imago/Christian Mang

Moralische Empörung: Eine Methode, dem Idioten Würde zu verleihen

Meinung / von Michael Fleischhacker / 16.11.2015

Möglicherweise sind mehrere der Attentäter, die am vergangenen Wochenende in Paris ein Blutbad angerichtet haben, über die Balkanroute von Syrien nach Europa gelangt. Also stellen immer mehr Menschen in Europa einen Zusammenhang zwischen dem Attentat von Paris und dem aktuellen Flüchtlingsstrom über die Balkanroute her.

Klingt ja auch ziemlich plausibel: Die Attentäter sind als Flüchtlinge gekommen, haben am Wiener Westbahnhof unser Mineralwasser getrunken und unsere Bananen gegessen, sind dann von unseren ohnehin schon defizitären Bundesbahnen gratis nach Deutschland gebracht worden, von dort gingen sie nach Frankreich, um wahllos unschuldige Menschen umzubringen.

Spätestens jetzt, sagen deshalb viele, müssten doch auch die letzten Verbohrten merken, dass man die Grenzen dichtmachen muss. Sonst werden sie uns noch alle umbringen, die Flüchtlinge.

Es ist auf eine gewisse Weise beruhigend zu wissen, dass das alte McLuhan-Zitat, wonach moralische Empörung eine Methode ist, dem Idioten Würde zu verleihen, nicht nur für linke Träumer, sondern auch für konservative Scharfmacher gilt. In der Sache ist es aber keine große Hilfe.

Nein, Merkels Plan war keine gute Idee

Ja, die beiden Fragen haben etwas miteinander zu tun. Nach allem, was man derzeit wissen kann, ist nämlich sowohl die Fluchtbewegung in Richtung Europa als auch der Verdacht, dass diese Fluchtbewegung Europa in Gefahr bringt, nicht nur im Interesse der bayerischen Landesregierung, sondern auch des Islamischen Staates. Sieht man aber von der Interessenlage Horst Seehofers, einiger politischer Teelichter in Österreich und des Kailfen Al-Bagdadi ab, so handelt es sich um zwei gravierende, aber eben auch voneinander sehr leicht zu trennende Probleme.

Ja, Europa muss die Grenzen dichtmachen, um das Flüchtlingsproblem in den Griff zu bekommen. Die Idee Angela Merkels, das Schengen-Regime, das uneingeschränkte Bewegungsfreiheit im Inneren bei scharfer Bewachung der Außengrenzen vorsieht, aus humanitären Gründen kurzfristig außer Kraft zu setzen, war eine ziemlich schlechte Idee. Sie wird schrittweise revidiert und durch ein neues, tendenziell strengeres Regime an den EU-Außengrenzen ersetzt werden müssen, wenn Europa nicht in absehbarer Zeit im Chaos ungenügender und unwirksamer Integrationsbemühungen versinken will.

Noch sehen wir Größenordnungen, die mit einigem guten Willen und großen logistischen Anstrengungen bewältigt werden können, aber die legitimen Grenzen von Aufnahmebereitschaft und Kapazität sind bereits in Sicht.

Aber die Idee, dass die Flüchtlinge eine Gefährdung Europas im Sinne von potenziellen Terroristen darstellen, die im großen Stil eingeschleust werden könnten, um Anschläge zu verüben, ist doch ziemlich absurd. Warum sollten gut organisierte Gruppen wie der IS, die über Geld und Kontakte verfügen, ihren „Helden“ zumuten, ein paar Kalaschnikows über den Balkan zu schleppen, im Freien zu schlafen und sich mit quengelnden Kindern einen Bus von Spielfeld nach Passau zu teilen?

Genau, negative campaigning: Die Flüchtlinge sind ja sowohl für den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer als auch für den österreichischen Blogger Andreas Unterberger und viele polnische Regierungspolitiker vor allem eines: Feiglinge. Die einen finden, sie sollten heimgehen und endlich gegen die Islamisten kämpfen, statt sich auf unsere Kosten die Bäuche vollzuschlagen; die anderen finden, sie sollten heimkommen und sich endlich der Scharia unterwerfen, statt sich von den Ungläubigen durchfüttern zu lassen. Hübsche Koalition, die werden wir noch öfter sehen.

Schwer zu sagen, ob einem das intellektuelle Problem der Menschen, die zwischen diesen beiden Dingen nicht unterscheiden können oder das moralische Problem der Leute, die diese Unterscheidung nicht treffen wollen, mehr Sorgen machen muss.