Reportage aus Paris

„Wir werden auch diese Attentate verdrängen“

von Christine Brand / 15.11.2015

Nur jedes vierte Lokal um die Pariser Place de la République hat wieder geöffnet. Die Bewohner des Ausgehviertels, das am Freitag zur Todeszone wurde, stehen noch unter Schock. NZZ-am-Sonntag-Redakteurin Christine Brand hat sie besucht – und gefragt, wie die Anschläge Paris verändern werden.

Das Café „Chez Maman“ bleibt geschlossen. Hinter dem Fenster liegt ein umgeworfener Stuhl am Boden, die Gläser stehen noch halb voll auf den Bistrot-Tischchen, Weißwein, Bier. Daneben ein Paar Handschuhe, eine Mütze.

Die totenstille Szenerie ist ein eingefrorener Augenblick, der mehr sagt als viele Worte. Er erzählt von der Hast, in der die Menschen in der Nacht auf Samstag hinausgestürzt sind, von der Panik, die sie alles stehen und liegen ließ, raus, nur raus hier, um sich zu retten. Vor den Schüssen, den Explosionen, die gleich nebenan im Konzertsaal Bataclan um die hundert Menschenleben ausgelöscht haben.

Nervosität lässt sich nicht wegdiskutieren

„Das Geräusch der Schüsse und den Geruch des Pulvers werde ich nie vergessen“, sagt Sharon, die im „Café de la Folie“ direkt gegenüber hinter der Theke steht. Sie hat die Menschen gesehen, die flüchteten, „junge Menschen“, sie hat die Verletzten gesehen, die weggetragen wurden.

Es drehe sich noch alles in ihrem Kopf, sie habe hunderte Fragen. Doch sie zögerte nicht, ihr Café am Tag danach aufzumachen. „Um mich abzulenken.“ Um die Gedanken nicht zuzulassen, die ihr Angst machen könnten. „Ich habe Kinder.“ Sharon streichelt ihren Bauch, ein weiteres ist unterwegs. „Ich weiß nicht, ob uns diese Attentate verändern, ob wir die Kinder auch künftig draußen spielen lassen werden.“

Ein Fernseher zeigt pausenlos Nachrichten. Luc und Alexandre, zwei ältere Herren, geben ihre Kommentare dazu ab. Angst? Nein, keine Angst. Aber Aufregung herrscht, als Sharons Mann hereinstürmt, ein Video auf seinem Handy zeigt. Eine neue Evakuation, wegen einer Tasche, in der eine Bombe sein könnte. Die Nervosität lässt sich nicht wegdiskutieren.

Militärlastwagen statt Autos

Auch in den Cafés „Chez Gaston“ und „Le Lutétia“ sitzen zahlreiche Gäste, fast trotzig. „Jetzt erst recht“, sagt Jérôme, 29, der mit seiner Freundin vor dem Bistro eine Partie Schach spielt, wie jeden Samstag.

Dennoch ist dieser Samstag ganz anders als die anderen. Nur jedes vierte Café, jeder vierte Laden ist geöffnet in dem Quartier um die Place de la République, sonst ein Ausgehviertel voller Leben, das auf einen Schlag zur Todeszone geworden ist.

Keine Autos verstopfen die Straßen, dafür brausen mit Soldaten vollbesetzte Militärlastwagen vorbei. Dreißig Meter neben dem schachspielenden Paar hat die Polizei das Gebiet um den Konzertsaal Bataclan abgeriegelt. Auf der einen Seite der Gitter die Einsatzwagen der Polizei, auf der anderen die Übertragungswagen der TV-Stationen.

Journalisten sind da, Kameras, viele. Mitten im Medientross sitzt unbeachtet ein Obdachloser auf einer Bank. Ob er sich jetzt weniger sicher fühlt, Nacht für Nacht draußen in dieser Stadt? „Nicht Paris ist gefährlich. Das Leben ist gefährlich“, sagt er, der nicht mehr viel zu verlieren hat.

Ein einsamer Stuhl, eine Rose

Nur wenige Gehminuten entfernt erinnert die Rue de la Fontaine au Roi an einen Kriegsschauplatz. Vor der Tür der Pizzeria „Casa Nostra“ steht ein einsamer Stuhl, daneben liegt eine Rose. Der verstreute Sand hat das Blut noch nicht aufgesogen.

Stille herrscht hier, Trauer. Eine junge Frau hält ein Transparent hoch: „Même pas peur“ – trotzdem keine Angst. Der Spruch ist überall zu lesen in der Stadt. Einschusslöcher auch im Café nebenan, der angrenzende Waschsalon vollständig zerstört. Tür an Tür ein Jugendhotel. Kein Kommentar, sagt die Frau an der Rezeption.

Madeleine hingegen spricht sich alles von der Seele. Fünf Meter neben ihrem Stubenfenster schlugen die Schüsse in der Bar Carillon durch die Scheiben. Hinter jenem Fenster steht sie jetzt und beantwortet die Fragen der Journalisten draußen auf der Straße. Erzählt, wie sie zuerst meinte, es handle sich um Petarden, abgefeuert wegen des Fußballspiels.

„Wir lassen uns nicht einschüchtern“

Ihre Tochter versteckt sich hinter ihr. Ihr Sohn zeigt ein Foto, das er gemacht hat, es zeigt einen toten Menschen unter einer Plane. Madeleine erzählt, wie sie die Rollläden hinunterließ und im Fernsehen live mitverfolgte, was draußen vor ihrem Fenster geschah. „Ich glaube nicht, dass es vorbei ist.“

„Es wird vorbeigehen“, sagt Sven, der seinen Laden geöffnet hat. „Wir wollen zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen.“ Paris werde sich nicht verändern. Man denke heute kaum mehr an die Attacke auf Charlie Hebdo. „Und so werden wir auch diese Attentate verdrängen, um weiterleben zu können.“ In seinem Schaufenster hängt ein kleines Plakat: „Même pas peur“. Angst ist keine Antwort auf das, was geschehen ist.