Denna Jones/flickr

Paris

Unsichtbare Stadtmauern

von Andres Wysling / 17.11.2015

Mit großen Umbauprogrammen versucht der französische Staat, die Lebensqualität in den Banlieues (Vororten) zu verbessern. Doch technische Maßnahmen allein schaffen keine „mixité soziale“ (soziale Durchmischung).

Ismaël Omar Mostefaï war ein „banlieusard“ (Vororte-Bewohner). Der Attentäter von Freitagnacht stammte aus einer Vorstadt bei Paris, als Kind algerischer Eltern ist er in Frankreich geboren und aufgewachsen. Mostefaï hat damit einen ähnlichen Hintergrund wie frühere islamistische Terroristen aus Frankreich. Sein Fall wird die Debatte über die Problematik der Ghettos in der Banlieue, über Integration und Segregation neu befeuern. Denn immer mehr verdichtet sich der Verdacht, dass die in der Vorstadt herrschenden Lebensumstände die Radikalisierung junger Leute begünstigen – bis zu dem Punkt, an dem sie ihrer eigenen Gesellschaft, dem eigenen Land den Krieg erklären. In den Sozialbausiedlungen an den Rändern der Städte wohnen gehäuft Menschen mit dunkler Hautfarbe und fremdklingenden Namen, mit wenig Geld und wenig Perspektiven; viele von ihnen sind Muslime. Manche Junge dort sind überzeugt, dass sie in Frankreich eigentlich nicht willkommen sind, auch wenn sie ihr ganzes Leben oder einen guten Teil davon im Land verbracht haben und einen französischen Pass besitzen. Der frühere Präsident Sarkozy hat bei den Banlieue-Unruhen vom November 2005 die Krawallmacher als „racaille“ (Gesindel) bezeichnet. Es fühlten sich alle betroffen und kollektiv verunglimpft, und das Wort hallt bis heute nach.

So fühlt man sich jetzt als Gesindel – viele sind überzeugt, dass sie in der Republik der „Egalité“ zu einem Leben im Ghetto und auf der Schattenseite verurteilt sind. Daran ändert auch nichts, dass die Regierung die „mixité sociale“ (soziale Durchmischung) zum politischen Ziel erklärt hat und der Staat in den vergangenen zehn Jahren viel Geld in den Vorstädten investiert hat. Die Sozialsiedlungen werden in großem Stil renoviert, Riesenblöcke werden gesprengt und durch Reihenhäuser mit großzügigeren Wohnungen ersetzt, die auch gehobeneren Ansprüchen genügen sollen – alles mit dem Ziel, die Mittelschicht in die Unterschicht-Quartiere zu locken. Neue Bibliotheken werden gebaut, Schulhäuser und Sportanlagen erneuert. Besonders die Erschließung mit öffentlichen Verkehrsmitteln wird verbessert; die Busse fahren häufiger als früher und auch in Randstunden. Mit größerer Mobilität erweitert sich der Radius der Vorstadtbevölkerung, etwa bei der Arbeitssuche.

Doch die technischen Maßnahmen reichen nicht aus, um die sozialen oder soziopsychologischen Grenzen niederzureißen, welche die Banlieue-Quartiere wie unsichtbare Stadtmauern umschließen. Die neuen Schulhäuser erfüllen ihren Zweck nicht wirklich, wenn die Lehrer fehlen, um die Schüler zu unterrichten. Pädagogen fehlen aber auffälligerweise nicht in den „guten“ Quartieren. Es will auch nicht gelingen, die Schüler in den Schulhäusern und -klassen zu mischen: Die Schüler aus den großen Sozialsiedlungen gehen ins Schulhaus ihres Quartiers, die aus wohlhabenderen Gegenden ins Schulhaus in ihrer Nachbarschaft. Auch schicken viele Eltern ihre Sprösslinge in Privatschulen, damit sie nicht mit einer Ghetto-Schule in Berührung kommen.

Bei der Arbeitssuche dann sind Schulabgänger mit nicht französisch klingenden Namen benachteiligt; auch mit guten Schulzeugnissen haben sie deutlich verringerte Aussichten, zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Darum ist die Jugendarbeitslosigkeit in solchen Vierteln besonders hoch.

Der Versuch der Regierung, die Gemeinden zur Errichtung von Sozialwohnungen und damit zur Durchmischung der Bevölkerung zu zwingen, stößt manchenorts auf hartnäckigen passiven Widerstand der Kommunalbehörden. Sie ziehen es vor, Bußen zu zahlen, statt Sozialwohnungen zur Verfügung zu stellen, und offenbar wird das von den Wählern goutiert. Als Gegenstück zu den Ghettos der Armen gibt es die Ghettos der Reichen; sie möchten offenbar unter sich bleiben.