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US-Wahlkampf

Die Abenteuer des Baron Trumphausen

Meinung / von Uwe Justus Wenzel / 13.04.2016

Nicht nur Politiker lügen, aber einer tut es derzeit – und in aller Weltöffentlichkeit – anscheinend so sehr, dass er sogar psychologische Diagnosen auf sich zieht. Doch lügt Donald Trump überhaupt, wenn er die Unwahrheit sagt?

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. – Nimmt der Volksmund ernst, was er immer noch sagt? Macht er seine Drohung wahr und entzieht einem Lügner stets das Vertrauen? Zweifel sind angebracht – besonders im Blick auf die Sphäre der Politik. Dort, wo es um Machterwerb und Machterhalt geht, um kluge Schachzüge und strategisches Verhalten, biegen sich nicht selten die Balken. Wenn indes ihr „kreatives Wahrheitsmanagement“ auffliegt, werden die politischen Balkenbieger selten in die Wüste geschickt. So ließe sich also wohl eher der Wahrheit die Ehre geben, wenn der Spruch abgewandelt würde: Wer einmal lügt, dem glaubt man zwar nicht mehr so recht – aber man wählt ihn vielleicht doch noch. Sogar die verschärfte Version erscheint nicht abwegig: Auch wer mehr als einmal lügt, kann noch immer Stimmen fangen.

Eine Unwahrheit pro Minute

I’m a very honest guy.

Donald Trump

Donald Trump, notorisch nicht nur Grobheiten und Dummheiten, sondern auch Unwahrheiten von sich gebender republikanischer Kandidat im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, wird zumindest in den Vorwahlen gewählt. Der Anteil an glatten Lügen, Falschheiten und Halbwahrheiten in seinen öffentlichen Äußerungen übersteigt, wie Analysen eindrucksvoll vor Augen stellen, den Anteil nicht zu beanstandender Behauptungen bei weitem; und der politisierende Unternehmer schlägt laut der auf fact checking spezialisierten Website „PolitiFact“ im Ranking der Lügenhaftigkeit alle gleichfalls unter die Lupe genommenen Kandidaten – einschließlich Hillary Clinton, auf deren Weste das Weiß noch erkennbar ist – mehr als deutlich (mit der Ausnahme seines inzwischen ausgeschiedenen republikanischen Mitbewerbers Ben Carson, von dessen Statements allerdings viel weniger auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft worden sind). Unlängst hat die „Huffington Post“ akribisch eine einstündige Rede Trumps analysieren lassen. Falsche Zahlenangaben (um politische Gegner in schlechtem oder sich in günstigem Licht erscheinen zu lassen), Tatsachenverdrehungen, Schutzbehauptungen und anderes mehr – der Redner zieht alle Register. Einundsiebzigmal hat er es mit der Wahrheit wenig bis gar nicht genau genommen. Als eine Art ironisches Fazit darf Trumps Behauptung Nummer einundsechzig gelten: „I’m a very honest guy.“


Credits: NZZ

Mehr als eine Unwahrheit pro Minute – das kann sich sehenlassen und braucht keinen Vergleich mit dem auch nicht über jeden Zweifel erhabenen Volksmund zu scheuen. Der nämlich lässt sich von seiner eigenen, eingangs zitierten redensartlichen Mahnung selbst nicht sonderlich beeindrucken – und übt vermutlich auch deswegen Nachsicht mit lügnerischen Politikern. Durchschnittsmenschen sollen in unserem Kulturkreis bis zu zweihundertmal pro Tag schwindeln, lügen, schönfärben, verheimlichen. Jedenfalls behaupten das seit geraumer Zeit Psychologen unter Verweis auf einschlägige Studien. Die Zahl ist freilich nicht unumstritten und wird immer wieder einmal nach unten korrigiert – aber in aller Regel nicht auf null: Kleinere und größere Unwahrheiten gehören zum Alltag, das Lügen – so sagen manche Lügenforscher – diene, wenn es nicht übertrieben werde, der eigenen Psychohygiene und auch dem gedeihlichen Zusammenleben. Sogar Höflichkeit kann, wie man weiß, im Spiel sein; sie bringt schon artige Kinder dazu, den trockenen Sandkuchen der Großtante wahrheitswidrig als köstliche Speise zu loben. Ob die Flunkerfrequenz nun aber zwei- bis dreimal pro Tag oder unglaubliche zweihundertmal pro Tag beträgt: Trump schwingt mit einundsiebzig – zum Teil drastischen – Schwindeleien pro Stunde nach oben aus. So verwundert es nicht, dass ihm bereits der Titel „Baron Trumphausen“ verliehen worden ist – wodurch der literarischen Figur des fabulierenden „Lügenbarons“ Münchhausen zwar zweifellos einiges Unrecht geschieht.

Apropos fabulieren: Bereits seit letztem Jahr kursieren in der Netzwelt Diagnosen des Gemütszustands der Vereinigten Staaten, die – inspiriert von der jungianischen Psychoanalyse – in Donald Trump einen „Trickster“ erkennen zu können glauben: eine zwielichtige, Zwietracht säende, mogelnde und betrügende, die Ordnung auf den Kopf stellende mythische Gestalt halb übermenschlicher, halb tierischer Natur – eine Schattenfigur, in der sich unheimliche Regungen der kollektiven Psyche spiegeln. Das mag zu viel der Ehre sein, aber als verwirrende Heimsuchung und Provokation des guten politischen Geschmacks haben amerikanische Kommentatoren den spektakulären Aufstieg des Polterers des Öfteren beschrieben. Und obgleich Trump, anders als einige Trickstergestalten aus der Literaturgeschichte, ganz und gar nicht „von unten“ kommt, findet sein antipolitischer Gestus Resonanz bei solchen, die gegen „die da oben“ (in Washington) wettern. Andere stirnrunzelnde Beobachter behelfen sich mit Individualpsychologie und tippen auf „Pseudologia phantastica“, einen unwiderstehlichen Drang zu lügen. Solch krankhaftes Lügen wird zumeist mit unstillbarer Geltungssucht, aber auch mit entfesselten Allmachtsphantasien in Verbindung gebracht: Wer sozusagen systematisch lügt, versucht die Wirklichkeit, als wäre er Herr über sie, nach seinen Vorstellungen zu modeln.

„Bullshit“

Wer lügt, muss freilich eine wache Beziehung zur Wahrheit unterhalten, nicht nur, um seine Lüge kaschieren, sondern um überhaupt lügen, um überhaupt absichtsvoll die Unwahrheit sagen zu können. Wo die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit sich aber verwischt, tritt ein Phänomen auf, das der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt vor Jahren in einem Essay beleuchtet und – volksmündlich – als „Bullshit“ etikettiert hat. Die Pointe der scharfsichtigen Analyse: „Bullshit“ ist der Wahrheit gefährlicher als die Lüge. Wer ihn von sich gibt, wer unablässig Humbug oder Mumpitz produziert, wer plappert, faselt, schwafelt, ohne sich darum zu kümmern, welchen Realitätsgehalt sein Gequassel hat, schafft eine Atmosphäre der Desorientierung, unterminiert den Boden der Tatsachen.

Frankfurt hat seinerzeit die Ungereimtheiten, in die sich die amerikanische Regierung bei der wortreichen Begründung des Irakkrieges verstrickte, als einen mutmasslichen Fall von staatsoffiziellem „Bullshit“ identifizieren wollen. Es waren jedoch, wie man inzwischen besser weiß, auch und eher klassische Lügen am Werk, die manche mit dem ebenso klassischen Verweis auf die Staatsräson (alias „national interest“) zu rechtfertigen versucht haben. Solange bewusst gelogen wird, ist die Wahrheit indes noch nicht verloren. Im Lügner selbst – so ließe sich in Anlehnung an eine schöne Formulierung der Philosophin Hannah Arendt sagen – hat sie ihre „Zuflucht“ gefunden. Im „Bullshitter“, dem sie gleichgültig ist, findet sie keine.

Begünstigt wird die Erzeugung von „Bullshit“, wie Frankfurt andeutet, durch Umstände, die jemanden dazu bringen, über etwas zu reden, von dem er nichts versteht. Den dergestalt Überforderten interessiert dann vielleicht bald nur, mit seinen Behauptungen – mit seiner Selbstbehauptung – durchzukommen. Im Falle des antipolitischen Hobbypolitikers, der Amerika wieder „groß“ machen will, geht es nicht allein ums Durchkommen, es geht ebenso sehr ums Ankommen. Kommt Trump bei einem Publikum an, dem Wahrheiten und Tatsachen ebenso schnuppe sind wie anscheinend ihm? Spielt in dieser Erregungsgemeinschaft nur die gemeinsame Wellenlänge eine Rolle – und nicht mehr der Inhalt des Gesagten? Ist Trump mithin kein gewiefter Lügenbold, sondern – so ist er in einem Blog tatsächlich bereits tituliert worden – ein „bullshit artist“, der nicht mehr recht weiß, was er sagt, in dessen Reden Täuschung und Selbsttäuschung ineinandergehen?

Der Kurs von Trumps Aktien scheint derzeit allerdings zu fallen. Hielte dieser Trend an, wäre die Heimsuchung der kollektiven Psyche der Vereinigten Staaten aber womöglich dennoch nicht vorüber. Der parteiinterne Rivale Ted Cruz ist Donald Trump in jenem Ranking der Lügenhaftigkeit dicht auf den Fersen.