Kevin Kolczynski / Reuters 

Zwänge des Zweiparteiensystems

Nur zwei Wege ins Weisse Haus

von Beat Ammann / 15.08.2016

Zwei frühere Republikaner, beide einst Gouverneure, bieten eine Alternative zu Trump und Clinton. Selbst wenn sie für Republikaner nicht viel zu undogmatisch wären, hätten sie jedoch keine Chance.

Immer im Sommer vor einer Präsidentenwahl erhalten andere Kandidaturen als jene der beiden grossen Parteien ihren kurzen Auftritt im Licht medialer Scheinwerfer. Obwohl Donald Trump bekanntlich viel gängige Weisheit über das Gewähltwerden widerlegt hat, gilt dies kaum für die Einschätzung, dass jemand von einer dritten Partei nie gewinnt. Anders ist höchstens, dass das Bedauern darüber grösser ist als früher.

Ex-Republikaner als Libertäre

Insgesamt bewerben sich jeweils Dutzende von Unbekannten ums höchste Amt im Staat. Neben Hillary Clinton und Trump haben die Wähler jedoch nur etwa „anderthalb“ weitere Optionen: Gary Johnson von der Libertarian Party und Jill Stein von den Grünen. Stein, eine Ärztin, hat wenig landesweite Parteistruktur hinter sich und ist nur für Eingeweihte wählbar.

Johnson hingegen hat zwei Amtszeiten als Gouverneur des Gliedstaates New Mexico (1995–2003) hinter sich, als er noch der Republikanischen Partei angehörte. Sein politischer Partner und Kandidat für die Vizepräsidentschaft, William Weld, war ebenfalls zweimal republikanischer Gouverneur, in Massachusetts (1991–1997).

Johnson verficht libertäre Positionen, die für Republikaner kaum zu goutieren sind – etwa die regulierte Freigabe von Marihuana. Zudem will er Abtreibungen nicht wieder verbieten – ein Sakrileg unter Republikanern. Allerdings rücken sachliche Differenzen für den einen oder anderen Republikaner in den Hintergrund angesichts der Tatsache, dass Donald Trump für viele weder die Kenntnis noch die charakterliche Stärke besitzt, um für das Oval Office qualifiziert zu sein.

Eine einsame Stimme

Dies bedeutet nicht, dass sich eine Absetzbewegung hin zu Johnson abzeichnen würde. Mindestens ein Republikaner jedoch, Scott Rigell aus Virginia, Mitglied des Repräsentantenhauses, hat seine Partei dazu aufgerufen, Trump fallenzulassen und Johnson zu unterstützen. Rigell hält es für möglich, dass Johnson auf diese Weise wenigstens dazu verholfen werden könnte, an den drei TV-Debatten zwischen Präsidentschaftskandidaten teilzunehmen. Laut Johnson kann niemand gewinnen, der bei den Debatten nicht präsent ist.

Für einen Platz auf der Bühne benötigt Johnson jedoch Umfragewerte von mindestens 15 Prozent. Zurzeit liegt er im Durchschnitt etlicher Umfragen bei lediglich 9 Prozent. Das ist zu wenig, aber trotzdem erstaunlich viel, da Johnson und Weld keine landesweit bekannten Persönlichkeiten sind.

Johnson hatte sich vor vier Jahren schon um die Präsidentschaft beworben. Damals erreichte er selbst in seinem Heimatstaat New Mexico nur 4 Prozent der Stimmen. Landesweit kam er gar nur auf einen Anteil von 0,99 Prozent (knapp 1,28 Millionen Stimmen, keine Elektorenstimme). Jill Stein erhält in den Umfragen lediglich einen Rückhalt von 3,8 Prozent.

Anti-Clinton und anti-Trump

Eine Stimme für Johnson, abgegeben von einem republikanischen Wähler, kommt indirekt Clinton zugute. Da viele Republikaner einen irrational wirkenden Hass auf die Clintons haben, kann die Demokratin nicht massenhaft viele Anti-Trump-Proteststimmen erwarten. Sie hat dennoch jüngst versucht, in ihrer Wahlkampagne jene Republikaner anzusprechen, für die Trump nicht wählbar ist. Dabei hat sie allerdings Rücksicht auf eine Basis zu nehmen, die weiter links steht als sie selbst.

Trump profitiert von der Ablehnung, die der früheren First Lady und Aussenministerin weitherum entgegenschlägt. Ihre Unbeliebtheit ist aber keine gültige Begründung dafür, dass die Spitzen der Republikaner – allen voran Speaker Paul Ryan – Trump auf dem Weg zur Präsidentschaft der Supermacht Amerika gewähren lassen. Ryan ist als Vorsitzender des Repräsentantenhauses hinter Vizepräsident Biden der dritthöchste Amtsträger der USA.

Trauma wegen Nader

Auf der Seite der Demokraten hat Bernie Sanders mit seiner angekündigten „politischen Revolution“ ein linkes Wählersegment mobilisiert, in dem viele Hillary Clinton ebenfalls heftig ablehnen. Dennoch wird sie vermutlich jene Sanders-Wählerschaft hinter sich vereinen, die sich nicht in die Stimmenthaltung flüchtet.

Unter Demokraten ist unvergessen, dass es vermutlich die Sprengkandidatur von Ralph Nader war, die seinerzeit Al Gore die Wahl in Florida kostete. Dank ein paar hundert Stimmen Vorsprung gewann dort George W. Bush, was ihn 2001 ins Weisse Haus katapultierte. Daher können Johnson und die Grüne Stein wenig Zulauf von Demokraten erwarten. Die Furcht, am Ende Donald Trump den Weg ins Weisse Haus zu ebnen, ist gross.