Fernsehdebatte in den USA: Wann ist ein Sieg ein Sieg?

von Andreas Rüesch / 27.09.2016

Das Fernsehduell Clinton-Trump ist vorbei, nun schlägt die Stunde der Interpreten. Wir präsentieren fünf Kriterien, nach denen sich ermessen lässt, für wen sich die Debatte als Erfolg herausstellen wird.

1. Auf den Dreh kommt es an

Während voller 90 Minuten haben Donald Trump und Hillary Clinton die Klingen gekreuzt, aber damit ist nur der erste Teil der Debatten-Schlacht geschlagen: Kaum traten die beiden von der Bühne ab, begann der Kampf in den Medien um die „richtige“ Interpretation ihres Auftritts. Welchen „spin“, welchen Dreh einflussreiche Meinungsmacher dem Geschehen verleihen, ist in den USA oft beinahe so wichtig wie der erste Eindruck, den die Fernsehzuschauer selber gewonnen haben.

Insofern ist bedeutsam, dass viele amerikanische Kommentatoren Clinton zur Siegerin des Abends erklärt haben. Dass die „New York Times“ dies tat – ihrer Ansicht nach hatte Trump keinerlei Wahrheitsgehalt zu bieten und war seiner Gegnerin klar unterlegen – überrascht kaum; die Zeitung hat offen zur Wahl der Demokratin aufgerufen. Aber auch in der „Washington Post“ erklärte ein Kommentator den Republikaner zum Verlierer: Trump sei schlicht und einfach ungenügend vorbereitet gewesen und habe immer wieder Mühe bei Fragen bekundet, auf die er hätte gefasst sein müssen.

Auf der Website des konservativ ausgerichteten Nachrichtensenders Fox News listete ein Trump-Anhänger 16 Punkte auf, bei denen sich Clinton Blössen gegeben hatte. Ein anderer Kommentator des Senders urteilte aber, dass Clinton am Montagabend klar den Takt vorgegeben habe. Trump habe zwar zeitweise auch gepunktet, aber eher aus der Defensive heraus. Der Chef des konservativen „Weekly Standard“, Bill Kristol, tweetete, Trump habe sich nur in den ersten 15 Minuten gut geschlagen, danach sei er unter Clintons Angriffen erstickt.

2. Wer hat die Erwartungen erfüllt, wer nicht?

Die Leistung eines Politikers in einer Fernsehdebatte lässt sich naturgemäss nicht unzweideutig bemessen. Mindestens so wichtig wie der eigentliche Auftritt ist erfahrungsgemäss, wer wie gut die Erwartungen des Publikums erfüllt oder gar übertroffen hat. So dürfte es die wenigsten Zuschauer erstaunt haben, dass die frühere Aussenministerin und Senatorin Clinton in der Debatte eine grössere Detailkenntnis zeigen konnte als ihr Gegner.

Doch mindestens in einem Punkt hat Clinton die Erwartungen übertroffen: Sie liess sich von Trump nur selten in die Defensive treiben und untermauerte ihre Angriffe mit gut vorbereiteten Pointen. Dass Trump ihr das für das Präsidentenamt nötige Stehvermögen absprach, wirkte vor diesem Hintergrund nicht überzeugend. Trump kann immerhin argumentieren, dass auch er manche Erwartungen übertroffen hat: Einen katastrophalen Ausrutscher hat er während des ganzen Abends vermeiden können.

3. Pointen für die nächsten Wochen

Die Debatte mag vorbei sein, aber Ausschnitte daraus werden in den kommenden Tagen und Wochen dem Fernsehpublikum immer und immer wieder vorgesetzt werden. Auch dies wird den Eindruck prägen, den die Amerikaner von ihren Kandidaten langfristig erhalten. Schlagfertigkeit haben sowohl Clinton als auch Trump bewiesen:

  • Clinton rieb ihrem Gegner genüsslich unter die Nase, dass sie viele Leute getroffen habe, die von Trump um ihren Lohn betrogen worden seien. Trump beanspruche das Präsidentenamt mit dem Hinweis auf seinen geschäftlichen Erfolg. Doch dieser beruhe auf dem Rücken der kleinen Leute.
  • Eine erfolgreiche Attacke lancierte Clinton auch mit dem Hinweis auf Trumps jahrelange Versuche, Präsident Obamas Geburt in den USA anzuzweifeln. Zweimal sprach sie von einer rassistischen Lüge; Trumps Verteidigung wirkte schwach.
  • Clinton gelang es, Trumps Hang zu frauenfeindlichen Aussagen zu thematisieren. Der Republikaner habe die Teilnehmerin eines Schönheitswettbewerbs als „Miss Piggy“ verunglimpft. Als Trump dies anzweifelte, nannte Clinton nicht nur den Namen der Frau, sondern merkte auch an, dass diese extra die Staatsbürgerschaft erlangt habe, um gegen Trump stimmen zu können.
  • Trump unterbrach Clinton oft; dabei gelangen ihm auch einige sarkastische Kommentare. Als die Demokratin ihre Position in der Handelspolitik verteidigen wollte, bemerkte er zweimal, dass Clintons Ehemann Bill den Freihandelsvertrag mit Mexiko unterzeichnet habe, mit katastrophalen Folgen für den amerikanischen Arbeitsmarkt. Damit dürfte Trump in der wirtschaftlich bedrängten weissen Arbeiterschicht punkten.
  • Als die Rede auf die E-Mail-Affäre kam und Clinton die Verwendung eines privaten Servers als Fehler bezeichnete, warf Trump ein, das sei nicht einfach ein Fehler gewesen, sondern mit Absicht geschehen.

4. Material für künftige Werbespots

Die Kampagnen-Stäbe der beiden Kandidaten werden nun über den Filmaufnahmen vom Montag brüten und versuchen, Ausschnitte für künftige Werbespots zu verwenden. Zwei Szenen, die der Clinton-Kampagne in die Hände spielen, dürfte Trump besonders bereuen:

  • Als Clinton ihm vorwarf, er habe vor der Immobilienkrise von 2007 auf einen Kollaps des Sektors gehofft, um Gewinne daraus zu erzielen, entgegnete Trump: „Das ist übrigens, was man Geschäft nennt.“
  • Clinton unterstellte Trump, dass dieser wohl kaum je Einkommensteuern bezahlt habe; dies zumindest gehe aus den einzigen beiden von ihm veröffentlichten Steuererklärungen hervor. Statt eines überzeugenden Dementis entgegnete Trump nur, dass ihn dieses Verhalten „smart“ aussehen lasse.

5. Warten auf die Meinungsumfragen

Wer die Debatte gewonnen hat, lässt sich natürlich auch mit Meinungsumfragen messen. In einer Umfrage des Senders CNN erklärten 62 Prozent der Befragten Hillary Clinton zur Siegerin des Abends. Das Meinungsforschungsinstitute PPP ermittelte einen weniger klaren, aber immer noch deutlichen Sieg Clintons im Verhältnis von 51 zu 40 Prozent. Der republikanische Meinungsforscher Frank Luntz gab bekannt, dass in einer Fokusgruppe 16 Personen Clinton und nur 6 Trump als Gewinner der Debatte eingestuft hätten.

Der Wert solcher Sofort-Befragungen ist jedoch äusserst beschränkt. Eine Repräsentativität ist meist nicht gegeben, und das Meinungsbild dürfte weiter im Fluss sein. Erst repräsentative, landesweite Umfragen in den nächsten Tagen werden zeigen, ob die Debatte einen nennenswerten Einfluss auf das Rennen um das Weisse Haus gehabt hat. Aber auch dies wird in keiner Weise eine Vorentscheidung darstellen. Vor vier Jahren beispielsweise zeigte der Republikaner Mitt Romney eine glänzende Leistung in der ersten Fernsehdebatte. Sie wurde mit einem Sprung in den Umfragen um durchschnittlich 4,4 Prozentpunkte belohnt, und Romney ging damit in Führung. Doch dieser Eindruck verblasste Eindruck rasch wieder: Am Wahltag unterlag er dem Amtsinhaber Obama klar.