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Schummeln als politische Strategie

Pinocchio, Orwell, Trump

von Carlo Strenger / 05.05.2016

Man weiß, dass es Politiker im Kampf um die Macht mit der Wahrheit oft nicht sonderlich genau nehmen. Was indes Donald Trump an Lügen auftischt, schlägt fast alles in einer Demokratie Gesehene.

Die „Washington Post“ hat eine Fakten-Check-Abteilung, die einen originellen Weg gefunden hat, Politiker für falsche Aussagen büßen zu lassen: Diese werden mit einem bis zu mehreren Pinocchios bewertet – in extremen Fällen kann ein Politiker sogar mit fünf bestraft werden.

Donald Trump ist in der Pinocchio-Kategorie maßlos übervertreten. Es wird geschätzt, dass über neunzig Prozent seiner faktischen Aussagen mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Dies ist beängstigend, da es darauf hindeutet, dass in der führenden Demokratie der Welt ein großer Teil der Wähler an der Wahrheit nicht interessiert ist. Nun, da Trumps Chancen, durch die Republikaner nominiert zu werden, hoch sind, muss man die Frage stellen, ob der Mann überhaupt fähig ist, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden.

Die Frage stellt sich, ob populistische Lügen und Übervereinfachungen irgendwie zu bremsen sind.

Besonders erschreckend ist, dass Trumps Wählerbasis, hauptsächlich unterprivilegierte weiße Männer mit wenig Bildung, nicht versteht, dass sie für jemanden stimmt, der ihre Interessen mit Gewissheit nicht verteidigen wird. Der „New York Times“-Kommentator Timothy Egan hat eine Serie von Belegen über Trumps Verhalten gegenüber der Arbeiterklasse gesammelt – das resultierende Bild ist alles andere als das eines Robin Hood, der die Armen schützt.

Trump hat verschiedene Produkte, die zu seinem „Brand“ gehören – die Produktion hat er nach China ausgelagert. Er weigert sich, in seinen Kasinos gewerkschaftlich organisierte Angestellte zu beschäftigen – denn dies würde ihn zwingen, drei Dollar pro Stunde mehr zu bezahlen. Egan zeigt auch, dass Trump einige Male Firmen gekauft hat, um sie zu schließen oder auszuschlachten – eine in den USA gängige Praktik, die aber nicht gerade darauf hinweist, dass amerikanische Arbeitsplätze Trump besonders teuer sind.

Die Frage stellt sich, ob populistische Lügen und Übervereinfachungen irgendwie zu bremsen sind. Das Pinocchio-System der „Washington Post“ ist einfach zu verstehen, hat eine Prise Humor und macht dem Leser auf simple Weise klar, wie es um die Fakten steht. Warum hat es nicht wirklich Einfluss?

Das Problem ist, dass die überwiegende Mehrzahl von Trumps Wählern die „Washington Post“ nicht liest – nicht nur, weil sie Geld kostet, sondern auch, weil sie für das liberale Establishment steht, dem Trumps Wähler so sehr misstrauen. Stattdessen ziehen sie es vor zu glauben, dass Trump ihren Zorn und Schmerz über ein wirtschaftliches System, das ihnen keine große Chance für ein würdiges Leben lässt, wirklich ernst nimmt und dass seine Pseudolösungen wirklich etwas ändern werden. Dabei gälte es, sich mit der Komplexität ihrer wirklich deprimierenden Situation auseinanderzusetzen: Die soziale Mobilität in den USA ist niedriger denn je, und die Armen haben, entgegen dem Versprechen des amerikanischen Traums, kaum Chancen, ihr Los mit harter Arbeit, Mut und Unternehmungsgeist zu ändern.

George Orwell sah die Gefahr der systematischen medialen Verfälschung der Realität in totalitären Systemen. Das Phänomen Trump zeigt, dass liberale Demokratien vor der bewusst intendierten Realitätsverzerrung nicht geschützt sind, obgleich alle Bürger im Prinzip Zugang zu relevanter Information haben. Politiker fügen der öffentlichen Sphäre tiefen Schaden zu, wenn sie mit den Fakten fahrlässig und manipulativ umgehen. Genauso wie die Umwelt gilt es auch diese Sphäre vor mutwilliger Verschmutzung zu schützen.