Alexandra Rojkov

Im Grenzgebiet der Ängste

von Alexandra Rojkov / 06.09.2016

Die Mauer an der Grenze zu Mexiko zählt zu Donald Trumps umstrittensten Vorhaben. Doch am Problem der illegalen Einwanderung würde sie kaum etwas ändern, wie sich bei einem Besuch in Arizona zeigt.

Der Regen verwandelte die Steppe in ein Flussbett. Die trockene Erde konnte das Wasser nicht aufnehmen, es strömte wie ein Fluss vorbei am Haus von John Ladd. Am nächsten Tag, als das Gewitter vorüber und das Wasser versickert war, bekam Ladd einen Anruf. „Da ist ein toter Mexikaner auf Ihrem Grundstück“, sagte der Polizist am Telefon. Vom Helikopter aus hatte die Polizei die Leiche entdeckt. Ladd fürchtete, dass die Polizeiautos seine Tiere erschrecken, seine Zäune überfahren würden. Also fuhr er selbst los, um den toten Körper zu bergen.

Leichen zu transportieren, gehört eigentlich nicht zu Ladds Aufgaben. Der 61-Jährige züchtet Rinder: Er besitzt eine Ranch und knapp 6500 Hektaren Weideland unweit des Örtchens Bisbee, 330 Kilometer südlich der Hauptstadt Phoenix. Ladds Wohnhaus liegt knapp 10 Kilometer von der mexikanischen Grenze entfernt. Seit Jahren muss Ladd immer wieder ausrücken, um tote und verletzte Menschen an die Behörden zu übergeben. „Es ist Teil meines Alltags“, sagt er seufzend.

Ein jahrzehntealter Konflikt

Der Tote auf Ladds Grundstück war ein Migrant, der versucht hatte, illegal in die USA zu gelangen. Denn Ladds Ranch grenzt direkt an Mexiko – und damit an eine der gefährlichsten Demarkationslinien weltweit. Jedes Jahr überqueren Hunderttausende Flüchtlinge aus Südamerika das Gebiet. Nicht am offiziellen Grenzübergang, sondern illegal, über Schleichwege. Diese führen meist über den Baboquivari-Berg oder den Rio-Grande-Fluss, doch diese Routen sind mühsam. Eine leichtere verläuft über das mexikanische und amerikanische Flachland. Und damit über ein Gebiet, das Viehzüchtern wie John Ladd gehört. Einst zogen diese stillen Cowboys an den Rand Amerikas, um hier ein abgeschiedenes Leben zu führen. Doch sie wurden Teil eines Konfliktes, der die Nation seit Jahrzehnten bewegt – und in diesem Jahr sogar die Präsidentschaftswahl entscheiden könnte. Denn Mexikaner stellen die grösste Gruppe illegal Eingewanderter in die USA dar, fast jeder zweite kommt aus dem südlichen Nachbarland.

Der Viehzüchter John Ladd hat bereits die Leichen von 14 illegal Eingereisten gefunden. (Bild: Alexandra Rojkov)

Es ist ein sonniger Samstagmorgen am südlichen Ende Arizonas. Die Luft flimmert in der Sommerhitze, die Wolken ziehen gemächlich über den hellblauen Himmel. Trotz der Wärme trägt Ladd ein langes Hemd, dazu Jeans und schwere Lederstiefel. Den crèmefarbenen Cowboyhut nimmt er selbst im Auto nicht ab. Laut kaut er Tabak mit Minzgeschmack, den er mit Wasser aus seinem Kanister nachspült. Jeder Tag beginnt für Ladd kurz nach Sonnenaufgang mit einer Fahrt über sein Grundstück. In seinem roten Jeep holpert er über die trockene Erde. Ladd donnert vorbei an Rinderherden und Pferden, die neugierig dem Auto nachtraben. Der morgendliche Kontrollgang dauert noch keine fünf Minuten, da muss Ladd bereits abbremsen. Sein Weidezaun aus Stacheldraht ist an einer Stelle vollständig durchtrennt, der Draht ragt in alle Richtungen. Ladds Kühe stapfen gemächlich durch ein Gebiet, das eigentlich abgeriegelt sein sollte. „Den Zaun muss ich reparieren“, schimpft Ladd. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nichts anderes mehr tue.“

Statt sich um seine Tiere zu kümmern, bessere er jeden Morgen erst einmal Zäune aus, sagt Ladd. Am Abend seien die Gatter noch ganz gewesen – am Morgen seien sie durchgeschnitten. Denn Ladds Zäune sind den südamerikanischen Schmugglern im Weg. Im Schutz der Dunkelheit überqueren die „Kojoten“ – so nennen die Flüchtlinge ihre Schmuggler – die amerikanisch-mexikanische Grenze. Einige weisen Flüchtlingen die Richtung ins amerikanische Inland. Andere transportieren Rauschgift, vor allem Marihuana. Das Trassee führt direkt über Ladds Grund. Sein Land ist ein Umschlagplatz für Drogen und Menschen. „Und ich kann nichts dagegen tun“, fügt er hinzu.

Das Wohlstandsgefälle zwischen den USA und Lateinamerika ist extrem. Im Norden eine wirtschaftliche Grossmacht, im Süden ein Subkontinent, der von Gewalt und Armut geplagt ist. Jedes Jahr machen sich deshalb Hunderttausende auf den Weg ins „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Illegal. Sie überqueren die Grenze an ungesicherten Stellen und verlieren sich in der Anonymität der amerikanischen Grossstädte. Rund 11,5 Millionen Menschen halten sich laut Studien illegal in den USA auf. Neben Mexiko kommen die Flüchtlinge vor allem aus El Salvador, Honduras und Guatemala.

Die mexikanische Regierung versucht ihrerseits, die Flüchtlinge schon in Mexiko wieder abzuschieben: Hunderttausende Einwanderer aus Mittelamerika wurden in den vergangenen Jahren zurückgeschickt, noch bevor sie die amerikanische Grenze erreichen konnten. Doch Hunderttausende schaffen es auch weiterhin nach Amerika. Konservative Medien sprechen angesichts dieser Grössenordnung von einer „Immigrationskrise“, gar von einer „Invasion der Illegalen“. Der Umgang mit den Migranten ist zu einem der wichtigsten Themen im Präsidentschaftswahlkampf geworden. Beherrscht wird der Diskurs vom republikanischen Kandidaten Donald Trump. Die illegalen Einwanderer, sagte Trump in einer Rede im Juni 2015 in New York, würden den USA schaden. „Sie bringen uns Drogen. Sie bringen uns Kriminalität. Es sind Vergewaltiger“, rief Trump seinen Anhängern zu. Um das zu stoppen, will Trump im Falle seiner Wahl eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten. „Build that wall“ ist ein zentraler Leitspruch seiner Kampagne geworden.

Vergeblicher Grenzschutz

Wer einen Tag lang mit John Ladd im Grenzgebiet verbringt, ihn bei der Kontrollfahrt über sein Land begleitet, dem fällt auf: Es gibt bereits eine Mauer zwischen Mexiko und den USA. Sie ist mehr als 1000 Kilometer lang und bis zu sieben Meter hoch, bestehend aus dicken, rostbraunen Stelen. „Als sie 2006 hier gebaut wurde, fand ich das eine gute Idee“, sagt Ladd und spuckt seinen Kautabak aus. „Wissen Sie, was das Ding gebracht hat? Gar nichts.“

Die Ranch gehört Ladds Familie seit vier Generationen: Schon sein Urgrossvater, sein Grossvater und sein Vater haben hier gelebt. Ladd wuchs auf dem Grundstück auf. Als Kind traf er jeden Tag illegal Eingewanderte auf dem Grundstück. Die Mauer, so seine Beobachtung, habe die Migranten nicht abgehalten. Täglich fänden die „Kojoten“ neue Wege, um den Zaun zu überqueren, zu umgehen, zu untergraben. Dabei wird das Gebiet mit grossem Aufwand geschützt: Vom Heimatschutz-Ministerium entsandte Beamte patrouillieren auf einer schmalen Strasse, die zwischen dem Grenzzaun und Ladds Grundstück liegt. Schwerbewaffnete Männer fahren in gepanzerten Autos die Grenze ab. Wenn ihm ein solches Auto entgegenkommt, grüsst Ladd mit einem Nicken. „In Wahrheit sind sie ziemlich nutzlos“, sagt Ladd. „Es sind einfach zu wenige.“

Ladds Lösungen für das „Einwanderungsproblem“ sind denkbar simpel: Abschreckung und Abschiebung. „Wenn wir die Leute konsequent zurückschicken würden, spräche sich das herum“, meint er. Stattdessen helfe man den illegal Eingereisten auch noch, in den USA Fuss zu fassen. „Unsere Krankenhäuser sind voll von ihnen, die Schulen auch“, brummt der Viehzüchter. Weil sie für wenige Dollars arbeiteten, blieben auch weniger Jobs für amerikanische Arbeiter.

Ladd war nicht immer so hart eingestellt. Seine Familie, sagt er, habe viele Migranten beschäftigt, in drei Fällen sogar für deren Staatsbürgerschaft gebürgt. Doch mit den Jahren kamen mehr und mehr Lateinamerikaner, ohne dass der Staat etwas dagegen unternommen hätte. Auch im Umland sind zahlreiche Bürger enttäuscht von der Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre. Zwar hat Präsident Barack Obama Abschiebungen konsequent vorangetrieben: Zwischen 2009 und 2015 wurden 2,5 Millionen illegal Eingewanderte in ihre Heimat zurückgesandt – mehr als unter jedem anderen Präsidenten. Er plante auch eine Reform, die Millionen illegal Eingewanderter die Möglichkeit gegeben hätte, legal in den USA zu bleiben, scheiterte damit jedoch. Allein diesen Versuch empfanden viele Amerikaner als Schlag ins Gesicht. „Diese Leute haben das Gesetz gebrochen“, sagt Ladd. „Und dann werden sie auch noch dafür belohnt.“

Menschen wie Ladd fühlen sich unverstanden, vergessen von der grossen Politik, die fernab in Washington gemacht wird. Niemand kümmere sich um die Sorgen der Viehzüchter und der Anwohner im Grenzgebiet, sagt er. Lange hat er seine Zäune im Stillen geflickt. Doch irgendwann, findet Ladd, müsse das ein Ende haben. Deshalb will er im Herbst für Trump stimmen – auch wenn er dessen Pläne für einen Mauerbau für Unsinn hält. „Trump ignoriert das Problem wenigstens nicht“, sagt Ladd. „Er ist hart genug, für unsere Rechte einzutreten.“ Er hofft, dass Trumps harte Hand die Migranten abschrecken wird. Vielen Amerikanern geht es offenbar ähnlich: Kaum ein Thema scheint Trump so viel Auftrieb zu verleihen wie das der Migration. Dabei zeigen Statistiken, dass die illegale Einwanderung aus Mexiko inzwischen zurückgegangen ist. Gut 40 Prozent aller sich illegal in den USA Aufhaltenden sind sogenannte „visa overstays“: vor allem Kanadier und Europäer, die länger im Land bleiben, als es ihr Visum erlaubt.

Auch punkto Kriminalität und Drogenhandel übertreibt Trump: Laut einer Studie des American Immigration Council begehen illegal Eingewanderte prozentual seltener Gewaltverbrechen als Amerikaner. Ökonomen sind der Meinung, dass die Migration Amerikas Wirtschaft eher guttue. Die Rating-Agentur Moody’s schätzt laut dem „Wall Street Journal“, dass in Arizona das Bruttoinlandprodukt zwischen 2008 und 2015 um 2 Prozent zurückgegangen ist, weil Hunderttausende illegal Eingewanderte in dieser Zeit abgeschoben wurden.

Sehnsucht nach alter Grösse

Doch eine faktische Wahrheit ist in diesem Wahlkampf offenbar weniger wert als eine gefühlte. Im ländlichen Amerika sieht man nicht die Vorteile, die durch die Einwanderung entstehen, sondern dass sich das Land verändert: dass es dunkelhäutiger wird, spanischsprachiger, globalisierter. Gleichzeitig verblasst in seinen Augen Amerikas Glanz, steigen andere Nationen wie China auf. Viele Trump-Wähler wollen nicht nur die Migration stoppen. Sie wollen die Zeit zurückdrehen, in eine Ära, als Amerika noch weisser und eine Weltmacht war.

Der Viehzüchter John Ladd möchte vor allem eines: seine Ruhe. Er will keine Zäune mehr flicken, keine umgestossenen Pfeiler wiederaufbauen. Er will keine Handys mehr im Staub finden und keine Rucksäcke, die die Flüchtlinge auf seinem Grund verlieren. Und er will keine Leichen mehr sehen. 14 Migranten, sagt er, seien schon auf seinem Grundstück verendet. Sie verdursteten in der sengenden Sonne oder ertranken in jenen Fluten, die in dieser Region des Landes blitzschnell entstehen können. So wie es jenem Migranten passierte, den Ladd im vergangenen Jahr fand. Damals besorgte er sich von Nachbarn einen Leichensack. Er fuhr los, um den Toten zu finden. Die Flut hatte den jungen Mann an der Strasse angespült. Ladd hievte den toten Körper auf die Ladefläche seines Jeeps und übergab ihn den Behörden. „Ich werde mich nie daran gewöhnen, Leichen auf meinem Land zu finden“, sagt Ladd. „Wären diese Menschen doch nur zu Hause geblieben.“

Alexandra Rojkov ist freie Journalistin und lebt derzeit in den USA.