TOBIAS EVERKE

Trumps Wähler aus dem Mittelstand

Am Ende aller Träume

von Andreas Mink / 04.09.2016

Dem Mittelstand in Amerika geht es schlecht. Neu trifft es auch gut ausgebildete Weisse. Sie verlieren den Glauben an die Zukunft und werden empfänglich für Donald Trumps Versprechen. Ein Besuch im Rostgürtel im Nordosten.

„Diese Flagge hing vor unserem Haus“, sagt Lorri Vandermark und zeigt in eine Ecke ihres Wohnzimmers. Da lehnt eine Aluminiumstange mit einem Sternenbanner zwischen abgewetzten Möbeln und Umzugskartons: „Viel mehr konnte ich nicht mitnehmen, nachdem sich Frank vor einem Jahr das Leben genommen hatte.“ Vandermark war 17 Jahre alt und Schülerin, als sie ihren Mann in Nanticoke traf, einer Arbeitersiedlung nahe der Bergbau- und Industriestadt Wilkes-Barre im Gliedstaat Pennsylvania. Frank machte als Logistikoffizier bei der Luftwaffe Karriere. Nach seiner Dienstzeit kehrte die Familie 2003 in die Gegend zurück, und Frank wurde Lehrer an einer technischen Gewerbeschule. Lorri Vandermark erzählt: „Wie so viele Veteranen kam er mit dem Leben ausserhalb des Militärs nicht zurecht. Und so ist Frank von uns gegangen – wie täglich 22 unserer Veteranen.“ Frank hatte noch keine Pensionsbezüge, und darum bekommt seine Witwe nun auch keine Rente von der Air Force.

Löhne stagnieren, Kosten steigen

Plötzlich musste Lorri Vandermark wieder bei null anfangen. Dabei hatte die 51-Jährige in ihrem Leben alles richtig gemacht. Sie hat immer hart gearbeitet und es auf einer Nato-Basis in Deutschland von einer Aushilfe zur Managerin der grossen Tankstelle dort gebracht. Doch nach Franks Tod konnte Vandermark die Hypothek für das gemeinsame Heim nicht mehr bezahlen und musste zurück in das Haus ihrer Eltern in Nanticoke ziehen. Nun arbeitet sie in zwei Jobs, im Büro einer Buslinie und bei der Betreuung von Veteranen. Damit hatte sie noch Glück. Denn in Orten wie Wilkes-Barre sind Stellen rar. Die Stadt liegt am Rand der maroden Industrieregionen an den grossen Seen im Nordosten der USA. Dieser sogenannte Rostgürtel ist seit den siebziger Jahren besonders vom Niedergang des produzierenden Gewerbes betroffen.

Doch Weisse wie Vandermark haben nicht nur im Rostgürtel einen schweren Stand. Eine Reihe von Statistiken offenbart eine historische Krise in Amerika. „Die Volkswirtschaft der USA ist auf eine fundamentale Weise zerbrochen und nimmt immer mehr Bürgern die Basis für eine Existenz in der Mittelklasse“, sagt der Ökonom Robert J. Gordon (siehe Interview ). In dürren Zahlen ausgedrückt, machte die Mittelschicht im Jahr 1971 noch 61 Prozent der Bevölkerung aus, jetzt nur noch knapp die Hälfte. Das Vermögen ist zunehmend in den Händen einer kleinen Oberschicht konzentriert. Heute verfügen zwei Drittel der Amerikaner nicht einmal über Ersparnisse von über 1000 Dollar, um Notfälle bewältigen zu können. Nur ein Viertel könnte kurzfristig 5000 Dollar locker machen. Die Löhne stagnieren, und die Kosten steigen, vor allem jene für die Wohnungsmiete, für höhere Bildung und für die Gesundheitsversorgung. Heute fressen die Gesundheitskosten einen Drittel eines durchschnittlichen Familieneinkommens auf.

Kollaps von Gemeinschaften

Diese Belastung treibt den Mittelstand in die Schulden. 2015 hatte der durchschnittliche amerikanische Haushalt 132 000 Dollar Schulden, davon entfielen allein über 15 000 Dollar auf Kreditkartenschulden. Dieser finanzielle Stress bleibt nicht folgenlos. Die Lebenserwartung weisser Bürger nahm erstmals in der neueren Geschichte Amerikas ab. Obendrein treibt die wirtschaftliche Unsicherheit die Scheidungsraten sowie die Zahl der Drogensüchtigen in die Höhe.

Der Soziologe Robert Putnam diagnostiziert deshalb einen Kollaps von Familien und Gemeinschaften, der die moralischen Grundlagen der Gesellschaft untergrabe. Erwachsenen gehe das Verantwortungsgefühl gegenüber der eigenen Familie verloren. Naturgemäss seien es Kinder und Jugendliche, die darunter am stärksten litten. Laut Putnam kämpfen Angehörige von Minderheiten schon seit Jahrzehnten mit diesen Problemen. Neu sei, dass sich der soziale Zerfall auch in die weisse Arbeiter- und Mittelschicht hineinfresse – und damit in den Kern der amerikanischen Bevölkerung.

Die Entwicklung erfasst auch gut ausgebildete Männer und Frauen. Sie müssen plötzlich feststellen, dass die amerikanische Formel, nach der jeder es schaffen kann, wenn er nur hart arbeitet, nicht mehr gilt. In seinem Bestseller „Our Kids“ von 2015 zeigt Putnam an Einzelschicksalen auf, dass schwierige Lebensverhältnisse und rasant steigende Bildungskosten immer mehr weissen Jugendlichen den Zugang zu einer wettbewerbsfähigen Ausbildung blockieren. Mit dieser geballten Misere konfrontiert, reagieren auch bessergestellte ältere Weisse mit wachsendem Pessimismus gegenüber der Zukunft Amerikas.

Die grosse Rezession von 2007 bis 2009 habe diesen Trend beschleunigt, erklärt der Ökonom Gordon. Seither sind zwar fast 15 Millionen neue Jobs geschaffen worden, aber vorwiegend im schlechtbezahlten, anspruchslosen Service-Sektor. Im Gegenzug gingen in der Industrie und auf dem Bau seit 2007 rund 2 Millionen besser dotierte, qualifizierte Stellen verloren. Trotz der Erholung am Arbeitsmarkt finden Millionen von Amerikanern nur Teilzeitstellen. Männer im produktivsten Lebensalter von 25 bis 50 Jahren scheiden fortlaufend aus dem Arbeitsmarkt aus. Sie können sich teilweise mit staatlicher Wohlfahrt über Wasser halten. Daneben springen Kirchen wie St. Stephen’s in Wilkes-Barre ein. Die Leiterin der Essenshilfe dort erklärt, ihre Gemeinde unterstütze 1100 Haushalte im Landkreis rund um die Stadt.

Der Mittelstand ist immer noch die grösste soziale Schicht Amerikas und damit auch entscheidend für die Präsidentschaftswahlen. Wilkes-Barre, eine demokratische Hochburg, müsste Hillary Clinton eigentlich einen sicheren Sieg bringen. Doch Menschen wie Lorri Vandermark erkennen in Donald Trump ihren Retter. Seine Versprechungen von einer Rückkehr zu Amerikas verlorener Grösse fallen besonders im Rostgürtel auf fruchtbaren Boden.

Etwa ein Fünftel aller Amerikaner lebt in den Gliedstaaten dieser Region. Sie geben seit Jahrzehnten den Ausschlag bei den Präsidentschaftswahlen. Bei den Vorwahlen im Frühjahr sind rund um Wilkes-Barre Tausende zu den Republikanern übergelaufen, damit sie Trump wählen konnten. Dasselbe taten Unzählige in ganz Pennsylvania. Menschen, die vor vier Jahren noch Barack Obama gewählt hatten, machen nun Wahlkampf für Trump. Wenn es für Trump einen Weg ins Weisse Haus gibt, dann führt er laut allen Experten über den bevölkerungsreichen Rostgürtel.

Wie konnte es zu diesem Bruch in weiten Teilen der Bevölkerung kommen? Ökonom Gordon führt diese Krise grundsätzlich darauf zurück, dass die Produktivität Amerikas nach 1970 erlahmt sei. Innovationen seien ausgeblieben. Zum Beispiel hatte die Motorisierung das Land ab 1870 zur weltgrössten Industrienation gemacht. Später wurden in der Industrie die Produktion ausgelagert und billigere Güter importiert. Deshalb wandern jüngere und besser qualifizierte Bürger bereits seit Jahrzehnten aus dem Rostgürtel ab. Anderen stehe dieser Ausweg nicht zur Verfügung, erklärt Gordon: „Mittelgrosse Städte wie zum Beispiel Wilkes-Barre haben ihre Fabriken verloren. Dort können viele Bürger nicht wegziehen, weil ihre Häuser wegen des schwachen Immobilienmarktes massiv an Wert verloren haben oder schlicht unverkäuflich sind. Sie sitzen in einer Falle.“

Über alte Arbeiterviertel wie Nanticoke bricht diese Entwicklung wie eine Naturkatastrophe herein. Das zeigt der Stadtrat und Ortshistoriker Tony Brooks auf. Der 51-Jährige stammt von den Pionieren ab, die im Jahr 1762 aus Connecticut in die Region kamen und auch Wilkes-Barre gegründet haben. Hundert Jahre später wurde die Stadt dank hochwertigen Steinkohlevorkommen zu einem Motor der amerikanischen Industrialisierung. „Die Kohle hat uns sehr reich gemacht und zog Immigranten aus ganz Europa an“, sagt Brooks. „Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde unsere Kohle weniger wettbewerbsfähig, und nach 1970 wanderte auch die Industrie ab. Die Bevölkerungszahl ist über die letzten 80 Jahre auf die Hälfte gefallen.“

In Lorri Vandermarks Kommune dient noch eine von sechs katholischen Kirchen als Gotteshaus. Schulen und das kleine College haben ebenfalls längst geschlossen. Viele Häuser stehen leer. Andere wurden von Immobiliengesellschaften gekauft und an Zuzügler vermietet. Das zieht auch dubiose Figuren an. Tatsächlich hat die Kriminalität in der Region seit der Rezession zugenommen.

Vor diesem Hintergrund kann Putnam die Anziehungskraft eines Donald Trump gut verstehen. Der Soziologe hält ihn für einen Brandstifter und Scharlatan. Aber er ordnet Trump historisch ein und sagt: „Unsere Geschichte wird von der Spannung zwischen Egoismus und Gemeinsinn geprägt. Um 1900 haben wir eine ähnliche Krise wie heute erlebt.“ Damals hätten der Terror von Anarchisten und der Zustrom europäischer Immigranten Ängste und Fremdenhass geschürt. Die Kluft bei den Einkommen und Vermögen sei damals noch tiefer gewesen als heute, sagt Putnam: „Ein extremer Egoismus dominierte, wie ihn heute Trump verkörpert.“ Doch dann habe sich der Wir-Gedanke durchgesetzt. Die Auswüchse des Kapitalismus seien von Reformern wie Theodore Roosevelt und Franklin D. Roosevelt gestutzt worden. Zumindest jeder weisse Amerikaner habe eine faire Chance auf Bildung und ein Leben in der Mittelklasse erhalten. Putnam rechnet fest damit, dass das Land schon bald in eine neue Wir-Ära eintritt.