Michael St. Maur Sheil/CORBIS

Star-Wars-Fans

Statt Schönheit und Ruhe suchen sie Drehorte

von Margrit Sprecher / 10.12.2015

Auf einer irischen Insel kämpfen das Disney-Imperium und eine Handvoll grüner Rebellen um die Vorherrschaft. Während die Welt auf Episode VII der Weltraumsaga wartet, dreht man dort schon die nächste.

Solche Inseln gibt’s gar nicht. Was da aus dem Meer aufsteigt, ist ein Hirngespinst, die Ausgeburt einer bösen Phantasie, ein Hort für finstere Mächte. Gotisch gezackt stechen die schwarzen Felsen in den Himmel, glatt wie Grabsteinmarmor fallen die Wände ins Meer. Noch nie, so scheint es, hat ein menschlicher Fuß dieses wüste Eiland betreten. Geschweige denn wieder verlassen.

Der Eindruck täuscht. Im September 2015 schleppten Dutzende von Sherpas Kameras und Masken, Schwerter und mobile Toiletten über die 612 in die Felsen geschlagenen Stufen von Skellig Michael. Sogar eine Wind- und Regenmaschine hatten sie dabei. Das schien auf dieser sturmumtosten Insel so unsinnig, als brächte man den eigenen Sand in die Wüste mit. Die Sherpas gehörten zum Heer eines Galaxien umspannenden Imperiums namens Disney; jetzt brachte es auch Skellig Michael unter seine Kontrolle. Das schien niemanden zu stören, bis ein Häufchen grüner Rebellen daran erinnerte, dass die Insel unter Naturschutz stehe. Hier brüten Hunderttausende von Papageientauchern, gefährdete Sturmschwalben und Schwarzschnabelsturmtaucher. Hier steht ein Kloster aus dem 7. Jahrhundert, das mit seinen bienenkorbartigen Steinhäusern zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Die Macht aus Hollywood rüstete gegen den grünen Feind, als gelte es, ein Sternensystem zu besiegen. Ein Heer von Security-Leuten patrouillierte durch das friedliche Fischerdörfchen Portmagee an Kerrys Südküste, neun Seemeilen von Skellig Michael entfernt. Im Ohr den Knopf, die Hand auf der Pistole, warfen sie mürrische Blicke und kontrollierten jedes Auto und den Hafen, wo die Schiffe zur umkämpften Insel ausliefen. Als nächstes schickte Disney seinen Geheimdienst, der, einen Vertrag in der Hand, von Haus zu Haus ging. Die Bewohner mussten schriftlich versprechen, dass sie nichts, was sie vom Treiben der Macht mitbekämen, erzählen würden. Der Höhepunkt war das Kriegsschiff „Samuel Beckett“. Es kreuzte während der ganzen Drehzeit vor der Insel und verjagte alles, was näher als zwei Meilen kam. „Gratis von der irischen Regierung zur Verfügung gestellt“, vermuteten die Rebellen aus Natur- und Denkmalschutzkreisen. „Ein weiterer Kniefall vor Leuten, die von allem den Preis und von nichts den Wert kennen.“

Die Medienmeute

Wie viel Disney für die Dreherlaubnis im Naturschutzgebiet bezahlte, ist nicht bekannt. Bekannt sind nur die Summen, mit denen sich Disney in Portmagee Komplizen und Kollaborateure erkaufte. Die Fischer bekamen für ihre Unterschrift auf dem Geheimhaltungsvertrag 1.000 Euro, Arbeitsausfall inbegriffen. Weniger wichtige Leute wurden für ihre Verschwiegenheit mit Hinweisen auf künftigen Wohlstand abgespeist.

Die Einheimischen nahmen ihr Schweigegelöbnis so ernst wie die Zehn Gebote. „No comment“, fertigten sie Journalisten ab, die sich nach Star-Wars-Größen im Ort erkundigten. Andere wandten sich so brüsk ab, als hätte man ihnen ein unsittliches Angebot gemacht. In der irischen Tagesschau war ein Reporter zu sehen, der mit gestreckter Mikrophonstange einen Mann vor sich hertrieb, als wolle er ihn harpunieren. Auf dem Gesicht des Verfolgten kämpfte Angst mit Abscheu. Man hatte das Dorf ja vor der Medienmeute gewarnt; dass es so schlimm würde, konnte niemand ahnen.

Dabei – die Einheimischen hatten gar nicht viel zu erzählen. Die Filmcrew fuhr im Morgengrauen auf die Insel und kehrte bei Dunkelheit zurück. Die Requisiten waren in wasserdichte Planen gehüllt. Unmöglich zu erraten, ob darunter die Rüstungen der Stormtrooper oder die neuste Robe der Prinzessin waren. Filmstars bekam man in Portmagee ohnehin nicht zu sehen. Die flogen aus entfernten Viersternhotels in Helikoptern auf die Insel.

Luke Skywalker in der Bar

Erst am letzten Drehtag materialisierte sich eine Star-Wars-Größe im Dörfchen. Hauptdarsteller Mark Hamill alias Luke Skywalker stellte sich in Feierabendlaune hinter die Theke der Bridge Bar und zapfte Guinness für alle, und der Pub-Manager Ciuran Kelly hielt die Szene mit seinem Handy fest; von Filmen stand in seinem Schweigegelöbnis nichts. Dann stellte er das Video auf YouTube. Es zeigt, dass aus Lukes einst lichter Unschuld ein recht verwittertes Mannsbild geworden ist. In der Bar hängen keine Erinnerungsfotos. „Man hat uns verboten, mit Star Wars zu werben“, sagt Ciuran Kelly. Er versteht das: „Die Marke gehört Disney.“ Nicht mal die T-Shirts im Souvenirladen dürfen den Star-Wars-Schriftzug tragen. In der Not bedruckte man sie mit „Skellig Wars“ und ein paar martialisch eckigen, grimmig blickenden Vögeln, die als Weltraumkämpfer durchgehen könnten.

Jetzt fotografieren sich junge Frauen vor der Bridge Bar, als läge dort noch Sternenstaub herum. Ein Vorgeschmack auf den bevorstehenden Star-Wars-Rummel, hofft man in Portmagee. Ähnlich wie im nahen Dingle, wo jährlich Hunderttausende die Drehorte von „Ryans Tochter“ abfahren. Oder in Nordirland, wo die Kultserie „Game of Thrones“ bis jetzt 110 Millionen Pfund in die Kassen der Tourismusindustrie spülte.

„Und dann kommen diese …“ Patricia Kennedy sucht nach einem unverfänglichen Wort für ihre Empörung, „diese Ökoleute mit ihrem Umweltzeugs und machen alles kaputt.“ Sie besitzt das einzige Gasthaus im Ort, das „Moorings“ mit 15 Zimmern. Aber es geht ihr nicht nur ums Geschäft. Sondern um die Wahrung von Proportionen. „Eine Insel, die den atlantischen Stürmen trotzt, wird auch Star Wars überleben“, sagt die ehemalige Lehrerin und blickt, als hätte sie die Klassenletzte vor sich. Wie Patricia denkt das ganze Dorf. Wo jeder zweite arbeitslos und die gesamte Jugend nach Australien und Kanada ausgewandert ist, hat man nichts übrig für Leute, denen das Wohl der Vögel wichtiger als das Wohl der Menschen ist.

Das blieb auch der irischen Umweltorganisation An Taisce nicht verborgen. Sie zog es vor, das Unternehmen Skellig Michael aus der sicheren Distanz Dublins zu bekämpfen. Der Zorn der Umweltschützer richtete sich vor allem gegen Irlands Kulturministerin Heather Humphreys. „Heimlich wie eine Diebin in der Nacht“ habe sie gehandelt. Freitag um 17 Uhr reichte Disney das Gesuch ein. Montag um 9 Uhr war es genehmigt. Weniger speditiv verhielt sich die Ministerin gegenüber An Taisce: Sämtliche Protestbriefe blieben unbeantwortet.

Was die Umweltschützer nicht schafften, schaffte das Wetter: Ein Sturm verhinderte am ersten Drehtag die Fahrt auf die Insel. Damit ging auch das Gebet des Pádraig Ó Fiannachta in Erfüllung. Der Priester hatte Star Wars im „The Irish Catholic“ alles Schlechte gewünscht, „persönlich und aus ganzem Herzen“. Zu groß der Schaden: Von nun an denkt beim Namen Skellig Michael niemand mehr an eine der wichtigsten Stätten frühen Christentums. Von nun an denkt die Welt an Star Wars. „Geschändet für ewig!“ Gut möglich, dass die Kirche auch hinter dem Gerücht steckte, der Film missbrauche das Kloster als Bordell für Außerirdische. Patricia Kennedy glaubt das nicht. Sie glaubt, was ihr Mark Hamill abends in der Bar versprochen hat. Nun, nicht gerade versprochen, aber angedeutet: Der sakrale Charakter der Insel bleibt gewahrt. Das Kloster dient Luke Skywalker als Kraftort.

Dem Fischer Brendan ist egal, was Disney aus dem Kloster macht: „Solange sie es wieder aufbauen, ist alles okay.“ Obwohl die Temperatur nahe dem Gefrierpunkt liegt, steht er in kurzen Ärmeln im Hafen. Wie jeden Morgen teilen die für die Fahrt auf Skellig Michael lizenzierten Fischer den Fang des Tages unter sich auf. Die rund hundert Touristen sind mit Batterien von Wasserflaschen und derben Klamotten wie für eine Antarktisdurchquerung ausgerüstet. Dann beginnt der zweistündige Höllenritt über den aufgewühlten Atlantik. Mal werfen die Fischer wasserdichte Textilien und Tüten gegen Übelkeit unter ihre Opfer, mal tätscheln sie begütigend deren tropfnasse Scheitel. Am lustigsten freilich haben sie es unter sich. Aus der Steuerkabine kommt das Johlen in so regelmäßigen Abständen wie das eingespielte Lachen in der Comedy-Show.

Todesfallen und Stürme

Einen Vorgeschmack dessen, was die Besucher auf der Insel erwartet, lieferte schon die Warntafel im Hafen von Portmagee, die sich liest wie Dantes Lasst-jede-Hoffnung-fahren. Die Landung erfordert die Präzision eines Trapezartisten. Immer wieder fährt das schaukelnde Schiff – mal rauf, mal runter wie ein Lift – am einzigen Landetritt vorbei, kaum größer als ein Schuh. Der Weg ins Kloster ist eine schlüpfrige Wendeltreppe ohne Geländer, und plötzliche Böen schleudern den Besucher in den Abgrund. Todesfallen auch die Spitzkehren: Ein Schritt zu viel, und man tritt ins Leere. Dazu droht Steinschlag, es gibt weder Toiletten noch Wasser oder gar Schutzhütten. Gekrönt wird das Schreckensszenario vom Spruch: „In Gottes Netz sind wir alle vereinigt.“ Die Warnungen sind nicht nur Angeberei. Zuletzt kamen hier 2009 zwei Amerikaner ums Leben. Auch der Hauptdarsteller Mark Hamill wurde bei den Dreharbeiten nur durch einen beherzten Griff vor dem Absturz bewahrt. Erzählen die, die dabei waren. Stand in den Zeitungen. Bis der Beinah-Todessturz dementiert wurde, wohl auf Disneys Geheiß.

An zwei von sieben Tagen verunmöglichen Stürme die Überfahrt. Am nächsten Morgen presst der Wind die Palmwedel zu einem einzigen waagrechten Blatt zusammen. Die Fischer beginnen ihren freien Tag in der Bridge Bar und schaufeln mit auf doppelte Größe geschwollenen Händen Speck, Ei und Bohnen vom doppelt gefüllten Frühstücksteller. Eben haben sie beschlossen, den Preis für die Überfahrt von 50 auf 60 Euro zu erhöhen. Die vergeblich angereisten Touristen lungern auf dem Dorfsträßchen herum und kaufen Postkarten. Außer einem als Top-Toilette prämierten WC-Häuschen gibt’s nichts zu sehen. Bald werden sich hier tausende frustrierter Star-Wars-Fans stauen. So weit sind sie gereist. So nah sind sie der Kultstätte. Und nun geht nichts mehr. Die Überfahrt ist nicht nur wetterabhängig. Sie ist auch auf 180 Personen täglich beschränkt.

Dann schlägt die Stunde des John O’Sullivan. In seinem Skellig Experience Center landen alle, die die Insel verpassen. Sei es, weil sie kein Schiffsticket mehr ergatterten. Sei es, weil sie zu alt, zu jung, zu blasenschwach oder zu schwindlig sind. In seinem Center besteigen sie die Insel im bequemen Kinosessel, berieselt von gregorianischen Chorälen. Toilette und Cafeteria sind nebenan, und in der angegliederten Ausstellung erfahren sie alles über das Leben der Vögel und Mönche. Die Sturmschwalben fliegen jedes Jahr 9.000 Kilometer nach Südafrika. Die Klosterbrüder erreichten ihre Insel in Ruderbooten, im Jahr 600 der letzte Schrei in Sachen Transport. Trotz ihrer Abgeschiedenheit waren sie auf dem laufenden, wenn auch ein paar Wochen verspätet. Byzantinische Handelsschiffe brachten Kunde von einer Schlacht bei Rom, Plünderungen in Ionien, einem Erdbeben in Gallien.

Krieg den Sturmschwalben

Vier Tage nach Abzug der Besatzer aus Hollywood macht sich in Portmagee hier und dort Beschämung breit. Wie leicht hat man sich vom fremden Glanz blenden lassen, wie willfährig der Schweigepflicht der fremden Herren zugestimmt. Tatsächlich gibt’s nur drei, die ihre Unterschrift verweigerten. Es sind die Guides auf Skellig Michael. Im nachhinein kommt Claire O’Halloran der Überfall der Disney-Sturmtruppe auf die Insel vor, „als wäre eine Armee im Hintergarten gelandet“. Sie arbeitet seit 28 Jahren auf der Vogelinsel und hat mittlerweile selbst die Zartheit eines Vögelchens angenommen. Zuerst waren die Filmleute durchaus nett. Bis plötzlich alles eilte. Fragen und Einwände wurden überhört. Für die Durchsuchung der Transportboote nach Ratten blieb keine Zeit. Und dies, obwohl diese Kontrolle zu den wichtigsten Forderungen der Umweltschützer gehörte. Denn die Insel ist rattenfrei, und Ratten zählen zu den gefährlichsten Vogelfeinden. Bald wurde klar: Gegen die hochgerüstete Übermacht der Eroberer hatten Claire, ihre beiden Kollegen und die fünf von der Regierung als Aufpasser abkommandierten Umweltexperten keine Chance: „Wir waren einfach zu wenig.“ Zumal sie sich mehr oder weniger diskret von Security-Leuten beschattet sahen.

Schon 2014 hatte das Imperium Skellig Michael heimgesucht, die drei Szenen sind in „The Force Awakens“ zu sehen. Damals fegten die Helikopterrotoren Hunderte von kleinen Möwen aus ihren Nestern ins Meer. Dieses Jahr drehte Disney doppelt so viele Szenen. Auf der ganzen Insel gibt es Trampelpfade, auch dort, wo Sturmschwalben brüteten. „Wer weiß, in wie vielen Nestern jetzt verlassene Eier oder Junge sind“, sagt Claire. Auf halber Höhe, am einzig halbwegs ebenen Ort, ist das Erdreich noch immer aufgewühlt; offenbar wurde hier gekämpft. Der Torbogen zum Kloster und viele Stufen sind beschädigt. „Das Material war schlicht zu schwer“, sagt Claire. Doch das Schlimmste steht der Insel erst bevor: die Star-Wars-Fans. Statt Ruhe und Schönheit suchen sie Drehorte – auch abseits vom vorgeschriebenen Weg und mitten in den Brutgebieten. Fündig freilich werden sie selten. Denn just dort, wo der Regisseur einen Felsen wollte, gab’s auf dieser Insel, wo es nur Felsen gibt, keinen Felsen. So stellte man halt einen künstlichen auf. Auch in Sachen Vögeln half Disney der Natur nach. Bald wird der Papageientaucher-Roboter, der durch Episode VIII watschelt, das Disney-Spielzeug-Angebot bereichern. Und natürlich sieht das Plastikmodell ungleich niedlicher aus als die Originale auf der Insel.