Marc Nozell/flickr

Donald Trump und die Folgen

Die Sehnsucht nach der Insel Amerika

von Andreas Rüesch / 05.06.2016

Der Sieg Donald Trumps im Richtungsstreit der Republikaner ist Symptom eines grundlegenden Umbruchs in den USA. Der von Trump verkörperte Isolationismus wird nicht ohne Folgen für die Weltpolitik bleiben.

Was ist los mit Amerika? Verwundert reibt man sich die Augen angesichts der bevorstehenden Nominierung Donald Trumps zum Präsidentschaftskandidaten. Nicht nur schicken die Republikaner erstmals seit mehr als 75 Jahren einen Mann ins Rennen, der über keinerlei Erfahrungen im Staatsdienst verfügt. Sie sind offensichtlich auch bereit, einen radikalen Bruch mit jahrzehntealten Prinzipien amerikanischer Außenpolitik zu vollziehen. Muss sich die Welt ernsthafte Sorgen um den künftigen Kurs der wichtigsten Großmacht machen? Es ist wohl kaum ein beruhigendes Zeichen, dass sich bisher nur Staaten wie Nordkorea und Russland wohlwollend über eine mögliche Präsidentschaft des cleveren Selbstvermarkters geäußert haben. Wie das Phänomen Trump zu deuten ist, wird zwar noch lange Gegenstand von Kontroversen bleiben. Aber es wäre unklug, sich in falscher Sicherheit zu wiegen und darauf zu setzen, dass die Demokratin Hillary Clinton dem Spuk ein rasches Ende setzen wird. Selbst bei einer Niederlage Trumps werden die Republikaner – und damit auch die USA – nicht einfach zu ihrem früheren Zustand zurückkehren.

Eine Welt in Schwarz und Weiß

Was Trump im Weißen Haus mit seiner Macht anstellen würde, lässt sich erst in Umrissen erahnen. Grundlage seines Erfolgs ist nicht ein konkretes Programm, sondern eher eine bestimmte Attitüde. Dazu gehört, lustvoll gegen die Regeln der politischen Korrektheit zu verstoßen und bei kritischen Reaktionen nicht den Kopf einzuziehen, sondern mit noch härteren Gegenangriffen zu kontern. Trump genießt die Pose des ewigen Kämpfers, der sich in einer gnadenlosen Welt zu behaupten hat und diese stets glasklar in Freunde und Feinde einzuteilen weiß. Sein Erfolg hat ihn nur darin bestärkt, rücksichtslos ein Tabu nach dem anderen zu brechen. Eine Wahl ins Weiße Haus wäre erst recht der Beweis, dass sein Gespür goldrichtig war. Es ist daher unwahrscheinlich, dass er als Präsident plötzlich einen viel gemäßigteren Stil pflegen würde.

Für die Außenpolitik einer Administration Trump lässt dies nichts Gutes erwarten. Gegenüber geopolitischen Rivalen kommt man mit den Methoden eines Schulplatz-Rüpels nicht weit, dafür allenfalls mit Umsicht und strategischer Geduld. Selbst eine Großmacht wie Amerika ist zum Erreichen ihrer Ziele auf Bündnisse angewiesen, und deren Pflege erfordert nebst Fingerspitzengefühl auch einiges an Frustrationstoleranz. Dies sind alles Qualitäten, bei deren Verteilung Trump offenbar leer ausgegangen ist. Natürlich kamen die wenigsten amerikanischen Präsidenten als geborene Außenpolitiker ins Amt, aber die erfolgreichen unter ihnen waren sich ihrer Defizite zumindest bewusst und haben sie mit guten Beratern kompensiert. Darauf wartet man bei einem Egomanen wie Trump wohl vergeblich. Nach seinen wichtigsten außenpolitischen Beratern gefragt, erklärte er kürzlich, er konsultiere vor allem sich selber, „weil ich ein sehr gutes Gehirn besitze und viel gesagt habe“.

Klare Stoßrichtung

Gesagt hat der politische Novize in der Tat schon viel, und die Versuchung liegt nahe, das meiste davon als dummes Geschwätz abzutun. Doch das wäre falsch. Denn trotz zahllosen inneren Widersprüchen lassen Trumps Aussagen eine klare Stoßrichtung erkennen. Sie verraten eine Bereitschaft, die USA gegen wirtschaftliche Konkurrenz und Zuwanderer abzuschotten, Allianzen aufs Spiel zu setzen, die Rolle des Weltpolizisten zu meiden und das Militär nur noch einzusetzen, wenn Amerika direkt bedroht ist, dann aber mit schonungsloser Härte. Viele seiner Ideen sind brandgefährlich, etwa wenn er ein Einreiseverbot für Muslime fordert und damit nicht nur die amerikanischen Muslime stigmatisiert, sondern auch in der islamischen Welt Verbündete im Kampf gegen den Terrorismus brüskiert. Die Forderung nach hohen Strafzöllen gegen chinesische Importe liefe auf einen zerstörerischen Handelskrieg hinaus, der Amerika in eine Rezession werfen könnte. Und die Drohung, den Nato-Partnern in Europa den Rücken zu kehren, falls diese keinen größeren Beitrag zur Verteidigung leisten, nützt nur einer Seite – Russland. Dazu passt, dass Trump aus seiner Bewunderung für den Kremlchef Putin kein Hehl macht.