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Der IS profitiert vom Hass

von Monika Bolliger / 17.11.2015

Der Islamische Staat hat sich lange auf das Projekt eines eigenen Staates konzentriert. Doch das „Kalifat“ ist militärisch unter Druck. Die Terrormiliz weitet deshalb ihr Tätigkeitsfeld aus.

Die Kaida und der Islamische Staat (IS) stehen sich ideologisch nahe, und der IS ist aus der Kaida hervorgegangen. Dennoch gibt es wesentliche Unterschiede im Vorgehen der beiden Gruppen. Während die Kaida für weltweite Angriffe gegen amerikanische Ziele steht, hatte der IS lange einen lokalen Fokus, der darauf abzielte, Territorium zu gewinnen. Dabei schreckte der IS nicht vor Massakern an Muslimen zurück, eine Methode, die auf den „Schlächter“ der Kaida im Irak, Abu Musab al-Zarkawi, zurückgeht, der deswegen beim Kaida-Chef Osama bin Laden in Ungnade fiel.

Bin Laden und Zarkawi sind inzwischen tot. Der IS hat als Nachfolger von Zarkawis Gruppe sein „Kalifat“ begründet, indem er mit Geheimdienstmethoden aus dem Rezeptbuch von Saddam Hussein – viele Strippenzieher sind ehemalige Mitglieder von Saddams Baath-Partei – Territorium infiltriert und die Kontrolle übernommen hat.

Der IS ist mehr als eine Terrororganisation, er ist auch eine Mafia, die sich durch den Handel mit Öl oder gestohlenen Antiquitäten auf dem Schwarzmarkt finanziert und ein dschihadistisches Projekt der Staatsbildung vorantreibt. Das Projekt lebt von militärischen Erfolgen und einer Propagandamaschine, die den IS mächtiger erscheinen lässt, als er in Wirklichkeit ist.

Eine neue Front eröffnet

Doch in letzter Zeit hat der IS militärische Rückschläge erlitten und kaum mehr Erfolge verzeichnen können. Kurdische Kämpfer haben im Rahmen einer breiten Offensive die strategisch wichtige Stadt Sinjar vom IS zurückerobert. Das syrische Regime hat mithilfe der russischen Luftangriffe den Belagerungsring des IS um die Luftwaffenbasis von Kweiris südlich von Aleppo durchbrochen. Ein weiterer Vormarsch der Truppen Assads, wenngleich nicht unmittelbar absehbar, würde die Versorgungsrouten des IS zwischen dem Osten und dem Norden Syriens bedrohen. Eine Expansion des IS scheint momentan an keiner Front realistisch.

Es ist ein Muster, das sich wiederholt beobachten ließ: Geht es dem IS militärisch schlecht, versucht er an anderen Fronten zuzuschlagen, sei es mit Videos von barbarischen Tötungen, deren Schockwirkung inzwischen nach mehrfacher Wiederholung trotz ihrer Grausamkeit etwas verpufft ist, oder durch Anschläge außerhalb seines Territoriums.

Vor zwei Wochen reklamierte der IS den Absturz eines russischen Passagierflugzeugs für sich, am Donnerstag veranstaltete er ein Blutbad gegen schiitische Zivilisten in Beirut, und am Freitag kam es erstmals zu einem großen Anschlag in Europa, den der IS für sich beansprucht. Der IS nähert so seine Strategie jener der Kaida an, die globale Konfrontationen zu suchen und den Westen in den Fokus zu nehmen. Die Kaida ist damit allerdings gescheitert.

Der IS begründet seine Bluttaten nun als Vergeltungsakte – gegen die russischen und französischen Luftangriffe in Syrien, gegen die Intervention des schiitisch-libanesischen Hizbullah, welcher an der Seite des syrischen Präsidenten Asad gegen sunnitische Aufständische und gegen den IS kämpft. Vielleicht wollen die Fanatiker westliche Armeen in den syrisch-irakischen Sumpf locken, sie in einen apokalyptischen Krieg zerren, zumal sie sich selbst als eine Art Vorstufe zur Apokalypse sehen. Den Extremisten geht es darum, Zwietracht zu säen: zwischen dem Westen und dem IS, zwischen Nichtmuslimen und Muslimen in Europa, zwischen Schiiten und Sunniten in Libanon und ganz Nahost.

Der IS profitiert vom Hass

Der IS profitiert von der Zuspitzung der Konflikte. In den nahöstlichen Bürgerkriegen zeigt er sich als lachender Dritter. Er triumphiert, wenn Muslime im Westen angefeindet werden, weil er dadurch auf neue Rekruten hoffen kann. Er frohlockt, wenn muslimische Flüchtlinge nicht willkommen sind, denn dass Muslime lieber nach Europa statt ins „Kalifat“ fliehen, widerspricht der Heilsbotschaft des Terrormiliz. In der IS-eigenen Zeitschrift „Dabiq“ wurde nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo verkündet, Muslime in Europa würden bald verfolgt und vertrieben werden, bald würden sie vor die Wahl zwischen dem Kalifat und dem Leben im Westen gestellt. Die Grauzone dazwischen müsse eliminiert werden.

Eine Söldnerarmee im Dienste des „Kalifen“