Hillary Clinton und die Frauenfrage: Gute Zeiten, schlechte Zeiten

von Claudia Schwartz / 12.07.2016

Hat Hillary Clinton als Präsidentschaftsanwärterin die Sache der Frauen vergessen? Oder weiss sie einfach, wann die Zeit gekommen sein wird, um verstaubte Bilder gerade zu rücken?

Es gibt viele berühmte Sätze aus der Ära des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton. Einer der legendären aus dem Wahlkampf des damaligen Gouverneurs von Arkansas lautet: „I’m not sitting here – some little woman standing by my man like Tammy Wynette.“ Als Hillary Rodham Clinton damals in einer Fernsehshow angesichts des öffentlich bereits der ehelichen Untreue bezichtigten Präsidentschaftskandidaten diese Worte sprach, trug sie ein strenges Haarband. Die Frauenwelt ahnte, dass das alles kein Zuckerschlecken werden würde.

Jedenfalls haben ihr nicht wenige jene abschätzige Bemerkung über ein konservatives Frauenbild übel genommen. Dieselben Kritiker zeigten sich notabene ein paar Jahre später wesentlich weniger bereit, anzuerkennen, dass sich die Präsidentengattin dann gegenüber ihrem neuerlich ehebrecherischen Mann just anders herum verhielt, nämlich so, wie Wynettes Song es im Titel einfordert: „Stand by Your Man“.

Von der Schöpferin des Countrysongs ist übrigens der Ausspruch überliefert, dass es nur 15 Minuten gedauert habe, den Schlager zu schreiben, aber ein Leben lang, um ihn zu verteidigen. Das Lied taugt also in mancherlei Hinsicht zum unterhaltsamen Lehrstück über die wahren Tragödien hinter falschen weiblichen Lebensentwürfen.

Die TV-Szene aus dem Jahr 1992 erscheint bis heute als Schlüsselmoment in der langen Geschichte, in der Hillary Clinton fortan äusserst unfair angegangen wurde, egal, ob man die erfolgreiche Anwältin prügelte, die betrogene Ehefrau oder die Präsidentschaftsanwärterin mit privatem E-Mail-Account. Die masslose Kritik rührt auch daher, dass die Clintons eine amerikanische Elite repräsentieren, die sich mit ihrem Land nicht in jederlei Hinsicht identifiziert. Wenngleich so mancher Ärger über Clinton, die unliebsame Fragen gerne zynisch lachend abschmettert, statt mit Argumenten zu überzeugen, berechtigt ist.

Das nationale Sicherheitsteam der US-Regierung verfolgt am 1. Mai 2011 den Einsatz, der zur Tötung Bin Ladens führt (Clinton war damals US-Aussenministerin). (Bild: Arte / © Official White House/Pete Souza )

Zum verfrühten melancholischen Abgesang darf man indes die Behauptung zählen, Hillary habe sich bei ihrem persönlichen Aufstieg aus opportunistischen Gründen von der Frauenfrage abgekehrt. Ihre derzeitige Zurückhaltung diesbezüglich ist wohl eher auf jenen politischen Instinkt zurückzuführen, mit dem sie auch vermied, die zukünftige eigene Karriere durch eine Scheidung aufs Spiel zu setzen. Als die First Lady die öffentliche Demütigung lieber in Würde vorübergehen liess, hatte sie in einsamen Stunden die Sache der Frauen vermutlich mehr im Blick, als es den Anschein machte.

Nicht immer Weihnachten: Hillary und Bill Clinton im Weissen Haus. (Bild: Arte / © Clinton Library)

„Sometimes it’s hard to be a woman . . ./ You’ll have bad times / And he’ll have good times“, heisst es bei Tammy Wynette. Wenn auch im Lied diese Weisheit nicht mehr umkehrbar ist, so doch im Leben. Der amerikanische Schriftsteller Douglas Kennedy attestiert Hillary Clinton, dass sie wie keine andere politische Persönlichkeit „das Rollenverständnis der Frauen in Amerika zutiefst verändert“ habe.

Es ist noch nicht allzu lange her, da verdankte Präsident Bill Clinton bei einem Empfang im Weissen Haus die Einführung durch seine Frau, die Yale-Absolventin und ausgewiesene Juristin, indem er Hillary als „attraktivste Ansagerin, die ich je hatte“ bezeichnete. Nur schon der Genius Loci dürfte Hillary Clinton befeuern, ein paar verstaubte Bilder ins Lot zu rücken, würde sie dort einziehen.

Die Stationen hin zum Präsidentschaftswahlkampf von Hillary
Clinton beleuchtet der sehenswerte Dokumentarfilm „Hillary hautnah“ von Karl
Zéro und Daisy D’Errata. Am Dienstag, 12. Juli, um 20 Uhr 15 bei Arte.