Jonathan Ernst / Reuters

Donald Trumps Abschlussrede

Amerika im Belagerungszustand

von PEWI / 22.07.2016

Der republikanische Präsidentschaftskandidat beschliesst den Wahlkonvent. Die USA, die einst „leuchtende Stadt auf dem Berg“, habe sich in ein Jammertal verwandelt.

Zum Höhepunkt des republikanischen Wahlkonvents hat Donald Trump ein ausserordentlich düsteres Bild der Lage Amerikas gezeichnet. Er versprach Abhilfe, allerdings ohne in die Details zu gehen, wie er das bewerkstelligen will. Er malte die USA als Land im Belagerungszustand, bedrängt von „islamischen Terroristen“ und raffinierten Manipulatoren aus dem Ausland und Gesetzesbrechern im Inneren, von den Eliten verraten und vergessen. Diesem Elend will er sich als „Kandidat von Law and Order“, von Recht und Gesetz, entgegenstellen.

In einer der längsten Reden eines Kandidaten zur Annahme der Nomination in jüngerer Zeit stellte sich Trump während 75 Minuten als Volkstribun dar. Er will die Arbeitsplätze von Stahlarbeitern und Bergarbeitern wieder zurückbringen, Handelsverträge kündigen oder nachverhandeln und das Militär stärken. Von Abenteuern im Ausland und vom „Nation Building“ auf der ganzen Welt will er hingegen Abstand nehmen.

Amerika ist in Trumps Darstellung nicht mehr die leuchtende Stadt auf dem Berg eines Ronald Reagan, sondern ein Jammertal, das Rettung nötig hat. Sein Wahlspruch „America First“ bedeutet auch eine Abschottung gegen aussen, mit dem Bau der Mauer an der Grenze zu Mexiko – die zuvor am Konvent kaum mehr erwähnt worden war – und dem befristeten Einreisestopp für Menschen aus Ländern, in denen Terrorismus an der Tagesordnung ist.

Das sind ebenso umstrittene Themen wie die Ankündigung, die Immigrationsgesetze künftig strikt durchzusetzen, eine schlecht versteckte Anspielung auf die Deportation von Millionen von Sans Papiers. Trump fand damit zurück zu seinen schlagenden Argumenten im Vorwahlkampf, als er die Wut, Enttäuschung und Verzweiflung eines Teils der Wählerschaft aufzunehmen und auszudrücken verstand. Gleichzeitig verscheuchte er einen anderen, beachtlichen Teil der Wählerschaft. Seine Anhänger dürften dankbar sein, dass er wieder einmal sagte, „wie es ist“. Nicht sicher ist, ob er Brücken zu neuen Wählerschichten bauen konnte.

Gleichzeitig liess Trump auch aufhorchen, als er traditionelle Tabuthemen ansprach, wie die Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transsexuellen-Gemeinschaft, und dem Publikum danach sogar dafür dankte, dass es ihn nicht ausbuhte. Zweifellos hat Trump die Republikanische Partei innert weniger Monate verändert. Vor vier Jahren wäre ein Auftritt eines Peter Thiel, des Mitbegründers des Internet-Bezahl-Diensts PayPal und Investoren in verschiedenen Unternehmen aus dem Silicon Valley, am Hauptabend des Wahlkonvents nicht vorstellbar gewesen. Thiel proklamierte auf der Bühne, er sei stolz, Republikaner und schwul zu sein. Er nannte die Kulturkriege – beispielsweise der immer noch heftige Kampf gegen die gleichgeschlechtliche Ehe in vielen Staaten – eine Ablenkung von den wirklich wichtigen Themen. Und er erhielt eine stehende Ovation.

Im Rückblick auf die vier Tage des Wahlkonvents ist der einzige erkennbare rote Faden aller Reden die Ablehnung – und zum grossen Teil die Verachtung gegenüber – der wahrscheinlichen demokratischen Kandidatin Hillary Clinton. Auch Trump warf ihr am Donnerstagabend vollständiges Versagen als Aussenministerin und Unehrlichkeit gegenüber ihren Landsleuten vor. Auffallend allerdings war, dass er auf die skandierten Forderungen, sie dafür einzusperren („Lock her up!“), mit dem Vorschlag antwortete, sie im Herbst doch einfach zu besiegen.

Abgesehen davon hat die Wahlparty übers Ganze gesehen zwei grundverschiedene Zuschauergruppen sicherlich enttäuscht. Zum einen waren die Skandale eigentlich überschaubar. Der Eindruck, dass eine grosse Zahl von Skeptikern inner- und ausserhalb der Partei sowie die Mehrzahl der Medien mit Eklats ganz anderer Grössenordnungen rechneten, ist nicht von der Hand zu weisen. Es wird auf jeden Fall interessant sein zu sehen, ob die Medien am Parteitag der Demokraten nächste Woche in Philadelphia mit der gleichen Verve potenziellen Skandalen nachspüren werden. Diese müssen sich viele von ihnen schon deshalb herbeiwünschen, weil nur dann ihre Präsenz und die damit verbundenen Ausgaben zu rechtfertigen sind.

Die zweite Gruppe, die enttäuscht wurde, ist jene, die sich vom Selbstvermarkter und Entertainer Trump ein funkelndes Spektakel gewünscht hatte. Er hatte dies in einem Interview im Mai schliesslich selber versprochen. Als prominente Figur des Show-Business – und Reality-TV gehört heute dazu – hätte man sich vorstellen können, dass Trump bedeutend mehr „Star Power“ hätte defilieren lassen können, entweder dank seines Beziehungsnetzes oder dann wenigstens kraft seines Vermögens. Fast etwas wehmütig musste man mit der Erinnerung an einen leeren Stuhl Vorlieb nehmen, zu dem vor vier Jahren in Tampa mit Clint Eastwood wenigstens eine Ikone aus Hollywood gesprochen hatte.