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Prahlen mit sexuellen Übergriffen

Entlarvendes Video über Trump

von Beat Ammann / 08.10.2016

Ein Schlaglicht per Video auf Trumps Charakter fällt so vernichtend aus, dass seine Partei in Zugzwang kam. Der ranghöchste Republikaner gab seinem Präsidentschaftskandidaten sogleich einen Korb.

Mit den amerikanischen Republikanern ist es wie mit Aleppo: Wenn man denkt, schlimmer könne es nicht kommen, fällt die nächste Bombe. Der republikanische Präsidentschaftskandidat, ein gewisser Donald Trump, steht seit Freitag ohne Kleider im Scheinwerferlicht, zumindest vor Amerikas Frauen. Der Anblick ist unschön. Die Frage ist: Wie reagiert die von Männern dominierte Partei?

Zwischen die Beine

Die Vulgarität von Trump kann in diesem Wahlkampf niemandem verborgen geblieben sein. Doch nun muss wegen eines Videos jede und jeder zuschauen und hinhören, wie Trump über Frauen und über seinen Sexualtrieb spricht. Was er als sein Verhalten gegenüber weiblicher Schönheit beschreibt – er könne nicht anders –, kommt sexueller Aggression gleich. Er küsse einfach drauflos oder packe Objekte seiner Begierde zwischen den Beinen, ob ledig oder verheiratet.

Trump sagt überdies, als Star könne man sich alles erlauben, und die Frauen liessen es zu. Das Video ist zwar elf Jahre alt, doch hat Trump in den letzten sechzehn Monaten immer wieder bewiesen, dass er Frauen gegenüber primitiv ist und bleibt. Es war Trump zu verdanken, dass die politische Klasse nach der ersten Debatte zwischen Trump und Hillary Clinton ausführlich über die Gewichtszunahme einer Miss Universe in den neunziger Jahren diskutierte. Trump veröffentlichte am Freitag eine halbbatzige Entschuldigung für sein im Video dokumentiertes Gerede.

Wer weiterhin behauptet, der Mann habe den notwendigen Charakter, um diese zu führen, ist unzurechnungsfähig.

Zuviel sogar für den Speaker

Trump war damals 59 Jahre alt und frisch verheiratet. Es fällt also schwer zu behaupten, der Mann sei damals eben ein bisschen jung gewesen, inzwischen aber voll gereift. Das Niveau des im Video aufgezeichneten Gesprächs entspricht etwa jenem, das man besoffenen Jung-Studenten oder Fussballern der vierten Liga, die den eben erkämpften Aufstieg in die dritte feiern, knapp durchgehen liesse.

Doch hier geht es um jemanden, der den wichtigsten Posten der freien Welt anstrebt. Wer weiterhin behauptet, der Mann habe den notwendigen Charakter, um diese zu führen, ist unzurechnungsfähig. Paul Ryan, der Speaker des Repräsentantenhauses und damit der höchstrangige Republikaner im Land, hätte am Samstag erstmals neben Trump an einer Wahlkampfveranstaltung auftreten sollen.

Ryan gab Trump am Freitagabend jedoch einen Korb. Der Speaker hatte lange Vorbehalte gegen Trump gehegt, ihn dann aber doch unterstützt, aus Loyalität zur Partei. Mitt Romney, erfolgloser Präsidentschaftskandidat der Republikaner vor vier Jahren, war im Gegensatz zu Ryan früh vehement gegen Trump aufgetreten. Am Freitag liess er wissen, Trump verderbe das Bild Amerikas in der Welt. Andere Republikaner forderten Trump unverhüllt dazu auf, seine Kandidatur aufzugeben.

Getrübte Freude für Clinton

Nach der Debatte der Kandidaten für die Vizepräsidentschaft vor ein paar Tagen war die Einschätzung zu hören, viele Republikaner wünschten gewiss, Mike Pence stünde an der Spitze der Kandidatur, nicht Trump. Dieser Wunsch dürfte sich am Freitag rasch verbreitet haben. Pence selbst hat auf die jüngste Bombe über seinen Chef noch nicht reagiert. In der Debatte hatte Pence, der sich als demütigen Christen bezeichnet, die Entgleisungen, Lügen und Dummheiten aus Trumps Mund immer wieder geleugnet oder unelegant übergangen.

Die Gegnerin von Trump, Clinton, hätte am Freitag dank dem Video einen gemütlichen Feierabend haben sollen. Doch von Wikileaks soeben publizierte Dokumente werfen ein anders geartetes schlechtes Licht auf sie. Demnach hätte sie sich in ihren hoch bezahlten Reden hinter verschlossenen Türen drastisch über Teile der Wählerschaft geäussert und zudem bekannt, sie sage in der Öffentlichkeit das eine, in Hinterzimmern jedoch etwas anderes.

Die Authentizität der Dokumente ist nicht gesichert. Sie stammen laut dem amerikanischen Geheimdienst aus russischen Quellen. Sie könnten ganz oder selektiv gefälscht sein. Sicher ist hingegen, dass es für die zweite TV-Debatte zwischen Trump und Clinton am Sonntagabend hinreichend Gesprächsstoff gibt.