Jim Urquhart / Reuters

Präsidentschaftswahlkampf USA

Dank Tarnkappe ins Weiße Haus

von Peter Winkler / 18.05.2016

Um politisch korrekt zu wirken, geben sich weiße Anhänger von Trump nicht immer zu erkennen. Darauf deuten verschiedene Studien hin. Diese Gruppe könnte im Herbst für überraschende Resultate sorgen.

Der amerikanische Journalismus-Veteran Thomas Edsall hat in der New York Times, für die er regelmäßig Kolumnen schreibt, jüngst die provokative These aufgestellt, dass Anhänger des wahrscheinlichen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump in Meinungsumfragen zum Teil mit Tarnkappen unterwegs sind. Er glaubt, Hinweise dafür gefunden zu haben, dass ein Teil von ihnen in Befragungen per Telefon andere Antworten gibt als in Online-Befragungen. Edsall ist seit fast 50 Jahren im Geschäft des seriösen Journalismus – etwa bei der Baltimore Sun oder der Washington Post – tätig und lehrt zudem an der angesehenen Schule für Journalismus der Columbia University. Grund genug, die These etwas genauer anzuschauen.

Sicherheit in der Anonymität

Edsall hat Umfrageergebnisse über das allfällige Duell zwischen Trump und der demokratischen Favoritin Hillary Clinton verglichen. Dabei fiel ihm auf, dass Clintons Vorsprung in jenen Befragungen, die per Telefon stattfanden, bedeutend größer war als in jenen, welche die Befragten selber im Internet ausfüllen konnten. Dies sei darum wichtig, argumentiert Edsall, weil die anonyme Online-Befragung stärker einer Abstimmung in einer Wahlkabine gleiche als einer Befragung durch eine Person in Fleisch und Blut. Und dies wiederum sei darum von Bedeutung, weil Befragte gegenüber einer Person manchmal nachweislich anders antworteten, als sie wirklich empfänden. Er verweist dazu auf eine ausführliche Studie des Pew Research Center aus dem vergangenen Jahr, die ebenfalls konstatierte, dass Umfrageergebnisse je nach Modus der Befragung – Telefon oder anonym im Internet – zu anderen Ergebnissen führen können.

Besonders große Unterschiede – zwischen 14 und 18 Prozentpunkte – kamen unter anderem bei Fragen über die Diskriminierung von Minderheiten zustande: In den Telefonbefragungen sorgten sich die Befragten bedeutend mehr wegen Diskriminierung als im anonymen Modus. Dies entspricht einem Muster, das auch in anderen Ländern bei politisch heiklen Abstimmungen sichtbar wurde, wie zum Beispiel bei der Minarett-Initiative in der Schweiz: In persönlichen Befragungen geben Befragte manchmal sogenannte Gefälligkeitsantworten. Diese entsprechen nicht der inneren Überzeugung der Befragten, sondern dem Bild, das sie von sich gegen außen vermitteln wollen.

Auch das Unternehmen Morning Consult, das auf Online-Umfragen spezialisiert ist, kommt in einer Studie zum Schluss, dass Trumps Zustimmungsraten in Online-Umfragen gegenüber Telefonbefragungen 8 bis 9 Prozentpunkte höher liegen. Besonders auffällig waren diese Unterschiede bei Personen mit höherer Bildung und bei sogenannten Unabhängigen, die sich weder als Demokraten noch als Republikaner identifizieren. In den Online-Umfragen von Morning Consult ergaben sich gerade für die umstrittensten Forderungen Trumps – die Deportation von Sans Papiers (irregulären Migranten), der Mauerbau an der Grenze zu Mexiko und der Einreisestopp für Muslime – viel größere Zustimmungsraten als in den gleichzeitig durchgeführten Telefonbefragungen anderer Organisationen.

Edsalls These, und die Studien, auf die er sich stützt, werden zugestandenermaßen unterschiedlich beurteilt. So glaubt der Datenexperte Nate Silver vom Webportal FiveThirtyEight nicht daran, dass Gefälligkeitsstimmen bei Trump eine große Rolle spielen – schon deswegen, weil Trump-Anhänger, die zu seinen Veranstaltungen gehen, keinerlei Hemmungen haben, ihre Ausrichtung bekannt zu machen. Sie seien vielmehr stolz auf die Tatsache, dass sie das „enfant terrible“ unterstützten.

Dem könnte entgegengehalten werden, dass Edsalls These ja gerade jene im Visier hat, die nicht – oder zumindest nicht öffentlich – für Trump werben, aber „die Faust im Sack“ machen und in der Anonymität von geheimen Wahlen – oder eben von Online-Umfragen – aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Und selbst an Trumps Wahlveranstaltungen fallen viele Teilnehmer dadurch auf, dass sie ihre Trump-T-Shirts unter einer neutralen Jacke tragend verstecken oder die Trump-Baseballmütze erst unmittelbar am Veranstaltungsort aus der Tasche klauben.

Revanche der Weißen?

Mit Blick auf die Präsidentenwahl im Herbst kommt Edsall zum Schluss, dass Trump wie schon in den republikanischen Vorwahlen jederzeit für Überraschungen gut ist. Dies hat vor allem mit den Rassenbeziehungen in den USA zu tun und den wissenschaftlich fundierten Hinweisen darauf, dass Trumps Anhänger überdurchschnittlich weiß und ethnozentrisch sind. In anderen Worten, sie haben von ihrer eigenen Rasse die beste Meinung und hegen gegenüber anderen einen Groll – genau die Art von Themen, die bei Telefonbefragungen Gefälligkeitsantworten provozieren.

Eine Erhebung der Vanderbilt University hat gezeigt, dass zwar unter den Republikanern der Anteil dieser Wählergruppe am größten ist. Doch die Grand Old Party hat keineswegs ein Monopol: Auch bei den weißen Demokraten und noch mehr bei den weißen Unabhängigen gibt es größere Kontingente von potenziellen Wählern, die diesem Muster entsprechen. Falls Trump die Wahl im November also in ein Referendum über die Rassenbeziehungen verwandeln kann, hätte er gute Chancen, diese Gruppen für sich zu mobilisieren.