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Bereit für den Krieg

Meinung / von Michael Fleischhacker / 14.11.2015

Der folgende Text ist die Wiedergabe des Newsletters, den ich jeden Samstag an alle NZZ.at-Abonnenten sende. Darum ist er auch in einem eher persönlichen Ton gehalten, mehr als Gesprächseröffnung gestaltet denn als offizieller Leitartikel. Aber natürlich dennoch ernst gemeint. Nachdem ihn mehrere Abonnenten in Auszügen als Screenshot über die sozialen Medien geteilt haben, soll er an dieser Stelle allen Lesern zur Verfügung stehen.

Wenn ihr Krieg wollt, dann sollt ihr ihn haben. Das war mein Gedanke, als ich letzte Nacht die ersten Bilder aus Paris gesehen habe. Und als mir bei der ziellosen Recherche des ersten Moments ein Bild von Mohamed Mahmoud unterkam, dem österreichisch-ägyptischen Gotteskrieger, der jetzt für den IS kämpft, da dachte ich: Hoffentlich bist du bald tot. Und noch am Morgen danach denke ich: Wir sollten uns an den Gedanken gewöhnen, dass Krieg noch immer möglich ist.
Wir Österreicher gehören zu der verschwindend kleinen Minderheit der Weltbevölkerung, in der es nur noch vereinzelt Menschen gibt, die erzählen können, wie das ist, wenn Krieg ist. Nicht, dass wir es uns wünschen sollten. Ich habe es auch erst einmal erlebt, vor mehr als 20 Jahren, in Mogadischu und Baidoa, Somalia. Tote in den Straßen, bis an die Zähne bewaffnete Kinder, Aggression, durch Drogen gesteigerter Irrsinn. Nicht schön. Aber es hört nicht auf, nur weil man nicht hinsieht.

Natürlich weiß ich, dass der Gedanke „Wenn ihr Krieg wollt“ problematisch ist, weil nicht klar ist, wen wir meinen könnten, wenn wir „ihr“ sagen. Und weil dieses „Ihr“ zum nächsten Irrsinn führt, zum politischen Irrsinn.
Der ist aber ohnehin schwer zu verhindern. Von François Hollande ganz weit abwärts, dort, wo noch tief unter dem europäischen Hades im österreichischen Tartaros Reinhold Lopatka und Andreas Schieder schmachten, prallen jetzt zwei Argumentationsstränge mit voller Wucht aneinander vorbei. Wir müssen jetzt leider unsere bürgerlichen Freiheiten einschränken, weil wir sonst den Krieg nicht gewinnen können, sagen die einen. Die anderen zitieren den früheren norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg, der nach dem Breivik-Attentat erklärte: „Unsere Antwort lautet: Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“

Ich halte beides für Unsinn. Dass eine ziemlich gut organisierte Gruppe von Terroristen, die eine Religion als äußere Hülle für das schrankenlose Ausleben ihrer archaischen Bedürfnisse nach Sex und Gewalt ohne jede zivilisatorische Schranke missbraucht, ändert zwar nichts daran, dass es sich um eine rückständige Religion handelt, weil sie noch der großflächigen säkularen Einhegung harrt.
Aber das ist eben nicht die Art von Krieg, wie sie in unserem kulturellen Gedächtnis abgespeichert ist. Da geht es, glaube ich, um ganz basale Signale: Diese IS-Typen wittern die Angst, und das stachelt sie noch weiter an. Man muss ihnen einfach zeigen, dass man bereit und in der Lage ist, sie zu töten. Nicht, weil man wie sie Freude am Töten hat, sondern weil es nötig ist, damit der Rest der Welt in Ruhe und Frieden leben kann.
Den ganzen Unfug mit Sicherheitsvorkehrungen und Vorratsdatenspeicherung können sich die hilflosen Politiker, denen es am Ende ohnehin nur darum geht, wie sie selbst möglichst unbeschadet aus der Sache wieder herauskommen, ebenso sparen wir ihr Menschlichkeits-Pathos. Was soll das überhaupt heißen, auf Krieg, Mord und Terror mit „mehr Menschlichkeit“ zu reagieren?
Si vis pacem para bellum: Wenn du den Frieden willst, sagten die Römer, dann sei bereit für den Krieg.

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