Tannen Maury / EPA

Apologie auf Amerikanisch: Bloss keine Kniefälle!

von Ronald Gerste / 10.10.2016

Die Political Correctness liebt Entschuldigungen – für US-Präsidenten aber bleiben sie ein Risikofaktor. Wie gehen Hillary Clinton und Donald Trump mit dem heissen Eisen um?

Zu den bekanntesten Zitaten, die John Wayne (1907–1979) uns hinterlassen hat, gehört die Mahnung: „Entschuldigen Sie sich nicht, Mister, es ist ein Zeichen von Schwäche!“ Der „Duke“ sprach die Worte in seiner Rolle als Kavallerieoffizier Captain Nathan Brittles im 1949 gedrehten Western „She Wore a Yellow Ribbon“ (deutsch: „Der Teufelshauptmann“) aus. Doch es gibt wenig Zweifel, dass der politisch rechtslastige Schauspieler, der unter anderem den Landraub an den amerikanischen Ureinwohnern für gerechtfertigt hielt und mit den erzkonservativen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater und Ronald Reagan (dessen Wahl 1980 er nicht mehr miterlebte) befreundet war, auch privat diese Haltung vertrat.

Moralische Kleinkriege

Könnte John Wayne heute die Nachrichten und politischen Sendungen im amerikanischen Fernsehen verfolgen oder eine den Mainstream-Medien zugerechnete Tageszeitung aufschlagen, er wäre erschüttert, wie oft ihm die Formulierung, wonach jemand „sich entschuldigen sollte“ oder „sich entschuldigt hat“, begegnen würde. Die renommierte Georgetown University hat sich gerade dafür entschuldigt, dass sie vor beinahe zweihundert Jahren Verbindungen zu Landwirtschaftsbetrieben unterhielt, auf denen Sklaven gehalten wurden, und dass sie 1838 sogar Sklaven aus solchen Farmen verkaufte. Es kann als ausgemacht gelten, dass die Entschuldigung in diesem Fall nur der erste Schritt ist: Sprecher einer Vereinigung von mutmasslichen Nachfahren jener Sklaven haben umgehend erklärt, man erwarte nun „reale Sühne“ – also Geld.

In der Politik reicht meist die Entschuldigung an sich, als moralische Variante des Punktsieges im Boxsport: So glaubte jüngst ein Redner im Stadtrat eines Vororts von Washington, bei seinen Ausführungen im Mienenspiel eines anderen Abgeordneten einen Mangel an Respekt auszumachen – und verlangte eine Entschuldigung. Auch Sportvereine sind mit Entschuldigungen schnell bei der Hand; weniger wegen schwacher Leistungen als vielmehr, wie jüngst das Football-Team der Rice University, aufgrund politisch inkorrekter Anzüglichkeiten bei der Halbzeit-Show.

Wenn es allerdings um das höchste Amt geht, vermeiden Präsidenten wie Präsidentschaftskandidaten oft den letzten Schritt zur formellen Entschuldigung. Denn einen Präsidenten, der sich entschuldigt, sehen viele Amerikaner nach wie vor genauso an wie seinerzeit John Wayne. Es gehört seit 2008 zur republikanischen – und im damaligen Wahlkampf vor allem von Sarah Palin vertretenen – Rhetorik, dass sich Obama angeblich „für Amerika entschuldige“ und seine Staatsbesuche eigentliche „Entschuldigungs-Tourneen“ seien. Beispiele dafür sind jedoch rar.

Obama hat sich für einzelne Handlungen entschuldigt, etwa Luft- oder Drohnenangriffe, bei denen versehentlich Unbeteiligte getroffen wurden; er hat jedoch im Ausland keine grundsätzliche Entschuldigung für historische Akte abgegeben, wie sie verschiedentlich gefordert wurde. Eine entsprechende Geste beim Besuch in Hiroshima vermied er, denn sie hätte einen Proteststurm nicht nur bei Konservativen ausgelöst. Auch beim Besuch des während des Vietnamkrieges massiv bombardierten Laos beschränkte er sich auf die Devise, sich „mit der Geschichte auseinanderzusetzen“ – das heikle Wort fiel auch dort nicht. Obamas nachhaltigste und historisch absolut gerechtfertigte Entschuldigung galt 2009 den Native Americans (Indianern) für die Vertreibung und oft physische Vernichtung nach und schon vor der Gründung der Vereinigten Staaten. Dem haben sich verschiedene Gliedstaaten und Gemeinden angeschlossen und Bedauern über die Behandlung der Ureinwohner bekundet, Colorado beispielsweise für das Massaker am Sand Creek 1864.

Weitere wirkliche Entschuldigungen für Geschehnisse der Vergangenheit wurden etwa von Bill Clinton ausgesprochen, der Abbitte für die in den 1930er Jahren durchgeführten medizinischen Experimente mit schwarzen syphiliskranken Männern tat – und vom unerreichten Idol des konservativen Amerika, Ronald Reagan. Dieser unterzeichnete 1988 eine Gesetzesinitiative, in der sich die USA zu dem Unrecht bekannten, das nach dem Überfall auf Pearl Harbor 1941 mehr als 100 000 japanischstämmigen Amerikanern widerfuhr. Sie wurden über Jahre in Internierungslagern in öden Regionen der USA eingesperrt – mit Billigung der Ikone des linken Amerika unter den Präsidenten, Franklin D. Roosevelt.

Zwei Selbstgerechte

Im derzeitigen Wahlkampf hat Hillary Clinton zwar mehrfach von Donald Trump Entschuldigungen verlangt, das Wort indes in eigenen Angelegenheiten gemieden; allenfalls ruderte sie auf andere Art zurück, etwa nachdem sie bei einer Wahlveranstaltung die Hälfte der Trump-Wähler als beklagenswerte Rassisten, Sexisten, Homophobe, Xenophobe und Islamophobe beschimpft hatte. Dafür haben Trump und sein Vizepräsidentschaftskandidat Mike Pence jedoch eine vollwertige Entschuldigung von der Rivalin gefordert.

Trumps Anziehungskraft auf bestimmte Bevölkerungsschichten (überwiegend männlich, weiss und eher bildungsfern) erklärte Karen Tumulty, Kolumnistin bei der „Washington Post“, unlängst auch mit seiner „no-apology philosophy“. Trump selbst posaunte in einem Fernsehinterview: „Ich bin völlig überzeugt, dass es eine grossartige Sache ist, sich zu entschuldigen. Aber dafür muss man im Unrecht sein. Ich werde mich bestimmt in ferner Zukunft entschuldigen – falls ich jemals Unrecht haben sollte.“ Dass diese Zukunft so fern nicht war, hat sich mittlerweile erwiesen: Das Auftauchen des unsäglich ordinären Videos, in dem Trump mit seinen sexuellen Exploits prahlt, nötigte ihn zu den ominösen Worten „ich entschuldige mich“. Angerichtet waren sie freilich – wen wundert’s – in einer dicken Sauce von Eigenlob und Propaganda.

Ob mit Entschuldigung oder ohne: Es darf bezweifelt werden, dass John Wayne – weilte er noch unter den Lebenden – Trump zujubeln würde. Dem steht nämlich ein anderes Zitat des Schauspielers entgegen: „Ich traue keinem Mann, der keinen Alkohol trinkt.“ Donald Trump ist Abstinenzler.