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Umschwung in den US-Vorwahlen

Die Mehrheit wettet gegen Trump

von Andreas Rüesch / 07.04.2016

Der diesjährige Präsidentschaftswahlkampf in den USA gibt lauter Rätsel auf. Stärkere Aussagekraft als Umfragen haben oftmals die Entwicklungen an den Wettbörsen. Dort ist der Republikaner Trump abgestürzt.

Ist bei den amerikanischen Republikanern nun die langerwartete und immer wieder ausgebliebene Wende eingetreten? Die absonderlichen Äußerungen Donald Trumps zur Abtreibungsfrage, aber auch seine deutliche Niederlage in der Vorwahl von Wisconsin haben die Spekulationen über ein Ende seines Höhenflugs angeheizt. Klar ist die Lage aus Sicht der weltweit führenden Wettbörse Betfair. Dort ist Trump richtiggehend abgestürzt. Demnach bewerten die Marktteilnehmer die Chancen des politischen Selbstdarstellers, die Präsidentschaftsnomination der Republikanischen Partei zu erringen, erstmals seit langem mit unter 50 Prozent. Trumps Wert fiel diese Woche vorübergehend auf 45 Prozent, bevor er sich am Donnerstag wieder auf 49 Prozent erholte. Das ist ein dramatischer Abstieg, nachdem Anfang März noch mehr als 80 Prozent der Wetten auf einen Sieg Trumps gelautet hatten.

Oft zuverlässiger als Umfragen

Wettmärkte (betting markets) können natürlich wie normale Börsen und Futures-Handelsplätze keine zuverlässigen Aussagen über die Zukunft machen. Ihre Kurse sind nur Momentaufnahmen. Aber sie spiegeln die Summe der Erwartungen ihrer Teilnehmer, die mit ihrem eigenen Geld auf ein bestimmtes Resultat setzen. Als Prognose-Instrument eignen sie sich damit oft besser als einzelne Meinungsumfragen.

Beispielsweise führt Trump laut dem RCP-Index der jüngsten Umfragen landesweit mit einem Anteil von 40 Prozent noch immer deutlich vor seinen Rivalen. Dieser Umfragewert ist sogar höher als Anfang März, was die jüngsten Turbulenzen um Trump nicht zum Ausdruck bringt. Doch wichtiger als nationale Umfragen ist die Einschätzung der Lage in den wichtigsten Gliedstaaten, die noch keine Vorwahlen abgehalten haben. Solche Informationen fließen ständig in die Wettmärkte ein.

Beim Präsidentschaftswahlkampf 2012 zwischen Barack Obama und Mitt Romney sagte die damals führende Plattform Intrade das Resultat in 49 der 50 Gliedstaaten korrekt voraus. Intrade hat seither aufgrund einer Klage der zuständigen amerikanischen Aufsichtsbehörde den Betrieb eingestellt, und am meisten Volumen generiert nun die in London ansässige Plattform Betfair. Aber es gibt auch kleinere Marktplätze für politische Wetten wie Predictit oder der Iowa Electronic Market. Dort haben Trumps „Aktien“ in den letzten Tagen ebenfalls dramatisch an Wert eingebüßt.

Cruz’ Chance bei 28 Prozent

Starken Auftrieb hat dagegen der texanische Senator Ted Cruz. Wer bei Betfair auf ihn als republikanischen Kandidaten wetten will, kann dies derzeit mit einer Gewinnaussicht von 3,60 Pfund je eingesetztem Pfund tun. Das bedeutet, dass die Marktteilnehmer die Wahrscheinlichkeit einer Nomination von Cruz auf 28 Prozent (Kehrwert von 3,60) einschätzen. Der Drittrangierte im Rennen der Republikaner, John Kasich, kommt derweil auf 9 Prozent.

Zusammen mit den knapp 50 Prozent für Trump ergibt dies aber noch lange nicht 100 Prozent. Mit anderen Worten gibt es Leute, die auf keinen der drei Politiker, sondern auf einen überraschenden anderen Ausgang des parteiinternen Kampfes wetten. Die Chancen des republikanischen Speakers des Repräsentantenhauses und früheren Vizepräsidentschaftskandidaten, Paul Ryan, werden bei Betfair auf immerhin 4 Prozent eingeschätzt. Es gibt aber auch Wetten auf Mitt Romney oder Marco Rubio, der seine Bewerbung nur suspendiert hat und weiterhin über seine Delegierten verfügt.

„Brokered Convention“ erwartet

Solche Szenarien sind jedoch nur bei einer sogenannten Brokered Convention denkbar, einem Nominationsparteitag, bei dem im ersten Wahlgang weder Trump noch Cruz das absolute Mehr der Delegiertenstimmen erreichen würden. Dann würde nämlich ein großer Teil der Delegierten von ihrer Stimmverpflichtung entbunden, und es ginge die Suche nach einem mehrheitsfähigen Kandidaten los. Bei Betfair wird dieses Szenario derzeit mit 61 Prozent bewertet. Nach der kollektiven Einschätzung der Wettenden ist damit wahrscheinlich, was es bei den Republikanern seit 1948 nie mehr gegeben hat: ein Parteikonvent mit mehreren Wahlgängen zum Bestimmen des Präsidentschaftskandidaten.

Allerdings stellt sich die Frage, ob der Markt in diesem Punkt zu einer vernünftigen Einschätzung gelangt ist. Wenn Trump noch immer eine Chance von knapp 50 Prozent auf den Sieg hat, so müsste die Wahrscheinlichkeit einer „Brokered Convention“ auch in dieser Größenordnung liegen und nicht bei 61 Prozent. Denn wie der politische Experte Nate Silver argumentiert, hat Trump fast nur dann eine Chance auf den Sieg, wenn er im Juli am Parteikonvent in Cleveland gleich im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht. Misslingt ihm dies und kommt es zu einer „Brokered Convention“, würde er vermutlich scheitern. Denn Trump muss damit rechnen, dass ihm nach einem misslungenen ersten Durchgang mehr Delegierte davonlaufen, als er dazugewinnen kann.

Cleveland wappnet sich für Unruhen

Mit Wahrscheinlichkeiten jonglieren derweil nicht nur wettbegeisterte politische Beobachter, sondern auch manche Behörden. Die stark gestiegene Chance einer „Brokered Convention“ und die nur leicht verhüllte Drohung Trumps, dass es dann zu Ausschreitungen kommen werde, hat auch die Stadtverwaltung von Cleveland aufgeschreckt. Sie hat soeben die Anschaffung von 2.000 Schutzanzügen (riot-control suits) für polizeiliche Sondereinsatzkräfte ausgeschrieben. Cleveland will offensichtlich keine Wette verlieren, sondern auf Nummer sicher gehen.