Keystone/Jim Lo Scalzo

TV-Duelle im amerikanischen Wahlkampf

Patzer vor einem Millionenpublikum

von Sereina Capatt / 26.09.2016

Es könnte ein Vorentscheid für die Wahl am 8. November werden: Am Montag treffen Trump und Clinton beim ersten TV-Duell erstmals direkt aufeinander. Ein Blick zurück zeigt: Die Fernsehdebatten haben so manche Präsidentenwahl frühzeitig entschieden.

Bis zu 100 Millionen Zuschauer, so meinen Experten, könnten die erste Fernsehdebatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump am Montagabend verfolgen. Es wäre ein neuer Zuschauerrekord in einem Debattenformat, das es bereits seit 1960 gibt.

Vergangene Debatten haben gezeigt: Ein falsches Wort, eine unbewusste Geste oder ein schräger Blick kann die Gunst vieler Wähler kosten.

Diese Debatten haben die Wähler überzeugt

1960 John F. Kennedy gegen Richard Nixon

John F. Kennedy und Richard Nixon boten das Debüt bei einer erstmals im Fernsehen live übertragenen Debatte. Kennedy war Senator von Massachusetts und ein relativ unbekannter Anwärter auf das Präsidentenamt. Dies änderte sich schnell, die Debatte lockte rund 70 Millionen Amerikaner vor die Fernseher. Der Demokrat Kennedy schien sich der Dramaturgie des Auftritts bewusst zu sein. Nixon hingegen erholte sich gerade von einer Knieverletzung und hatte einen längeren Spitalaufenthalt hinter sich. Gegenüber dem braungebrannten jungen Kennedy wirkte er blass und schwach.

Mein Gott, sie haben ihn einbalsamiert, bevor er gestorben ist!

Nixon schien sich sichtbar unwohl zu fühlen. Im Laufe der Debatte begann er so stark zu schwitzen, dass der Puder auf seinem Gesicht zerfloss – was Beobachter mit Hohn kommentierten: Der Bürgermeister von Chicago, der Stadt in der die Debatte stattfand, rief bei Nixons Anblick entsetzt: „Mein Gott, sie haben ihn einbalsamiert, bevor er gestorben ist!“

Die Wirkung Kennedys auf die Fernsehzuschauer hingegen war beachtlich. Ein Kommentator schrieb: „Innerhalb von acht Minuten hatte ein schlanker, exzellent gekleideter junger Gentleman den in ihren Wohnzimmern sitzenden amerikanischen Männern und Frauen einen Vorschlag unterbreitet. Und dabei hatte er so unglaublich viel sympathischer gewirkt als der Bursche, der in den letzten acht Jahren der Vizepräsident der Vereinigten Staaten gewesen war.“ Mit seinem starken Auftritt und der Parole „Es ist Zeit, dass Amerika wieder voranschreitet“, ebnete sich Kennedy den Weg zum Wahlsieg. Drei weitere Debatten konnten das Ruder für Nixon nicht mehr herum reissen.

1992 George H.W. Bush gegen Bill Clinton

Der amtierende Präsident George Bush Senior erlaubte sich in der Debatte gegen Bill Clinton einen folgenreichen Fauxpas: Als ihm eine Zuschauerin aus dem Publikum eine Frage stellte, schaute der Republikaner auf seine Armbanduhr, was für die Zuschauer nach Ungeduld aussah und Bush unhöflich wirken liess. Sein demokratischer Konkurrent Clinton machte sich dieses Missgeschick zu nutzen: Er trat einen Schritt auf die Wählerin zu und antwortete ausführlich. Bei den mehr als 80 Millionen Fernsehzuschauern kam diese Nähe zu den Bürgern gut an.

Nebst Clintons überzeugendem Auftritt war die Präsidentschaftsdebatte 1992 auch aus einem anderen Grund denkwürdig: Erstmals nahm ein dritter, parteiloser Kandidat am Streitgespräch teil. Doch auch Ross Perot schaffte es nicht, Bill Clinton die Show zu stehlen. Der Demokrat gewann die Wahl mit 5,5 Prozentpunkten Vorsprung auf Bush.

2008 John McCain gegen Barack Obama

Anfangs war unklar, ob es überhaupt zu einem Fernsehduelle zwischen dem Republikaner dem Demokraten kommen würde: McCain wollte seine Kampagne unterbrechen, um im Kongress einen Ausweg aus der Finanzkrise zu finden. Er lud den Senator Obama, seinem Beispiel zu folgen. Dieser wollte den gemeinsamen Fernsehauftritt jedoch nicht verschieben – die Wähler müssten informiert werden, für welche Wirtschaftsreformen die beiden Kandidaten ständen. McCain brachte mit seiner Drohung, dem Duell fernzubleiben, solange das Hilfspaket zur Rettung des Finanzsektors noch nicht geschnürt sei, einen Hauch Dramatik in den Wahlkampf. Die Fernsehdebatte fand schliesslich statt und Obama ging als Sieger aus dem Duell hervor – vor allem, da McCain nichts Grundlegendes zur Diskussion um die Finanzkrise beizutragen hatte. Obama gewann daraufhin die Präsidentenwahl.

Diese Kandidaten sind in Fettnäpfchen getreten

1976 Gerald Ford gegen Jimmy Carter

Nach dem Fernsehdebakel Nixons fanden 16 Jahre keine Fernsehduelle mehr statt. Vielen Kandidaten war ein solcher Auftritt vor laufenden Kameras wohl zu riskant. Erst Präsident Gerald Ford stellte sich 1976 wieder einem öffentlichen Duell gegen Jimmy Carter. Bei der zweiten von insgesamt drei Debatten erlaubte sich Ford jedoch einen Fauxpas. Der amtierende Präsident erklärte, dass sich Osteuropa nicht unter dem Einfluss der Sowjetunion befände. Inmitten des Kalten Krieges klang diese Aussage so absurd, dass der Moderator noch einmal nachfragte. Ford bekräftigte seine Ansicht und zum lehrreichen Beispiel für seine Nachfolger: Noch nie hat ein Kandidat nach einer Fernsehdebatte so viele Wählerstimmen verloren wie er. Ford gehört bis heute zu den grössten Verlierern eines TV-Duells. Auch die Präsidentenwahl verlor er schliesslich gegen den Gouverneur aus Georgia.

1988 Michael Dukakis gegen George H.W. Bush

„Würden Sie die Todesstrafe gegen einen Täter, der Ihre Frau vergewaltigt und ermordet hat, befürworten?“ Diese erste an Michael Dukakis gerichtete Frage im zweiten Fernsehduell brachte den Demokraten bereits ins Straucheln. Dukakis verneinte emotionslos. Er sehe keinen Grund dafür, da es andere Wege gebe, ein solches Verbrechen zu bestrafen. In den Augen der Zuschauer wirkte er mit dieser Aussage unsympathisch und distanziert.

Ich habe die Todesstrafe schon immer abgelehnt.

Nach der Debatte wurde Kritik an der Frage selbst laut und darüber diskutiert, ob sie fair gewesen sei. Dennoch hatte Dukakis das Duell gegen den amtierenden Vizepräsident George H. W. Bush verloren und damit seine Chancen auf das Präsidentenamt verspielt.

Diese Sprüche haben die Wähler zum Lachen gebracht

1980 Ronald Reagan gegen Jimmy Carter

Das Duell zwischen Reagan und Carter brach alle bisherigen Zuschauerrekorde. Mehr als 80 Millionen Wähler sassen in den USA vor den Fernsehern, als sich der amtierende Präsident Carter dem Schauspieler und republikanischen Politiker Reagan stellte. Mitten in einer schweren Inflation, der Erdölkrise und nach der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran fragte der frühere Hollywood-Schauspieler in die Kamera: „Geht es ihnen besser als vor vier Jahren?“ Damit traf er vor allem mit Blick auf die Wirtschaftslage einen Nerv, wie sich in seinem Wahlsieg zeigte.

1984 Ronald Reagan gegen Walter Mondale

Nicht nur im diesjährigen Wahlkampf ist das Alter der Kandidaten ein viel diskutiertes Faktum. Bereits 1984 wurde Ronald Reagan in der Fernsehdebatte gegen Walter Mondale darauf angesprochen, ob er nicht zu alt für sein zweites Präsidentenamt sei. Der 73-Jährige entgegnete: „Ich werde das Alter nicht zu einem Wahlkampfthema machen. Daher werde ich die Jugend und Unerfahrenheit meines Gegners nicht für politische Zwecke ausnützen.“ Das Publikum lachte und Reagan, der bis dato älteste Präsident, siegte kurz darauf zum zweiten Mal.