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Le Bataclan – wo das Massaker stattfand

von Patrick Straumann / 14.11.2015

Dass das Selbstmordattentat vom Freitag in Paris auch auf den Ort, den Pariser Veranstaltungsort Le Bataclan, abgezielt hat, legt eine frühere Aussage eines Mitglieds der „Daschaisch al-Islam“ (Armee des Islam) nahe. Danach hatte es bereits vor ein paar Jahren Pläne für einen Anschlag gegen das Bataclan gegeben – „da dessen Besitzer Juden sind“.

Mit seinem sanft geschwungenen Dach, das an eine orientalische Pagode erinnert, setzt der Konzertsaal Bataclan am eleganten Boulevard Voltaire ein markantes Zeichen. Der Name der Etablissements versteht sich als eine Hommage an Offenbachs Operette „Ba-Ta-Clan“, die, auf einem Libretto von Ludovic Halévy gründend, als exotische „Chinoiserie“ im Dezember 1855 am Théâtre des Bouffes-Parisiens zur Uraufführung kam. 1865 gebaut, bot das Bataclan seinen Kunden neben einer Theaterbühne zunächst auch einen Tanzsaal und ein Café; fünf Jahre später, während des preußisch-französischen Kriegs, wurde der Billard-Raum zum Lazarett umfunktioniert. Ende des 19. Jahrhunderts produzierten sich auf der Bühne die ersten Revue-Girls, später folgten die Auftritte von Aristide Bruant und Buffalo Bill.

Trotz sporadischer Erfolge — und einem vielbemerkten Debüt von Maurice Chevalier — erfuhr der Saal im Lauf des 20. Jahrhunderts eine bewegte und krisengeprägte Geschichte. Finanzielle Probleme, die unter anderem einer ruinösen Südamerika-Tournee der hauseigenen Revue geschuldet waren, führten die Institution in den Bankrott. Nach einem Besitzerwechsel wurde der Saal 1926 zum Kino ausgebaut, 1933 fiel das Gebäude einem Brand zum Opfer. Umbauarbeiten aufgrund neuer Sicherheitsnormen, die die Zuschauerkapazität von 2.500 Plätzen auf 1.500 verringerten, modifizierten die historische Substanz des Gebäudes Mitte des Jahrhunderts zusätzlich; 1969 schließlich musste auch der Kinosaal schließen. Nach seiner 1991 erfolgten Aufnahme ins Register des Denkmalschutzes wurde der Bau einer erneuten Renovation unterzogen und die Fassade in ihrem ursprünglichen, prägnant rot-gelben Anstrich wiederhergestellt.

Die Funktion als moderner und den zeitgenössischen Kulturimpulsen gegenüber offener Rocktempel verdankt der Saal dem Regisseur André Engel, der die Institution 1983 übernahm. Vor allem als Konzertlokal machte sich die Institution nun einen Namen: Klassischer Rock’n’Roll, aber auch die Nachwehen der Punkbewegung waren zu hören sowie aufstrebende und anerkannte Talente der französischen Musikszene, so etwa Dominique A. und Jacques Higelin. Jane Birkin sang das Repertoire von Serge Gainsbourg, auch die britische Synth-Pop-Gruppe New Order produzierte sich auf der Bühne des Bataclan. Unvergessen ist ein Konzert der Tindersticks, das im Mai 2010 mit dem melancholischen Hit „Can We Start Again“ ein Ende nahm.

Am vergangenen Freitagabend füllten die Anhänger der kalifornische Hardrockband Eagles of Death Metal den Saal. Dass das Selbstmordattentat, das mindestens 82 Opfer gefordert hatte, jedoch weniger auf den Zeitpunkt als auf den Ort abgezielt hat, legt die Verhörabschrift eines Mitglieds der „Dschaisch al-Islam“ (Armee des Islam) nahe, an welche die Wochenzeitung Le Point auf ihrer Internetseite erinnert. 2011 vom damaligen Inlandsgeheimdienst DCRI zu einem Anschlag befragt, der 2009 eine französischen Studentin das Leben gekostet hatte, gab dieser zu Protokoll, auch ein Attentat gegen das Bataclan geplant zu haben – „da dessen Besitzer Juden sind“.