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Analyse

Der IS eröffnet eine neue Front

von Inga Rogg / 15.11.2015

Das Bekennerschreiben des IS weist auf einen Strategiewechsel hin, vor dem Experten seit längerem warnen: Nach empfindlichen Rückschlägen in Irak und Syrien will die Gruppe den Terror verstärkt in die westliche Welt tragen und plant Anschläge im Stil des Terrornetzwerks al-Kaida.

Anhänger der Extremisten hatten schon Freitagnacht gehöhnt und gejubelt, am Samstag hat sich der Islamische Staat (IS) selbst zu den Terroranschlägen von Paris bekannt. In ihrer Erklärung bezeichnen die Extremisten Paris als Hauptstadt der Prostitution und des Lasters. Acht mit Sprengstoffgürteln und Maschinengewehren bewaffnete „Brüder“ hätten die genau ausgewählten Ziele angegriffen, unter ihnen das Stade de France, wo die beiden „Kreuzritter-Nationen“ Deutschland und Frankreich gespielt hätten, und das Bataclan-Theater, wo Hunderte von Ungläubigen versammelt gewesen seien.

Still aus einem Video, in dem IS-Kämpfer Frankreich drohen.
Credits: onedrive.live.com / Screenshot: NZZ.at

Der IS droht Frankreich und den Verbündeten mit weiteren Anschlägen. „Dies ist erst der Anfang“, heißt es in der Erklärung. Das Bekennerschreiben enthält zwar kein Täterwissen, an seiner Echtheit gibt es jedoch keinen Zweifel. Wenige Stunden zuvor hatte der IS ein undatiertes Video veröffentlicht, in dem offenbar französische Dschihadisten mit Anschlägen auf französische Ziele drohen, sollte sich Frankreich weiterhin an den Luftangriffen im Irak und in Syrien beteiligen.

Empfindliche Rückschläge in den Kerngebieten

In den von ihnen beherrschten Gebieten im Irak und in Syrien haben die Extremisten in den letzten Tagen erstmals seit längerem wieder empfindliche Rückschläge hinnehmen müssen. Im Nordirak eroberten kurdische Kämpfer die Stadt Sindschar, die an der wichtigen Verbindungslinie zwischen den beiden IS-Hauptstädten Rakka (Syrien) und Mosul (Irak) liegt.

Auf der syrischen Seite der Grenze nahm ein Bündnis aus kurdischen und arabischen Rebellen eine weitere Stadt ein, während die amerikanische Luftwaffe ihre Angriffe auf IS-Stellungen intensivierte. Dabei wurde in einem Drohnenangriff auf Rakka offenbar der britische IS-Henker „Jihadi John“ getötet.

Kurdischer Kämpfer feiert Sieg über den IS in Sindschar.
Credits: Bram Janssen / AP

Das Bekennerschreiben des IS weist auf einen Strategiewechsel hin, vor dem Experten seit längerem warnen: Der IS will den Terror in die westliche Welt tragen und plant Anschläge im Stil des Terrornetzwerks al-Kaida.

Trügerischer Gleichklang im Nahen Osten

Staats- und Regierungschefs im Nahen Osten haben die Anschläge am Samstag unisono verurteilt. Der saudische Außenminister Adel al-Dschubeir sprach in Wien von abscheulichen Anschlägen, die gegen jegliche Ethik, Moral und Religion verstießen. Saudi-Arabien fordere seit langem einen härteren internationalen Einsatz im Kampf gegen den Terrorismus.

Einen Angriff auf die Stabilität Frankreichs und alle menschlichen Werte nannte der Außenminister Katars, Khaled al-Attiyah, die Anschläge. In Ägypten, wo ein mutmaßlicher IS-Anschlag auf ein russisches Passagierflugzeug vor zwei Wochen 224 Tote gefordert hatte, erklärte Präsident Abdelfatah al-Sisi, ein solcher Terror könne den Willen von friedliebenden Nationen nicht schwächen.

Irans Präsident Hassan Rohani nannte die Anschläge ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einen für das Wochenende geplanten Frankreichbesuch sagte er ab. Derweil klang der vom Iran unterstützte syrische Machthaber Baschar al-Assad fast schon wie der IS, als er behauptete, Frankreich habe mit seiner Politik zur Verbreitung des Terrorismus beigetragen.

In der Türkei, wo heute Sonntag der G20-Gipfel beginnt, an dem auch die Kriege in Syrien und im Irak Thema sein werden, sprach Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu von einem Angriff auf Demokratie, Freiheit und universelle Werte. Der Terror habe keine Religion oder Nation. Präsident Recep Tayyip Erdoğan forderte einen internationalen Konsens im Kampf gegen Terrorismus. Gerade die Türkei ging bisher allerdings nur zögerlich gegen die IS-Extremisten vor.