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Neuer Tiefpunkt

Behauptungen und Lügen statt Antworten

von Peter Winkler / 11.10.2016

Welchen Sinn hat es noch, Fernsehdebatten zu inszenieren, wenn auf Fragen grundsätzlich nicht mehr geantwortet wird? NZZ-Korrespondent Peter Winkler analyisert den US-Wahlkampf in Washington.

Die Frage, wer die zweite Fernsehdebatte der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten verloren hat, ist schnell beantwortet: die Debatte. Über lange Strecken hat die eineinhalbstündige Vorstellung an der Washington-Universität in St. Louis (Missouri) am Sonntagabend den Beweis erbracht, dass der ursprüngliche Zweck von Debatten – der Austausch und der Wettstreit von Ideen – im Zeitalter von Donald Trump seinen Sinn weitgehend eingebüsst hat.

Verzweiflungsschlag

Die Kadenz, mit welcher der New Yorker Immobilienmogul und Selbstvermarkter Lügen, Halbwahrheiten und Übertreibungen von sich gab, war atemberaubend. Nicht, dass seine Rivalin Hillary Clinton stets das Fähnlein der Aufrichtigen in die Höhe gehalten hätte. Aber man braucht die Untersuchungen, die im Anschluss an die „Debatte“ zum Wahrheitsgehalt gemacht wurden, nur zu überfliegen – von Politifact der „Tampa Bay Times“ über den Fact-Checker der „Washington Post“ und die entsprechende Abteilung der „New York Times“ bis hin zu dem Internetmagazin „Politico“ oder dem öffentlichrechtlichen Radio NPR. Der Tenor ist einmütig. Vieles, das Trump behauptete, und einiges, das Clinton in den Raum stellte, war mehr oder weniger falsch. Und um Missverständnissen vorzubeugen: Die zitierten Medien stellen ihre Urteile nicht auf reine Gefühlsreaktionen in den Kommentarspalten ab, sondern auf detaillierte, nachvollziehbare eigene oder auswärtige Recherchen.

Dem Niveau wenig zuträglich war zweifellos, dass Trump kurz vor der Live-Sendung eine Pressekonferenz abhielt, in welcher er vier Frauen vorstellte, die angeblich Opfer von sexuellem Missbrauch durch den früheren Präsidenten Bill Clinton und einer Art Komplizenschaft Hillary Clintons in den neunziger Jahren oder noch früher waren. Da er in der ersten Fernsehdebatte noch – unter viel Eigenlob – erklärt hatte, er werde nicht in diese Niederungen hinabsteigen, konnte die Aktion nur den Sinn gehabt haben, die vernichtende Veröffentlichung einer Prahlerei mit sexuellen Übergriffen aus dem Jahr 2005 aus den Schlagzeilen zu verdrängen. Ob ihm das gelang und ob es ihm auch längerfristig nützt, ist unklar.

In St. Louis behauptete Trump auf hartnäckiges Nachfragen eines Moderators, die Prahlerei von 2005 sei lediglich „Geschwätz aus dem Umkleideraum“ gewesen und er habe die durchaus strafbaren Handlungen, mit denen er sich gebrüstet hatte – Küssen von Frauen ohne deren Einverständnis und Begrapschen intimer Körperteile –, nie auch wirklich vollzogen. Dies mag sein, doch ändert es nichts an der Tatsache, dass in den Äusserungen eine verächtliche Haltung gegenüber Frauen zum Ausdruck kommt, die Trump ja auch in anderen Zusammenhängen bewies. Sich damit herauszureden, dass – wie in den erwähnten „Umkleideräumen“ – halt manchmal etwas viel Testosteron in der Luft sei, bedeutet ja nur, dass Männer in der Welt, wie Trump sie sieht, von unbeherrschbaren Trieben gelenkt werden – seit je die billigste Ausrede für sexuelle Gewalt.

Nicht einmal mehr ausweichend

Die Erörterung der Frage, ob eine Kandidatin oder ein Kandidat für ein Amt mit ausserordentlich viel Verantwortung den nötigen Charakter mitbringt, war in der Fernsehdebatte legitim. Dass auf die Fragen von Moderatoren oder aus dem Publikum nicht einmal mehr ausweichend geantwortet wurde, sondern oft nur noch Behauptungen und wilde Vorwürfe wie in einem Tennismatch hin und her gepfeffert wurden, führte die Übung jedoch ins Absurde.

Welchen Sinn hat es, Fragen zu stellen, die grundsätzlich nicht beantwortet werden? Und was sollen dann die „Vertreter des Volks“ auf der Bühne, die ihre Anliegen in Form einer Frage zum Thema machen wollen? Auch in diesem Bezug ist der Befund eindeutig. Clinton machte gelegentlich einen ernsthaften Versuch, auf die Fragesteller einzugehen. Trump benutzte sie meist nur als Lieferanten von Stichwörtern für seine Tiraden.

Er sorgte auch für den absoluten Tiefpunkt des Abends, als er Clinton zurief, unter seiner Präsidentschaft wäre sie nicht auf der Bühne, sondern im Gefängnis. Am Wahlkonvent im Juli hatte er auf den Kampfruf „Sperrt sie ein!“ aus der Basis noch mit Besonnenheit reagiert: „Lasst uns doch einfach im November gewinnen, o. k.?“