraschend entwickelte sich Star Wars zum Kassenschlager. Die Schlangen vor den Kinos waren die Topmeldung in den Fernsehnachrichten. Johnny Cash, Muhammad Ali, Ted Kennedy, alle stellten sich an, um den Film zu sehen. Die Aktie von Fox stieg von 13 Dollar auf 23. Star Wars wurde zum damals erfolgreichsten Film überhaupt. Zwei Fortsetzungen folgten 1980 und 1983, weitere drei Teile – die Vorgeschichte – 1999, 2002 und 2005.

2012 hat Disney die Star-Wars-Rechte für vier Milliarden Dollar von George Lucas übernommen und bringt jetzt die Episode VII, „The Force Awakens“, ins Kino, die erste von drei weiteren Kinofortsetzungen und mehreren Fernseh-Spin-offs.

Ein eigener Feiertag

Wie jede Glaubensrichtung hat auch Star Wars seinen Feiertag, es ist der 4. Mai. Und zwar, weil sich das Datum so gut für einen englischen Kalauer eignet. „May the force be with you“, lautet das bekannteste Zitat aus den Filmen, und das klingt eben wie „May the fourth be with you“. Wobei die Fans den Scherz und den Star-Wars-Tag nicht etwa Lucasfilm verdanken, sondern Großbritanniens Eiserner Lady. Margaret Thatcher hatte ihre Tories bei den Parlamentswahlen vom 3. Mai 1979 zum Sieg geführt, tags darauf, am 4. Mai, wurde sie als Premierministerin vereidigt. Ihre Partei – vielleicht auch lauter Star-Wars-Fans – schaltete zur Feier des Tages ein halbseitiges Inserat in einer Zeitung: „May the Fourth be with you, Maggie. Congratulations.“

Das Triebwerk aller Spezialeffekte

Harry Potter auf seinem Besen und der Terminator aus flüssigem Metall haben einen gemeinsamen Vorfahren. Wie die Filmillusionen von 300 weiteren Kassenschlagern stammen auch die Spezialeffekte in diesen Filmen von Industrial Light & Magic (ILM), jener Firma, die George Lucas im Sommer 1975 eigens für Star Wars gründete.

George Lucas 2015
Credits: JAMES LAWLER DUGGAN/Reuters

Als George Lucas Anfang 1973 darüber nachdachte, einen Science-Fiction-Film zu drehen, stellte er sich pompöse Raumschlachten vor, mit schnellen Schnitten und gewagten Schwenks. Doch das Studio 20th Century Fox hatte seine Abteilung für Spezialeffekte eben geschlossen. Und selbst wenn es sie noch gegeben hätte; was Lucas im Sinn hatte, ging weit über die Möglichkeiten herkömmlicher Techniken hinaus. Also rief er ILM ins Leben.

Am Anfang glich die Firma einer Hippiekommune. Die meisten Mitarbeiter waren Mitte zwanzig, hatten Design, Architektur oder gar nichts studiert und beflügelten ihre Kreativität gelegentlich mit einem Joint. Sie bauten filigrane Modelle von Raumschiffen, Kampfrobotern und vom Todesstern. Vor allem aber entwickelten sie die Dykstraflex, eine nach dem damaligen Leiter von ILM, John Dykstra, benannte Kamera. An einem Gelenkarm befestigt, konnte sie computergesteuert immer wieder auf derselben Bahn an den Modellen vorbeigeführt werden und ermöglichte so die Mehrfachbelichtungen, die für die Spezialeffekte in Star Wars nötig waren.

Ende der 1970er Jahre rief Lucas eine Computerabteilung ins Leben, mit der die Modellbauer zu Beginn nichts zu tun haben wollten. Das Ziel war, die Qualität digitaler Effekte so weit zu verbessern, dass sie mit realen Bildern kombiniert werden konnten, was in Filmen wie „The Abyss“ (1989) oder „Terminator II“ (1991) von James Cameron dann auch geschah.

Anders als von Lucas vorgesehen, hatten einige Leute aus der Computerabteilung die Idee, die entwickelten Verfahren nicht mehr nur für Filmtricks einzusetzen, sondern vollständig animierte Filme damit zu gestalten, worauf die Abteilung zu einer eigenen Firma namens Pixar gemacht und vom Apple-Gründer Steve Jobs gekauft wurde. Nachdem Pixar bahnbrechende Animationsfilme wie „Toy Story“ (1995) und „Monster Inc.“ (2001) hervorgebracht hatte, übernahm Disney 2006 das Unternehmen.

Bei ILM wurde ein anderer Film zum Wendepunkt: Steven Spielbergs „Jurassic Park“ (1993). Es war vorgesehen, die Dinosaurier darin in traditioneller Stop-Motion-Technik zu animieren, bei der einzelne Standbilder von Modellen aneinandergereiht werden; doch einige Programmierer erstellten ohne Auftrag die Computeranimation eines rennenden T-Rex. Spielberg war so begeistert davon, dass er sofort auf die neue Technik umstieg. Nach „Jurassic Park“ war ganz Hollywood verrückt nach Computeranimation. Millionenbudgets wurden aufgrund einer einzigen spektakulären Szene aus der Küche von ILM gesprochen, manchmal gab es noch nicht einmal eine Geschichte dazu.

Eigentlich wollte George Lucas nach den ersten drei keine weiteren Star-Wars-Filme mehr drehen, doch die neuen Möglichkeiten, die ihm „Jurassic Park“ vor Augen führte, brachten ihn von dieser Entscheidung ab. Er drehte mehr als zwanzig Jahre nach dem ersten Film die drei Prequels „The Phantom Menace“ (1999), „Attack of the Clones“ (2002) und „Revenge of the Sith“ (2005).

Zum Ärger vieler Star-Wars-Fans hat Lucas in diesen Filmen vieles vom Computer erschaffen lassen. Nicht nur Raumschiffe und ferne Planeten, sondern auch Hintergründe in ganz normalen Szenen und Klonkrieger. Die Stormtrooper in den ersten Filmen wurden von Schauspielern in Kunststoffrüstungen gespielt.

Der Regisseur des kommenden siebten Teils, J.J. Abrams, nahm die Kritik der Fans ernst. Er sicherte zu, dass in „The Force Awakens“ Computeranimationen zurückhaltend eingesetzt würden. Als Fotos vom Drehort durchsickerten, jubelten die Fans: Sie zeigten, dass Abrams das Raumschiff Millennium Falcon in realer Größe hatte bauen lassen.

Der perfekte Sound

Als im Mai 1980 die Premiere des zweiten Star-Wars-Films näher rückte, stellten Mitarbeiter von Lucasfilm fest, dass die Lautsprecheranlagen in den meisten Kinos von San Francisco in erbärmlichem Zustand waren. Die ganze Mühe, die die Toningenieure beim Abmischen auf sich genommen hatten, wurde von kaputten Boxen und akustisch miserablen Sälen zunichte gemacht. Also beauftragte George Lucas den Soundexperten Tomlinson Holman, Spezifikationen für einen besseren Klang im Kino auszuarbeiten. Zu Ehren von Holman und in Erinnerung an Lucas’ ersten Film, „THX 1138“, wurde das System THX genannt. An der Premiere des dritten Films, „Return of the Jedi“, wurde es 1983 zum ersten Mal eingesetzt und ist heute nicht mehr nur in Kinosälen der Garant für vorzüglichen Klang, sondern auch in Autos der Luxusklasse und bei der Wiedergabe von Musik in High-End-Hörräumen.

C-3PO auf dem Laufsteg

Es heißt, in der Modewelt gebe es wenig Peinlicheres, als an einer Party eine Frau zu entdecken, die das gleiche Kleid trägt; ebenso schlimm muss es für einen Modemacher sein, wenn ein anderer Designer die gleiche Idee über den Laufsteg schickt. Passiert ist das im Februar 2014. Das amerikanische Label Rodarte zeigte an der New York Fashion Week bodenlange Seidenröcke, die mit Bildern von Luke Skywalker, Yoda, dem Todesstern und dem goldenen Roboter C-3PO (Bild) bedruckt waren. Eine Woche danach stellte das britische Label Preen an der London Fashion Week seine neue Kollektion vor: Kleider und Blusen, auf denen Darth Vaders Maske prangte. Wie hatte das passieren können?


Credits: Allstar/Lucasfilm

Natürlich sind fast alle Designer, die heute an den Zeichentischen stehen, mit der ersten oder der zweiten Star-Wars-Trilogie aufgewachsen, sie schöpfen die Inspiration aus ihrer Erinnerung. Nicolas Ghesquière etwa, der ehemalige Designer von Balenciaga, hat sich früh als Fan zu erkennen gegeben. Er war es, der den Trend einst setzte: Schon 2006 zeigte Balenciaga Roboter-Leggins im Gold des Roboters C-3PO, später kamen dann Science-Fiction-Sweatshirts dazu und ein schwarzer Hut, der aussah, als habe man ihn Darth Vader abgenommen.

Rund ein Dutzend Modemacher haben Star Wars inzwischen aufgegriffen. Man hat Outfits gesehen, die sich an die Kleider des Kopfgeldjägers Bobba Fett anlehnten, und T-Shirts, die mit «Super Dooper Storm Trooper» bedruckt waren (Bobby Abley), es gab fließende Jedi-Gewänder (Alexander Wang) oder fusselige Pelzkreationen, die an Chewbacca erinnern (Burberry und Dior). Dahinter stehen allerdings nicht nur Zufall und Zeitgeist, sondern auch die Macht des Marketings. Bei Rodarte hatten die Designerinnen Disney angefragt, ob sie die Motive verwenden dürfen; die Schwestern Mulleavy sind mit George Lucas befreundet. Bei Preen hingegen war es umgekehrt: „Disney hatte uns eingeladen, mit ihnen zu arbeiten“, sagte die Designerin Thea Bregazzi nach der Show. Natürlich seien sie geschockt gewesen, als sie Rodartes Kollektion gesehen hatten. „Niemand hatte uns etwas gesagt.“