Ateş Çetin

Star Wars Dezember 2015

Darth Vader gegen Erdoğan

von Florian Leu / 16.12.2015

Ateş Çetin führte als Darth Vader einen Protestzug an. In der Türkei war es schon vorher nicht leicht, ein Star-Wars-Fan zu sein.

Auf einmal hörte Ateş Çetin, wie die Menge hinter ihm eine Melodie summte. Es war der 1. Juni 2013, der Sommer der Proteste. Erst im Gezi-Park in Istanbul, dann überall in der Türkei. Es war heiß, besonders für Çetin. Seine Freundin hatte ihn davor gewarnt, das Darth-Vader-Kostüm anzuziehen. Die Polizei würde ihn aufhalten, vielleicht verhaften. Er ließ nur das Lichtschwert zu Hause, ging stattdessen mit der Landesfahne auf die Straße. Bald umringten ihn Leute, schossen Fotos, feuerten ihn an: „Zeig’s ihnen, Vader!“

Im Innern der Maske surrte der Propeller, den Çetin gegen die Hitze eingebaut hatte. Nach einer Viertelstunde waren die Batterien leer, er begann zu schwitzen. Plötzlich hörte er den Marsch, der im Film Darth Vaders Auftritte untermalt. Hunderte von Leuten folgten ihm, und er schritt durch die Istanbuler Straßen, wie er es geübt hatte: gravitätisch. Nur eine Greisin schaute ihn ratlos an und fragte, warum er sich über die Proteste lustig mache. Çetin nahm die Maske ab und erklärte ihr, dass sie ihn falsch verstehe. Er spiele zwar den größten Bösewicht der Filmgeschichte, doch selbst der stehe auf der Seite des Volkes. Damit war die Frau zufrieden, und er setzte die Maske wieder auf, blank poliert und fast zwei Kilo schwer. In der rechten Hand hielt er noch immer die rote Fahne mit der Mondsichel und dem Stern. Die Leute sahen es natürlich nicht, aber Çetin konnte nicht aufhören zu lächeln.

Jedi-Tempel statt Moschee

Recep Tayyip Erdoğan ist bösartig wie die Schurken im Film, zumindest für Çetin. Seit Erdoğan an der Spitze der Türkei steht, erst als Ministerpräsident, dann als Präsident, sieht Çetin mehr Polizisten auf der Straße als früher. „Das Land wandelt sich zum Polizeistaat, als wäre das Imperium aus Star Wars die Vorlage gewesen“, sagt er. Die türkischen Städte haben sich verändert: mehr Moscheen, mehr Einkaufszentren, mehr Plakate von Fernsehserien, die zur Zeit des Osmanischen Reiches spielen – filmische Phantomschmerzen.

Deswegen versammelten sich die Leute vor zweieinhalb Jahren im Gezi-Park: Sie wollten verhindern, dass auf dem Gelände oberhalb des Taksim-Platzes ein Einkaufszentrum im Stil einer osmanischen Kaserne gebaut wird. Die Polizei räumte den Park mit Gewalt, Çetin kam während Wochen überall an ihren Kastenwagen vorbei. Er entschloss sich zu seinem Auftritt im Kostüm des Bösewichts, wurde weder aufgehalten noch festgenommen. „Ein kleiner Sieg zwischen lauter Niederlagen“, sagt er über die Proteste. Denn die Mall im Gezi-Park ist nicht gebaut worden, dafür hat Erdoğan die Wahl im November gewonnen.

Als der Rektor von Istanbuls technischer Universität sagte, dass eine Moschee auf dem Campus gebaut werde, regte sich ebenfalls Widerstand. Der Student Akın Çağatay dachte sich eine Petition aus: Wenn auf dem Gelände eine Moschee errichtet wird, dann wollen wir einen Jedi-Tempel. Nach ein paar Tagen hatte er 50.000 Unterschriften gesammelt, darunter auch die von Çetin, den seine Freunde nur Vader nennen und meist mit der Floskel grüßen: Möge die Macht mit dir sein. Auf Facebook postet er täglich Neuigkeiten über seinen Helden, die oft mit Politik zu tun haben. Mal eine Nachricht aus der Ukraine, wo gerade eine Spaßpartei am Werk ist, der Darth-Vader-Block, dessen Gründer sich als Darth Nikolajewitsch Vader für das Bürgermeisteramt in Odessa bewarb. Mal einen Hintergrundbericht über China, wo Science-Fiction zwanzig Jahre lang verboten war. Obwohl es sich bei Star Wars eher um Fantasy handelt, hatten die Zensoren wohl auch hier den Eindruck, dass der Film zu sehr dazu einlade, sich andere Welten vorzustellen.

Religionszugehörigkeit: Star Wars

Çetin ist 32 und sagt, er gehöre einer seltenen Spezies an. Ein Nerd in einem Land, in dem das einer politischen Aussage gleichkommt. „In meinem Pass steht, ich sei Muslim“, sagt er. „Unter Religionszugehörigkeit sollte da aber eigentlich Star Wars stehen.“ Als Kind träumte er davon, Amerikaner zu sein oder wenigstens Engländer. „Ich dachte immer, das wahre Leben sei anderswo.“ Wenn er im Warenhaus nach Star-Wars-Spielsachen suchte, fand er nur Raubkopien aus der Türkei. Die Firma Uzay umging das Copyright, indem sie die Originale änderte, den Todesstern in den „Blauen Stern“ verwandelte. Oft musste er sich mit chinesischer Ware begnügen, die für den Westen zu schlecht war. Die Spielfiguren glichen den Vorbildern im Film kaum noch, denn beim Guss wurden immer dieselben Formen gebraucht. Nach einer Weile waren sie so abgenutzt, dass die Gesichter nicht mehr zu erkennen waren: Obi-Wan Nobody.

Außerirdische in Klopapier

Es dauerte auch länger, bis die Filme in den Kinos liefen. Der erste Teil der Saga wurde 1980 in Istanbul gezeigt, drei Jahre nach der US-Premiere und drei Jahre vor Çetins Geburt. Dafür gab es eine türkische Version wie von vielen Hollywoodfilmen. Die Regisseure plünderten die Vorlagen, stellten Szenen nach, flochten Archivmaterial ein – man könnte ein Programmkino damit beliefern. Es gibt türkische Adaptionen von Rambo, Superman, Spiderman, Batman. Star Wars wurde zu „Dünyayı Kurtaran Adam“: der Mann, der die Welt rettet. In den Kampfszenen kamen Plüschmonster zum Einsatz, die die Schauspieler mit den Händen zerfetzten. Statt mit Lichtschwertern zu kämpfen, schwangen sie golden besprühte Holzstöcke. Die Maske des Erzrivalen bestand aus Pappe, die mit Folie beklebt worden war. Die Außerirdischen trugen Karnevalskostüme, manchmal waren sie auch einfach in Klopapier eingewickelt. Für die Raumschlachten setzte der Regisseur die Schauspieler mit Motorradhelmen vor eine Leinwand, auf die er Szenen des Originals projizierte. Heute gilt das Werk bei Nerds im Westen als Kultfilm.

Ende der 1980er Jahre sah Çetin zum ersten Mal das Original, er war sechs Jahre alt und fühlte verworrene Liebe. Hin und her gerissen zwischen Ehrfurcht vor den Bösen und Begeisterung für die Schwabbelmonster, die Phantasiesprachen, die Laserwaffen. Die Geschichte wirkte unglaublich und aufregend: ein Riesenhund als Pilot eines Raumschiffs, ein Staubsauger als Roboter, ein Junge mit einer Neonröhre als Waffe, eine schwarze Gasmaske mit stumpfen Augen. Darth Vader wurde Çetins Held, weil er nur atmen musste, um seine Diener in Angst zu versetzen. Das Geräusch, lernte Çetin später, war die Aufnahme eines Mannes, der durch ein Tauchgerät atmet. Im Inneren von Jabba, dem Riesenwurm, sorgten drei Puppenspieler für glaubwürdige Regungen. Die Vorlage ist wie die türkische Kopie: eine große Bastelei.

Çetins Karriere als Fan fing an, indem er die Filme immer wieder schaute und als Raumschiff durch die Wohnung flog. Er lebte auf der anatolischen Seite der Stadt, der Vater Kaufmann, die Mutter Hausfrau, der ältere Bruder ein zweites Raumschiff. Heute führt Çetin ein Doppelleben als Verkaufsleiter einer Glasfabrik auf der europäischen Seite und als Darth Vader in den Tiefen des „erweiterten Universums“, wie die Welt der Comics, Bücher und Videospiele genannt wird, die Star Wars weitererzählen. Zu Beginn lieh er sich manchmal Kostüme, wenn eine Premiere stattfand. Weil er fürchtete, dass man ihn verkleidet nicht ins Kino lassen würde, bat er extra um Erlaubnis. Die Leiterin des Kinos fragte ihn, ob er nicht bei Trost sei. Am Ende durften er und ein Freund die Premiere von „Attack of the Clones“ trotzdem verkleidet als Filmfiguren sehen, zwei von fünf Zuschauern im Saal – Çetin sieht sich als Pionier.

Teilzeitbösewicht

Das Kostüm, das er seit sieben Jahren besitzt, kostete ihn mehr als zwei Monatslöhne: 3.500 Dollar. Es war ein guter Kauf, mittlerweile verdient Çetin sogar damit – er arbeitet als Teilzeitbösewicht. Seit Disney 2012 Lucasfilm gekauft hat, bekommt Çetin für seine Auftritte ein Honorar, die Hälfte spendet er jedoch für wohltätige Zwecke. Müsste er sich allein als Darth Vader durchschlagen, wäre er ein Working Poor. Trotzdem ist das sein Traum.


Credits: Ateş Çetin

Während er davon erzählt, vor sich einen Teller Yoğurtlu Kebap, in der Hand eine Cola, im Hintergrund türkische Schlagermusik und Kellner mit Schuhbürstenschnäuzen, hat Çetin den Ausdruck eines Kindes. Er spricht leise wie von einem Geheimnis, die Schultern ein wenig nach vorn gedrückt, den Blick zur Seite gewandt, das Englisch mit Star-Wars-Akzent. „Das Schöne an meinem Leben ist, dass meine Kindheit nicht aufhört“, sagt er. Immer wieder erlebt er kleine Abenteuer, seine Freizeit kommt ihm episch vor wie früher die Sommerferien. Vor ein paar Jahren zum Beispiel zog er schon einmal als Vader durch Istanbul, begleitet von einem Fotografen der Tageszeitung „Hürriyet“. Vader als Passagier auf der Bosporusfähre, einsam auf einer Sitzbank. Vader als Gast in einem berühmten Kaffeehaus, vor sich einen Teller Baklava. Vader als Fischer auf der Galatabrücke, mit Lichtschwert statt Angelrute. Vader an der Anlegestelle Eminönü, in die Betrachtung der Möwen versunken. Vader mit zwei Koffern im Bahnhof Haydarpaşa – eine Referenz an all die türkischen Filme, deren Hauptdarsteller hier aus dem Zug steigen und sagen: „Ich werde dich besiegen, Istanbul.“

Wie ein Pilger

Er wurde eingeladen zur Lancierung von Star-Wars-Turnschuhen, man flog ihn nach Dubai dafür, und er musste auch dort nicht mehr tun als stehen und schnaufen. Als er aus dem Fenster schaute und den Burj Khalifa sah, die Sonne hinter einem Schleier aus Smog und Sand, kam er sich vor wie in einer Kulisse. In der Türkei trat er in den Einkaufszentren auf, die in den Jahren unter Erdoğan gebaut worden waren. Disney lud ihn ein, Mitglied der „Padawan Academy“ zu werden, Kinder in den Kampf mit dem Lichtschwert einzuführen. Dafür bekam er tausend türkische Lira pro Tag, dreihundert Euro. Er musste nur ein paar Regeln befolgen: Nie die Maske abnehmen. Die Autogrammkarten immer mit Darth Vader signieren. Darauf achten, dass auf Fotos mit Kindern immer beide Hände sichtbar sind.

Wie ein Pilger reiste Çetin nach Tunesien, um die Drehorte zu besichtigen. Er besuchte Star-Wars-Celebrations in Kalifornien und Deutschland, lief jedes Mal ein paar Doppelgängern über den Weg, traf jedes Mal auch ein paar Doubles des Regisseurs George Lucas. Çetin sah Carrie Fisher, die im Film Prinzessin Leia spielte, an diesen Anlässen aber immer betrunken über die Bühnen torkelte. Er sah Mark Hamill, früher der schlanke Luke Skywalker, später ein feister Mann mit Vorliebe für Hawaiihemden. Um an die Schauspieler heranzukommen, hat Çetin einen Trick: Er nimmt ein paar Schachteln türkischen Honigs mit. „Bei Hamill ging der Plan nicht auf. Der schnappte sich einfach die Süßigkeiten und verschwand.“

Seinen schönsten Auftritt hatte Çetin vor einem Jahr. Wieder ging es um die Melodie, die die Demonstranten gesummt hatten. In der Stadt gibt es ein Orchester, das nur Musik aus Filmen spielt, das Istanbul Film Müzikleri Orkestrası. Çetin wurde gebeten, nach der Ouvertüre auf die Bühne zu treten, den Dirigenten abführen zu lassen, den Taktstock an sich zu reißen. Er übte zu Hause, prägte sich auch die Stufen im Orchestersaal ein. Wenn er die Maske trägt, sieht er die Umgebung wie durch eine stark getönte Sonnenbrille. Am Ende verneigte er sich und schritt aus dem Saal, wie es sich gehört: gravitätisch. Er trug immer noch die Maske, blank poliert und fast zwei Kilo schwer. Die Leute sahen es natürlich nicht, aber er konnte nicht aufhören zu lächeln.

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