AP Photo/Christophe Ena

Terror in Paris

Ein Spaziergang zu den Orten des Terrors

von Marc Zitzmann / 16.11.2015

Marc Zitzmann, NZZ-Korrespondent in Paris, unternimmt in den ersten Stunden nach den Anschlägen einen Spaziergang an die Orte, an denen so viele Menschen getötet worden sind. Es sind Orte in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Ein sehr persönlicher Bericht.

In meiner Pariser Journalistenschule wollte ein für das Fach „Fernsehen“ zuständiger Dozent uns das „principe de proximité“ eintrichtern. Ich mochte den Lehrer, aber nicht, was er uns lehrte – es kam mir reißerisch, ja zynisch vor. Das „Prinzip der Nähe“ besagt, dass drei Verletzte im Nachbarort das Publikum mehr interessieren als fünfzig Tote am Ende der Welt. Aber ein Mensch ist ein Mensch, ein Opfer ist ein Opfer …

Terrasse als Todesfalle

Wenn man an den Orten lebt oder gelebt hat, die durch Terrorakte heimgesucht wurden, ist man unmittelbarer, sozusagen körperlich betroffen.

Seit den Attentaten auf Charlie Hebdo und auf den jüdischen Supermarkt bei der Place de la Nation denke ich ein wenig anders. Beziehungsweise fühle ich anders: Wenn man an den Orten lebt oder gelebt hat, die durch Terrorakte heimgesucht wurden, die Farben ihrer Boutiquen vor dem geistigen Auge hat, die nächtlichen Klänge ihrer Bars im inneren Ohr widerhallen hört, den Geruch ihrer Trottoirs bei Regen in der Nase aufsteigen spürt, ist man unmittelbarer, sozusagen körperlich betroffen.

Ich möchte gar sagen: getroffen – im eigenen Fleisch, auch wo dieses unversehrt blieb. Es ist wie bei Einbruchsopfern, deren Wohnung durchwühlt wurde, und die das Gefühl der Geborgenheit verloren haben, wie bei äusserlich unverletzten Zeugen starker Erdbeben, denen die heftigen Stösse noch nach Jahren in den Knochen sitzen, und die der Erdanziehung nicht mehr recht trauen: Etwas im tiefsten Innern wurde ver-rückt.

Der Redaktionssitz von Charlie Hebdo liegt laut Google Maps 650 Meter zu Fuß von meiner vorletzten Wohnung entfernt (welche ihrerseits unmittelbar an das Bataclan angrenzte, wo ich samstags gelegentlich tanzen ging). Eines der Attentate vom 13. November ereignete sich 450 Meter von meiner jetzigen Wohnung entfernt und bloß 220 Meter von der vorletzten. Es handelt sich um den Anschlag auf die Brasserie La Belle Equipe, die an der Kreuzung der Rues de Charonne und Faidherbe liegt.

Das Etablissement ist ein Musterbeispiel für die Gentrifizierung des Viertels. Als ich vor zehn Jahren in seine Nachbarschaft zog, war es noch eine Spelunke, die an ein Nachtlokal für balkanische Zuhälter gemahnte. Gegen 2014 wurde es umgebaut: Mit seiner Mischung aus rohen Beton- und Ziegelwänden, klassischem Bistro-Mobiliar – inklusive dem obligaten Tresen mit Zapfhahn – und moderneren Elementen wie Tapeten mit Pflanzenmotiven oder den allgegenwärtigen Wandspiegeln entsprach es nunmehr dem Basismodell der Ostpariser Quartiers-Brasserie: populär mit Pfiff.


Credits: imago

Ich bin bloß zweimal hier eingekehrt: das eine Mal, um einen Cocktail zu trinken, das andere, um einen Burger zu essen. In beiden Sparten findet sich Besseres im Viertel – das 11. Arrondissement ist reich an „bistronomischen“ Perlen. Ein Besitzer- und Namenswechsel Anfang dieses Jahrs legt nahe, dass das Etablissement sein Gleichgewicht noch nicht wirklich gefunden hatte. Trumpf des Hauses war jedenfalls weder die Küche noch die spritzige, aber bloß halbprofessionelle Bedienungsmannschaft. Sondern die – bei kühlerem Wetter geheizte – Terrasse.

Diese ist am Freitagabend zur Todesfalle geworden. Um 21 Uhr 36 machte ein schwarzer Seat vor der Brasserie Halt, zwei Männer stiegen aus und feuerten aus Sturmgewehren mindestens hundert Kugeln auf die Gäste ab. Neunzehn von ihnen sind tot, neun weitere schweben noch in Lebensgefahr.

Ich bin an jenem Abend im Theater, die Batterie meines Handys ist leer. Als ich gegen 23 Uhr 30 aus der Metrostation Reuilly-Diderot aufsteige und mich in Richtung Rue du Faubourg Saint-Antoine bewege, der großen Verkehrsachse ganz im Süden des 11. Arrondissements, weiß ich noch von nichts. Aber schon von weitem höre ich die Sirenen der Krankenwagen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, liegt am Faubourg doch das Hôpital Saint-Antoine, eines der großen Pariser Spitäler. Aber etwas stimmt nicht: Es sind viel zu viele Krankenwagen unterwegs. Sobald ein Sirenengeheul erstirbt, schwillt sogleich das nächste an – und so wird es eine gefühlte Stunde lang gehen!

Zu Hause stürze ich mich auf den Laptop und sehe, dass von Schießereien die Rede ist, von zahlreichen Toten. Auch die Rue de Charonne wird erwähnt – aber diese Straße ist über anderthalb Kilometer lang und reicht praktisch von der Place de la Bastille bis zum Père-Lachaise-Friedhof. Erst als die Kreuzung mit der Rue Faidherbe genannt wird, geht mir jäh auf, dass mit La Belle Equipe jene Brasserie gemeint ist, die mir unter ihrem vormaligen Namen, Les Parisiennes, besser bekannt ist. Und an der ich dreimal in der Woche vorbeigehe, beim Einkaufen oder beim Abendspaziergang. Tränen kullern mir über die Wangen.

Von einem Tatort zum andern

Um drei Uhr nachts halte ich es nicht mehr aus und beschließe, mich dorthin zu begeben. Die Polizeipräfektur hat alle Bewohner der Region Île-de-France aufgerufen, das Haus nur wenn dringend nötig zu verlassen. Aber ich gehe davon aus, dass die Attentäter entweder tot sind oder weit weg – und andernfalls durch das starke Polizeiaufgebot daran gehindert würden, mir Leid anzutun. Von Polizisten ist freilich nichts zu sehen, als ich auf die Straße trete. Stattdessen laufen mir zu meiner Überraschung ein paar Passanten über den Weg.

TV-Sender mögen das Bild einer Geisterstadt entworfen haben, deren terrorisierte Bevölkerung sich hinter zugezogenen Gardinen verstecke wie Kaninchen in ihrem Bau, wenn draußen der Fuchs umherschleicht. Bei meinen Streifzügen durchs Quartier in den ersten zwanzig Stunden nach den Attentaten bot sich mir ein ganz anderes Bild. Weder war das 11. Arrondissement menschenleer noch wirkten die Bewohner äußerlich traumatisiert. Fünf Stunden nach dem Kugelregen auf La Belle Equipe sah ich zwei Straßen weiter eine Frau ihren Hund Gassi führen!

Ich habe keine Angst vor den Terroristen. Wohl aber vor der zu erwartenden Verschärfung der bereits verbreiteten Stigmatisierung unserer muslimischen, arabischen und fremdstämmigen Mitbürger.

Zugegeben: Wohl ist mir bei diesem ersten Erkundungsgang nicht. Augenzeugen haben berichtet, die Täter des Anschlags auf La Belle Equipe seien in einer schwarzen Limousine geflüchtet. Aber nachts sind in Paris alle Limousinen schwarz – wegen des Fahrdienst-Vermittlers Uber. Sobald sich ein solches Taxi ohne Taxileuchte nähert, werde ich nervös. Fast mit Erleichterung erspähe ich an der Kreuzung der Rues de Charonne und Jules-Vallès eine Straßensperre.

Ein kleiner, runder Polizist erklärt mir dort, der nähere Umkreis der Belle Equipe sei abgeriegelt, wohl für etliche Stunden: „Die Körper sind noch da“. Er sagt es mit glänzenden Augen, aufgeregt, aber auch eine Spur erregt. Womöglich, denke ich, ist heute die erhebendste Nacht seines Lebens: ein Streifenpolizist, der in der Liga der Spezialeinheiten für Terrorismusbekämpfung mitspielen darf. Warum auch nicht: Es ist nichts frevlerisch daran, seine Pflicht mit stolzgeschwellter Brust zu verrichten.

Bei Sonnenaufgang ziehe ich abermals los. Es herrscht herrliches Herbstwetter: Der Himmel ist wässrig blau, von feinen, aquarellartig transparenten Schlieren durchzogen, das goldene Laub zittert in einer zarten Brise am Boden. Als jäh ein Taubenschwarm mit einem schmerzhaft lauten Flügelschlag aufflattert, merke ich, wie überreizt meine Nerven sind. Keine Spur von Verstörtheit hingegen auf der Straße: Die Ville Lumière geht ihren üblichen, an diesem Wochentag und zu dieser Tageszeit eher gemächlichen Gang. Jogger schwitzen sich schwer schnaufend in Form. Ein Halbwüchsiger radelt mit dem Skateboard unter dem Arm vorbei. Ein alter Mann führt seine zittrige Frau zum Untersuchungslabor.

Beim Bataclan, da, wo meine vorletzte Wohnstraße, die Passage Saint-Pierre-Amelot, auf den Boulevard Richard-Lenoir trifft, verunmöglicht eine weitere Straßensperre das Nähertreten. Die Leuchttafel über dem Eingang des Clubs und Konzertsaals brennt noch, durch das Geäst der Bäume ist einzig das Wort „Death“ zu erspähen. Am Boden liegt ein Chirurgenhandschuh, ein Passant sagt am Handy: „Die wollen uns Angst machen, aber ich lasse mich nicht einschüchtern!“ La vie continue.

Auf dem Weg nach Norden beobachte ich die Obdachlosen bei der Morgentoilette in ihrem Musikpavillon auf dem als Promenade fungierenden Mittelstreifen des Boulevard Richard-Lenoir. An einer Schleuse des Canal Saint-Martin, der an der Grenze zum 10. Arrondissement unter besagtem Mittelstreifen hervortritt, hievt sich ein klobiger Clochard mühsam über den Zaun zwischen Uferpromenade und Straße. Seine Hose bleibt hängen, was das gesamte Gesäß ans Tageslicht bringt. Eine Asiatin hält sich im Vorbeigehen ein Taschentuch vor die Nase.

An der Kreuzung der Rues Alibert und Bichat liegen das Restaurant Le Petit Cambodge und gegenüber die Bar Le Carillon, auf deren Terrassen mindestens zwölf Menschen niedergemäht wurden. Der Platz vereint wie viele solche Orte im Pariser Osten schäbigen Charme mit dörflichem Charakter. Während bei dem Restaurant der eiserne Vorhang herabgelassen ist, steht die Tür der Bar offen: Im Innern brennt Licht. Auf allen Seiten der Kreuzung wurde Holzmehl über den Straßen- und Trottoirbelag gestreut. Stellenweise durchtränkt eine dicke, dunkelrote Flüssigkeit das ockerfarbene Pulver.

Selfies vor Schusslöchern

Als ich abends zwischen 19 und 20 Uhr noch einmal denselben Parcours zurücklege, ist nur noch die Umgebung des Bataclan abgesperrt. Hier liegt das Hauptquartier der TV-Sender: Die am Morgen angelegte Siedlung aus weißen Kastenwagen mit Parabolantennen hat vom Mittelfeld des Boulevard Richard-Lenoir aus die ganze Kreuzung kolonisiert. Eine von Anwohnern errichtete Gedenkstätte mit Kerzen, Blumen und Texten wirkt vergleichsweise bescheiden.

Im Franprix-Supermarkt gleich neben diesem improvisierten Altar herrscht starker Andrang. Desgleichen haben sich in etlichen Gastbetrieben in unmittelbarer Nähe der Tatorte – etwa dem Pure Café bei La Belle Equipe oder der Brasserie La Dernière Séance beim Bataclan – Gäste mit fast demonstrativer Ungezwungenheit auf der Terrasse niedergelassen. Sie sind, relativ gesehen, weniger zahlreich als an einem normalen Samstag, in absoluten Zahlen aber nicht eben wenige. La vie continue.

Am meisten Menschen haben sich vor La Belle Equipe und vor dem Carillon sowie dem Petit Cambodge versammelt. Im Kerzenschein stapelt sich hier Strauß auf Strauß. „Langes Leben dem Leben!!“, steht auf einer Tafel vor dem Petit Cambodge, „wir sind geeint, ohne Hass, ohne Angst, ohne alles in einen Topf zu werfen“. Der Pariser Volkswitz hat auch diese Attacken überlebt – ein handschriftliches Kärtchen warnt: „Pfoten weg von meinem Bun Bo“ (ein südostasiatischer Nudelsalat).

Vor dem Carillon fotografieren Menschen die Schusslöcher im Fensterglas; vor der Pizzeria Casa nostra und dem benachbarten Café Bonne Bière knipsen sie Selfies vor dem Hintergrund der mit Kugeln durchsiebten Fassaden. Augenzeugen erzählen Unbekannten ihre jeweiligen Erlebnisse, manche drängen sich vor die Kameras. Jedem seine Art zu trauern. Auf dem Rückweg weht jäh ein starker Duft von Orangenblüten über den Boulevard Voltaire. Ein Pärchen knutscht am Eck des Rathauses, wo ein psychologisches Betreuungszentrum Überlebende und Angehörige der Opfer empfängt. La vie continue.

imago/Haytham Pictures

Warum haben die Terroristen das 11. Arrondissement gewählt? Hätten sie dem Tourismus schaden wollen, wären sie besser anderswo zu Werke gegangen. Eine These besagt, dass sie die Hochburg der Jugend, der Kreativität, des Multikulturalismus (und auch der laut ihrem Menschenbild entarteten Hipster) treffen wollten. Wenn dem so ist, sind sie noch dümmer, als man annehmen möchte.

Das 11. Arrondissement bildet eine Kontaktstelle zwischen dem weißen Paris und der „farbigen“ Banlieue. Mit dem blinden Abknallen zufälliger Opfer in diesem stark durchmischten Viertel vergraulen die Terroristen potenzielle Kampfgefährten – unter den Opfern fanden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit Schwarze, Araber, Muslime und Bewohner von Problem-Banlieues: die Hauptzielgruppen der Anwerber des Islamischen Staats. Aber nach der Lektüre von dessen Bekennerschreiben, das in einem grotesk gestelzten „koranischen“ Stil verfasst ist und von Rechtschreib- und Grammatikfehlern nur so strotzt, frage ich mich, ob wir den Bluthunden nicht Kalküle zutrauen, die ihre beschränkten Denkfähigkeiten übersteigen.

Paris schwankt, aber es sinkt nicht

So oder so: Der seit Samstagabend dunkle Eiffelturm dürfte bald wieder golden im Nachthimmel glitzern. Eines – hoffentlich nicht allzu fernen – Tages wird der Islamische Staat nur noch einen schwachen Schatten werfen, derweil die Lichterstadt wie seit Jahrhunderten ihren strahlenden Glanz über den Erdball verbreitet. Ihre nautische Devise, „Fluctuat nec mergitur“, umschreibt, frei übersetzt, ihre gegenwärtige Befindlichkeit: Sie schwankt, aber sinkt nicht.

Ich habe keine Angst vor den Terroristen. Wohl aber vor der zu erwartenden Verschärfung der bereits verbreiteten Stigmatisierung unserer muslimischen, arabischen und fremdstämmigen Mitbürger. Ich habe Angst vor den Aasgeiern, die sich am Blut der Anschläge mästen werden – angefangen beim rechtsextremen Front National, der bei den Regionalwahlen nächsten Monat noch besser abschneiden könnte als befürchtet. Ich habe Angst vor dem Blankocheck für weitere freiheitsgefährdende Sicherheitsvorkehrungen, den Teile der Öffentlichkeit der Regierung ausstellen, ja aufdrängen werden.

Tiefgreifend schaden können uns die Terroristen nicht – nicht aus eigener Kraft jedenfalls. Aber sie mögen uns dahin manövrieren, dass wir selbst unsere Werte, unsere Kultur, unser Zivilisationsmodell demontieren. Dann hätte ihr Ungeist gesiegt.