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Ted Cruz im Porträt

Das kleinere Übel

von Georg Renner / 07.04.2016

Noch vor wenigen Monaten zogen führende Figuren der Republikanischen Partei Donald Trump dem konservativen Feuerbrand Ted Cruz vor. Inzwischen hat sich das geändert – auch wenn noch immer keine Zuneigung im Spiel ist.

Wenn Donald Trump den Machtinstinkt verkörpert, dann ist Ted Cruz das personifizierte Machtkalkül. Es ist bedeutend einfacher, frühere Wegbegleiter zu finden, die den 46-jährigen Senator aus Texas mit wenig schmeichelnden Worten beschreiben, als solche, die sich über ihn lobend äußern. Doch selbst jene, die sich heute abschätzig über den umstrittenen Politiker äußern, geben zu, dass er ein in der Wolle gewaschener Konservativer ist.

„Erschossen oder vergiftet“

Cruz hat sich zwar auch im Senat, dem er seit 2012 angehört, keine wirklichen Freunde gemacht. Lindsay Graham, der gar nicht mundfaule Senator aus South Carolina, meinte noch vor wenigen Monaten, die Wahl zwischen Trump und Cruz entspreche jener, erschossen oder vergiftet zu werden. Etwas später, als Trump der republikanischen Nominierung als Präsidentschaftskandidat greifbar nah gerückt war, stellte sich Graham offen – wenn auch sichtlich leidend – hinter den ungeliebten Senatskollegen.

Gegen die guten Sitten

Es gibt gute Gründe, warum ihn so viele seiner republikanischen Mitstreiter in der kleinen Kongresskammer nur widerwillig als Alternative zum New Yorker Immobilienmogul und Selbstvermarkter Trump akzeptieren. So etwa die Tatsache, dass er 2013 das republikanisch dominierte Repräsentantenhaus in aussichtsloser Lage bis zum Government-Shutdown vor sich hertrieb. Das schadete der Partei, half aber seinem Ruf als Feuerbrand der Tea-Party-Bewegung. Oder dass er den republikanischen Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, offen der Lüge bezichtigte. So etwas tut man nicht im Senat, der sich trotz dem intensiven politischen Ringen als eine Art Gentlemen’s Club versteht, in dem man unter allen Umständen die Form wahrt.

Ein neuer Richard Nixon?

Doch die Antipathie, die Cruz oft entgegenschlägt, hat nicht dazu geführt, dass er sich kleinlaut in die Ecke gestellt und geschämt hätte. Im Gegenteil: Rich Lowry, der Chefredakteur des konservativen Nachrichtenmagazins National Review, sieht in Cruz die politische Gewandtheit vom Format eines Richard Nixon. Er hat zwar öfters seinen Standpunkt verändert und gelegentlich binnen kurzer Zeit dies und dann das Gegenteil propagiert. Doch er hat bei seinen Anhängern den Ruf als Konservativer, der sich nicht korrumpieren lässt, schadlos über die Runden gebracht. Auch dass die Website „Politifact“, die Aussagen von Politikern auf ihren Wahrheitsgehalt prüft, von gut hundert Erklärungen aus dem Munde Cruz’ ganze zwei Drittel als entweder mehrheitlich falsch, schlicht falsch oder völlig abwegig bezeichnet, hat daran nichts geändert.

Trump bewirkt die Wende

Noch im Januar hatte das Magazin The Atlantic aus dem Dunstkreis der Hauptstadt Washington berichtet, für das republikanische Establishment sei Cruz – im Vergleich zu Trump – die schlechtere von zwei schlechten Lösungen. Man befürchtete nicht nur, der Senator werde in der Präsidentenwahl im November ein Debakel erleiden, sondern man hielt ihm besonders vor, er sei kein Teamspieler. Doch das war, bevor offenbar auch das Establishment die volle Wucht von Trumps Unberechenbarkeit erkannte. Deshalb lautete die Schlagzeile Anfang März im gleichen Magazin, das Establishment beginne, sich mit Cruz abzufinden, weil man bei ihm wenigstens wisse, woran man sei. Nun ist auf einmal er das kleinere von zwei Übeln.