Reuters

Prahlerei mit sexuellen Übergriffen

Ist Trump am Ende?

von Andreas Rüesch / 09.10.2016

Dass der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump Frauen als reine Objekte betrachtet, ist keine neue Erkenntnis. Dennoch deutet einiges darauf hin, dass die Video-Affäre ihm das Genick brechen könnte.

Die USA sind an diesem Wochenende von einem der stärksten Hurrikane der vergangenen Jahre heimgesucht worden. Trotzdem beherrscht ein Sturm ganz anderer Art die Schlagzeilen. Die Republikanische Partei ist in dramatische Turbulenzen geraten, seit Tonaufnahmen mit widerlichen Bemerkungen ihres Präsidentschaftskandidaten Donald Trump aufgetaucht ist.

„Was ist daran neu?“, werden manche fragen. Dass sich Trump primitiv benimmt, Frauen herabwürdigt, ein notorischer Ehebrecher ist und die Ausdrucksweise eines stockbetrunkenen Rowdys pflegt, ist – leider – längst bekannt. Diese Eigenschaften haben die Republikaner nicht abgeschreckt, Trump auf den Schild zu heben, und das Wissen um seinen abstossenden Charakter hat auch nicht verhindert, dass Trump vor diesem Wochenende in Umfragen nur knapp hinter seiner demokratischen Gegnerin Hillary Clinton lag.

Missbrauch der Macht

Dennoch kommen mit diesem Video, auch wenn es elf Jahre alt ist, zwei neue Elemente ins Spiel. Erstens gehen Trumps Aussagen über seine bisherigen Geschmacklosigkeiten und Beleidigungen hinaus; offen spricht er über seinen Spass an sexuellen Übergriffen. Im Raum steht damit nicht einfach ein Verstoss gegen Anstand und Sitte, sondern gegen das amerikanische Strafrecht. Wer will allen Ernstes einen Mann zum Präsidenten, der sich schwerer Straftaten brüstet und damit protzt, dass man sich als Star eben alles erlauben könne?

Als Präsident wäre Trump weit mehr als ein „Star“ – er würde damit auch über unvergleichlich grössere Möglichkeiten zum Missbrauch seiner Macht verfügen. Aufgabe eines Präsidenten ist es jedoch, als glaubwürdiger Garant der Rechtsordnung zu dienen. Notabene mit diesem Argument hatten die Republikaner 1998 die Amtsenthebung Bill Clintons angestrengt – nicht weil er ein notorischer Schürzenjäger war, sondern weil er zur Vertuschung seiner Affären seine Stellung missbraucht und einen Meineid begangen hatte.

Zweitens zerplatzt nun endgültig die Illusion vieler Republikaner, dass sich Trump schon irgendwie mässigen werde und mit einem staatsmännischen Auftreten im Wahlkampf die Zweifel an seiner Eignung widerlegen könnte. Das Video bedeutet ein böses Aufwachen und zeigt, dass die Hoffnung auf einen neuen, geläuterten Trump reiner Selbstbetrug ist. Das hätte man an sich immer schon wissen können. Doch aus purem Opportunismus haben es führende Republikaner versäumt, Trump rechtzeitig zu stoppen.

Absturz ins Chaos

Nun, da es bereits zu spät ist, setzen sich Vertreter der republikanischen Elite reihenweise von ihm ab. Das an Eklats ohnehin nicht arme Wahljahr bringt nun weiteres Spektakel: Die drei letzten republikanischen Präsidentschaftskandidaten stehen alle in Opposition zu „ihrem“ Bannerträger, Trumps eigener Vizepräsidentschaftskandidat hat ihn in der Video-Affäre schwer gerügt, und es ertönt der Ruf, Trump solle seinen Platz räumen.

Hatte die Partei an ihrem Wahlkonvent im Juli eine Spaltung noch verhindern können, so ist sie nun ins totale Chaos gestürzt. Noch ist ungewiss, inwieweit sich die Empörung auch an der Wählerbasis auswirken wird. Doch Trump geht politisch schwer angeschlagen in die Endrunde des Rennens um das Weisse Haus. Einen knappen Monat vor der Wahl braucht es einiges an Phantasie, um sich vorzustellen, wie er seine Haut noch retten will.