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Hillary Clinton ist die falsche Kandidatin gegen Trump

Meinung / von Alain Zucker / 18.09.2016

Während Donald Trump mit Lügen davonkommt, kleben schlechte Nachrichten an Hillary Clinton. Sie trifft den Nerv der Zeit nicht mehr.

Es war ein erhellender Moment, als Hillary Clinton kurz aufblitzen liess, wie sich ihr Selbstbild von ihrem öffentlichen Image unterscheidet. Nach einem Schlagabtausch mit Bernie Sanders während der Vorwahlen Anfang Jahr sagte die wohl bekannteste Politikerin der Welt allen Ernstes: „Was mich wirklich amüsiert, ist, dass ich, eine Frau, die die erste US-Präsidentin werden will, zum Establishment gehören soll.“ Ein Satz, der ausserhalb von Hillaryland für ungläubiges Kopfschütteln sorgte, aber dennoch ihr Selbstverständnis transportiert: Sie ist auf einer historischen Mission – und sieht sich dabei erst noch als Aussenseiterin.

Teil der alten Machtelite

Diese Mission scheint ernsthaft gefährdet nach einer für sie schwierigen Woche. Seit ihrem Schwächeanfall in der Öffentlichkeit diskutieren nicht mehr nur Verschwörungstheoretiker, sondern die halbe Welt ihre Gesundheit. Und in den Umfragen hat sie ihren Vorsprung auf Donald Trump mehr oder weniger eingebüsst. Die schlechten Nachrichten scheinen an ihr zu kleben, während ihrem Widersacher bisher weder Finanzskandale noch Lügen schaden. Es mag damit zu tun haben, dass viele Amerikaner gemäss Umfragen Clinton persönlich nicht „mögen“ (aber wer mag schon Donald Trump?) und dass sie nicht gerade transparent informiert (aber immerhin informiert sie). Doch hinter allem steckt ein ganz anderes, viel grösseres Problem: Sie hat das Pech, zur falschen Zeit zu kandidieren.

Clinton sieht sich wie so viele andere aus der 68er Generation trotz jahrzehntelangem Gang durch die Institutionen immer noch als jung gebliebene Kämpferin. Nur: 2016 gehört sie zu jener Machtelite, die in den USA als Establishment am Pranger steht. Thema Nummer eins ist die Globalisierungs- und Immigrationskritik. Und die Wut all jener, deren Jobs ins Ausland ausgelagert wurden, die Angst davor haben oder deren Löhne stagnieren, richtet sich gegen die Politiker und Firmenchefs, die in den vergangenen Jahren den Freihandel vorangetrieben und die Immigration verteidigt haben. Da steht Hillary Clinton wegen ihrer Jahre als First Lady und Politikerin in Washington, der Spenden der Wirtschaft an die milliardenschwere Clinton-Stiftung sowie ihrer glamourösen kosmopolitischen Freunde auf der falschen Seite.

Rechts das neue Links

Hingegen hat ihr Rivale Donald Trump die derzeit so populäre Globalisierungs- und Immigrationskritik zu seiner Paradedisziplin gemacht. Es ist eine verkehrte Welt: Der republikanische Präsidentschaftskandidat, traditionell Garant für Freihandel und Deregulierung, greift die Finanzindustrie an und verspricht dem unteren Mittelstand höhere Löhne, während die Demokratin, üblicherweise eine Verfechterin des Mindestlohns, offenen Grenzen das Wort redet und von der Wall Street unterstützt wird.

In der Wahl 2016 ist also Rechts das neue Links. Und so gesehen ist Hillary Clinton für die Demokraten alles andere als die ideale Kandidatin. Doch sie hat schon früh dafür gesorgt, dass kein anderer valabler Konkurrent ihr die Nomination strittig machen wollte. Anfang 2013, nach ihrem Rücktritt als Aussenministerin, traf sie sich mit wichtigen Parteigrössen und Geldgebern, sie begann bei Barack Obamas legendärem Wahlkampfteam zu sondieren, ein erstes Komitee formierte sich. Und selbst Obama war offenbar früh mit im Boot. Damals war Clinton die beliebteste Politikerin der Demokraten, in den Umfragen lag sie noch vor dem Präsidenten. Gegen diese geballte Macht mochten ernsthafte Kandidaten wie etwa die Senatorin Elizabeth Warren nicht antreten.

Keine Vision

Erst mit den Überraschungserfolgen von Bernie Sanders in den Vorwahlen merkten die Parteistrategen, dass sich die Welt möglicherweise verändert hatte. Doch da war es zu spät, Sanders selber politisierte zu weit links, um eine Chance zu haben. Die Demokraten sassen in der Falle, nicht ganz unverschuldet, waren sie ganz einer Kandidatin ausgeliefert, die zwar sehr kompetent und erfahren ist, aber nicht den Nerv der Zeit trifft. Clinton hat deshalb auch Mühe, kurzfristige Positionswechsel zu erklären wie etwa ihr Lavieren beim Freihandel, den sie eigentlich klar befürwortete.

Und sie tut sich zusehends schwer mit einer klaren Botschaft. Ihr Slogan wechselt situativ, derzeit stellt die Kampagne mit „Hillary for America“ ihre Kompetenz, ihre Erfahrung und ihr Engagement in den Vordergrund. Was für ein Unterschied zu Obamas universellem „Yes, we can“! Für die heutige Zeit, die in den USA im Zeichen von Rückzug und Nationalismus steht, fehlt ihr im Gegensatz zu Trump („Make America Great Again“) die Vision, die bei Wählern auf fruchtbaren Boden fällt.

Steht Clinton also auf der „falschen Seite der Geschichte“, wie pathosverliebte Kommentatoren schreiben? Trumps Narzissmus, sein Flirt mit Rassisten und die Tiraden gegen ganze Gesellschaftsgruppen dürften ihr helfen. Sie hat voraussichtlich mehr Geld als Trump, die besseren Wahlkampfteams in den Gliedstaaten und wird dafür sorgen, dass ihre Wähler wirklich an die Urne gehen. Ausserdem wird beim einen oder andern Zweifler ihre politische Erfahrung doch den Ausschlag geben. Also nein, verloren ist nichts. Doch auch wenn Clinton Trump schlägt und zur ersten US-Präsidentin gewählt wird, werden viele Wähler dies nicht als historischen Sieg bejubeln, sondern aufatmen: Gerade noch einmal davongekommen!