Reuters

TV-Duell zwischen Clinton und Trump

Hochseilakt vor 100 Millionen Zuschauern

von Beat Ammann / 27.09.2016

Hillary Clinton und Donald Trump überstanden die erste von drei Fernsehdebatten ohne Pannen. Beide blieben ihrem Stil treu. Trump geriet wohl öfter in die Defensive als Clinton.

Am Montagabend, 42 Tage vor der Wahl, haben Hillary Clinton und Donald Trump erstmals miteinander und gegeneinander vor der TV-Kamera debattiert. Laut Schätzungen erreichten sie ein Publikum von rund 100 Millionen Personen: Das wäre knapp ein Drittel aller Einwohnerinnen und Einwohner und etwa 68 Prozent der im Wahlregister eingetragenen Personen.

„Rassistische Lüge“

Ein grober Fehler oder ein Augenblick der Unaufmerksamkeit hätte wahlentscheidend sein können. Laut Umfragen ist der einst beträchtliche Vorsprung von Clinton seit Anfang August fast ganz weggeschmolzen. Doch weder Clinton noch Trump erlitt eine solche Panne. Clinton begann eher steif, wurde im Verlauf des Abends aber zusehends lockerer; oft wirkte es, als liesse sie ihren Gegner in dessen eigenem Saft schmoren.

Trump liess sich oft dazu verleiten, eher als Verkäufer denn als Präsidentschaftskandidat aufzutreten; er lobte sein eigenes Temperament, es sei jenes eines Siegers, im Gegensatz zu Clinton. Diese habe zwar viel Erfahrung, aber es sei schlechte Erfahrung. Sie schaue weder aus wie eine Präsidentin noch habe sie die für das Amt notwendige Ausdauer.

Ins Rudern kam Trump, als er gefragt wurde, warum er jahrelang die Behauptung aufrechterhielt, Barack Obama sei kein Amerikaner. Clinton beschuldigte Trump, er habe diese „rassistische Lüge“ über Obama für den Aufbau seiner politischen Karriere missbraucht. Er entgegnete, er habe in Palm Beach in Florida einen tollen Klub eröffnet, und niemand sei diskriminiert worden, weder Schwarze noch Muslime noch sonst jemand. Nicht zu diskriminieren ist offenbar ein Verdienst.

An allem schuld

Das Segment über Wirtschaftspolitik und die Schaffung von Arbeitsplätzen ergab gleich zu Beginn einen Einblick die die bekannten Positionen der beiden. Trump beschuldigte China und in geringerem Masse Mexiko, in Amerika Firmen und Arbeitsplätze zu stehlen. Man müsse den Steuersatz für Firmen senken und die internationalen Handelsverträge neu verhandeln, um Jobs in Amerika zu bewahren und hierher zurückzuholen.

Clinton demgegenüber hob die Bedeutung von Investitionen hervor, und sagte, Trumps Steuersenkungen seien eine Neuauflage dessen, was schon früher nicht funktioniert und zur grossen Finanzkrise von 2007 und 2008 beigetragen habe: „Trickle-down“-Wirtschaft, wonach tiefere Steuersätze an der Spitze der Reichtums-Pyramide ihre Segnungen an die Basis weiter reichen, etwa in Form von steigender Nachfrage und der Entstehung neuen Stellen.

Trump verhielt sich von Anfang an kämpferisch. Er unterbrach Clinton immer wieder und wirkte nervös und belehrend, nachdem seine Gegnerin zu Beginn höflich gesagt hatte, dass sie sich auf die Debatte mit ihm freue.

Es war noch keine halbe Stunde vergangen, als Clinton heiter einwarf, Trump werde sie demnächst für alles und jedes verantwortlich machen, was je schief gehe, worauf dieser einwarf: „Warum nicht?“ Das Publikum lachte, aber Trump wirkte nicht zum Scherzen aufgelegt. Kurz danach doppelte Clinton nach, Trump soll nur weiter „verrückte Dinge“ von sich geben.

Recht, Ordnung, Investitionen

Die Diskussion frass sich bald an altbekannten Themen und Thesen fest. Laut Trump ist Clinton die typische Politikerin und Insiderin, mit vielen schönen Worte und keinen Taten. Sie sei mit daran Schuld, dass Amerikas Flughäfen, Brücken und Strassen baufällig seien. Clinton ging zum Gegenangriff über: Falls Trumps geschäftlicher Erfolg der Grund sein sollte, dank dem er befähigt sei, Präsident zu werden, müsse die Öffentlichkeit mehr über Trumps Firmen erfahren können.

Daher solle Trump endlich seine Steuererklärungen publizieren. Sie sagte, es sei klar, dass Trump etwas zu verbergen habe. Trump bot an, er werde die Steuererklärung veröffentlichen, sobald Clinton 30 000 E-Mails publiziere, die sie gelöscht habe.

Ähnlich bekannt verlief jener Teil der Diskussion, der die Konflikte zwischen Weiss und Schwarz betraf. Trump sagte, Clinton vermeide die wichtigsten Wörter in diesem Zusammenhang: Recht und Ordnung. Er beschrieb die schreckliche Lage in Chicago – der Heimatstadt von Präsident Obama –, wo er Liegenschaften besitze, und streifte die jüngsten Demonstrationen in Charlotte (North Carolina), nicht ohne einen Hinweis darauf unterzubringen, dass er dort Investitionen habe. Trump stöhnte demonstrativ, als Clinton davon zu reden begann, dass Schwarze im amerikanischen Justizsystem systematisch benachteiligt würden.

Nimmt man die bisherige Wahlkampagne zum Massstab, war die Debatte mehr vom Gleichen. Daraus wäre zu schliessen, dass ihr Verlauf sich in den Umfragen kaum auswirken wird. Allerdings dürfte sich unter dem Publikum ein grösserer Anteil von Unabhängigen befunden haben, als unter jenen, die zuvor Wahlveranstaltungen besucht oder verfolgt haben.

Trump will kolonisieren

Daher ging es – vor allem für Trump – darum, seine Anhängerschaft auszuweiten. Es ist fraglich, ob ihm dies am Montagabend gelang, da er nichts Neuartiges bot. So etwa wiederholte er die unsinnige Aussage, Obama und Clinton – dessen damalige Aussenministerin – hätten sich im Irak mit amerikanischen Truppen des Erdöls bemächtigen sollen. Dies hätte laut Trump den Aufstieg der Terrormiliz des Islamischen Staates verhindert.

Der Moderator fragte ihn leider nicht, wie wohl ein solcher Akt kolonialen Diebstahls in der Amerika nicht gerade wohlgesinnten Region aufgenommen worden wäre.

Trumps Ehefrau Melania Trump begrüsst vor der Debatte den ehemaligen Präsidenten Bill Clinton (Bild: Patrick Semansky / Keystone)