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Fünf Fragen zum IS

Eine Söldnerarmee im Dienste des „Kalifen“

von Daniel Steinvorth / 16.11.2015

Der IS hat sich zu den Terroranschlägen von Paris bekannt. Woher kommt die Gruppe, die seit 2014 große Teile des Irak und Syriens kontrolliert, ihren Kampf nun aber auch in andere Länder trägt?

Der „Islamische Staat“ (IS) hat sich zu den Terroranschlägen vom 13. November 2015 in Paris bekannt. Woher kommt diese Gruppe, die seit 2014 große Teile des Irak und Syriens kontrolliert, ihren Kampf mittlerweile aber auch in andere Länder trägt? Die NZZ beantwortet fünf Fragen zur mächtigsten Terrororganisation der Welt.

Wer ist der Islamische Staat, und welche Ziele verfolgt er?

Der Islamische Staat (IS, arabisch: „al dawla al-islamiyya“) ist eine terroristisch agierende Söldnerarmee, die sich bisher in erster Linie auf die Konsolidierung eines islamischen Gottesstaates (Kalifat) konzentriert hat. Dieser wurde am 29. Juni 2014 in den von ihr eroberten Gebieten im Nordosten Syriens und im Nordwesten des Irak ausgerufen.

Weitere militärische Expansionen, verbunden mit dem Sturz aller Regierungen in der Region, gehörten zu den erklärten Nahzielen des IS. Langfristig verfolgt die Organisation die Utopie eines gesamtislamischen bzw. sogar globalen Kalifates. Ihr Anführer ist der Iraker Abu Bakr al-Bagdadi, der sich selbst als „Kalif Ibrahim“ bezeichnet und in seinem staatsähnlichen Gebilde de facto über sechs bis acht Millionen Iraker und Syrer herrscht.

Von seiner regionalen Agenda – die den IS lange Zeit von der international agierenden Terrororganisation al-Kaida unterschied – ist der IS mittlerweile abgekommen. Mehrere Terroranschläge außerhalb des ursprünglichen Operationsgebietes kennzeichnen die neue Linie: Angegriffen werden Länder, die gegen den IS kämpfen oder diesen Kampf vermeintlich unterstützen.

Obwohl noch unbestätigt, werden etwa die Anschläge in den türkischen Städten Suruç und Ankara IS-Anhängern zugerechnet, ebenso wie der Absturz eines russischen Passagierflugzeugs im ägyptischen Sharm el-Sheikh. Die Anschläge von Paris, zu denen sich der IS ebenfalls bekennt, zeigen, dass nun auch der Westen systematisch mit Terror überzogen werden soll.

Zu den ideologischen Zielen des IS zählt die Durchsetzung eines totalitären Lebens- und Gesellschaftsentwurfes nach dem angeblichen Vorbild der „frommen Altvorderen“, der Weggefährten des Propheten Mohammed, im siebten Jahrhundert. In der Praxis fällt darunter die strikte, kompromisslose Anwendung islamischen Rechts, wie sie auch in Saudi-Arabien üblich ist. Hierzu gehören drakonische Strafen für bereits geringe Vergehen und öffentliche Hinrichtungen mit dem Schwert.

Nach eigenen Vorstellungen erweckt der IS damit die vorbildliche Gemeinschaft des Ur-Islam zu neuem Leben. Religiöse Minderheiten wie Jesiden und Christen, aber auch Muslime anderer Konfessionen haben darin keinen Platz und gelten de facto als vogelfrei. Um sich der Terrorherrschaft mit Exekutionen, Misshandlungen, Erpressungen und Entführungen zu entziehen, haben Hunderttausende, auch sunnitische Iraker und Syrer, die Flucht gewählt.

Was sind die Ursprünge des IS?

Die Ursprünge des IS liegen im Widerstand sunnitischer und dschihadistischer Gruppen gegen die Irak-Invasion der USA im Jahr 2003. Der Jordanier Abu Musab al-Zarkawi, ein ehemaliger Kleinkrimineller und Afghanistan-Veteran, gründete im August 2003 die Gruppe al-Tawhid wa al-Jihad („Monotheismus und Dschihad“). Ihr Kampf richtete sich zum einen gegen die Koalitionsstreitkräfte, zum anderen gegen die Schiiten im Irak. Dabei schlossen sich auch etliche Ex-Offiziere Saddam Husseins, die sich während des Krieges stark radikalisiert hatten, den Dschihadisten an.

Nachdem Zarkawi 2004 dem Kaida-Chef Osama bin Laden die Treue geschworen hatte, wurde die Gruppe in al-Kaida im Irak (AQI) umbenannt. Bin Laden missbilligte allerdings Zarkawis extremen Hass auf die Schiiten und forderte, dass der Kampf auf die Kräfte des Westens konzentriert wird.

Dies war der Beginn des Machtkampfes zwischen al-Kaida und dem späteren IS. Nach Zarkawis Tod durch einen amerikanischen Luftangriff im Juni 2006 und dem Widerstand vieler sunnitischer Stämme gegen die Dschihadisten wurde AQI stark geschwächt. Im Oktober 2006 benannte sich die Gruppe in Islamischer Staat im Irak (ISI) um.

Vier Jahre später übernahm der Iraker Abu Bakr al-Bagdadi die Führung. Seine Strategie, nicht nur den Kampf im Irak zu intensivieren, sondern 2011 auch Dschihadisten nach Syrien zu entsenden, erwies sich als richtig: Nachdem die Gruppe seit 2012 am syrischen Stellvertreterkrieg teilgenommen hatte, verfügte sie nicht nur über eine territoriale Basis, sondern auch über neue finanzielle Mittel. Ihr neuer Name lautete nun Islamischer Staat im Irak und in der Levante (ISIS).

Im Sommer 2014 eroberten ihre Milizionäre die Städte Mossul und Tikrit, während Bagdadi in einer aufsehenerregenden Rede in einer bekannten Moschee in Mossul das Kalifat ausrief. Folgerichtig wurde die Organisation nun in Islamischer Staat umgetauft, womit der globale Herrschaftsanspruch unterstrichen werden sollte.

Wie reagiert die arabische und islamische Welt auf den IS?

Die große Mehrheit der Muslime in aller Welt lehnt den IS als „unislamisch“ ab, immer wieder haben auch islamische Rechtsgelehrte Bagdadi und seinen Anhängern vorgeworfen, den Islam als Legitimierung für Greueltaten zu missbrauchen, und selbst innerhalb salafistischer Bewegungen ist die IS-Ideologie vielen zu extrem und zu brutal. So hatte etwa die Verbrennung eines jordanischen Luftwaffenpiloten bei lebendigem Leib auch deswegen besondere Empörung hervorgerufen, weil der Feuertod als koranische Strafe nicht einmal vorgesehen ist.

Dass der Islamische Staat allerdings per se nichts mit dem Islam zu tun habe, wie viele Muslime in nachvollziehbarer Abscheu behaupten, kann nicht überzeugen.

Unübersehbar sind die Ähnlichkeiten der IS-Ideologie mit der saudischen Staatsdoktrin des Wahhabismus, bei der nicht nur dieselben Verhaltensvorschriften gelten, sondern auch dasselbe Strafrecht angewandt wird. Viele saudische Rechtsgelehrte versuchen sich vom IS zu distanzieren, indem sie die Anhänger Bagdadis als Kharijiten bezeichnen, eine frühislamische, besonders blutrünstige Sekte, doch gehört diese eben auch zur islamischen Tradition.

Obwohl alle arabischen Länder, einschließlich der Golfstaaten, den IS mittlerweile mehr oder weniger als Terrororganisation verurteilen, drückten viele bisher ein Auge zu, wenn reiche Privatleute, salafistische Stiftungen und Moscheevereine den Islamischen Staat finanzierten. Für viele rechtfertigt der Zweck (etwa, den Einfluss der Schiiten im Irak und in Syrien zurückzudrängen) eben doch die Mittel. Aber nicht nur Saudi-Arabien oder Katar, auch die Türkei hat lange Zeit durch ihre mindestens indirekte Unterstützung zum Aufstieg des IS beigetragen.

Warum ist der IS für viele, auch aus dem Westen stammende, Muslime so attraktiv?

Der deutsche Soziologe Hans-Peter Müller hat den Islamischen Staat als das „größte muslimische Sinnaufladungsprogramm“ der jüngeren Geschichte bezeichnet. Etliche Muslime seien fasziniert von der Verheißung eines islamischen Großreiches, in welchem die Demütigungen der Moderne keine Rolle mehr spielten. Sozial abgehängten, aber auch kulturell entfremdeten Jugendlichen aus dem Westen biete sich die Gelegenheit, nicht mehr Loser, sondern Märtyrer und Kriegshelden zu sein und sich für eine Sache einzusetzen, die viel größer sei als alles andere. So stellt das Kalifat nicht nur ein Territorium, sondern eine Idee mit hoher Anziehungskraft dar.

Die Propaganda im Internet und die professionell inszenierten Werbefilme des IS spielen dabei eine nicht unwesentliche Rolle: Allein in Syrien sollen bis zu 20.000 IS-Kämpfer nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte aus dem arabischen und dem westlichen Ausland stammen, 2.000 von ihnen aus Europa.

Die relativ hohe Anzahl ausländischer Kämpfer sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Führungskern des IS aus syrischen und irakischen Gefolgsleuten Bagdadis besteht. Ihnen scheint der Kalif am ehesten zu vertrauen, und nicht wenige der nicht Arabisch sprechenden „foreign fighters“ enden als Kanonenfutter.

Wie kann der IS besiegt werden?

Gezielte Bombardierungen gegen die Stellungen der IS-Milizionäre in Syrien und im Irak, wie sie von den Amerikanern und ihren arabischen Verbündeten seit über einem Jahr durchgeführt werden, haben den Eroberungsfeldzug des IS teilweise stoppen bzw. revidieren können. Ohne den gleichzeitigen und gut koordinierten Einsatz von Bodentruppen – vor allem der kurdischen Kämpfer und gemäßigter Rebellen in Syrien, der Regierungssoldaten, der schiitischen Milizionäre und der kurdischen Peschmerga im Irak – sind die Luftangriffe allerdings begrenzt effektiv.

Zugleich birgt das militärische Engagement des Westens hohe Risiken, da es in der Region traditionell als christlicher Kreuzzug begriffen werden kann. Kommt es zu vielen Opfern unter der Zivilbevölkerung, könnten sich Teile der Sunniten zudem mit dem IS solidarisieren, was ganz im Kalkül der Extremisten liegt.

Ohne eine politische ist eine militärische Lösung in jedem Fall sinnlos. Die sunnitischen und schiitischen Regionalmächte führen sowohl in Syrien wie im Irak einen Stellvertreterkrieg und schüren einen Religionskrieg, der sich im Irak nach dem desaströsen Militäreinsatz der Amerikaner 2003 voll entfalten konnte. Sollte der IS militärisch besiegt werden, müssten auch die Voraussetzungen für seinen Aufstieg beseitigt werden: die Benachteiligung und Unterdrückung der Sunniten im Irak, das Machtvakuum in Syrien.