James Robinson / AP

US-Wahl 2016

„Steueroptimierung“ à la Trump: Multimilliardär ohne Einkommen

von Peter Winkler / 02.10.2016

Der republikanische Präsidentschaftskandidat hat trotz rasanter Vermögenszunahme offenbar seit Jahren keine Einkommenssteuern gezahlt. Könnte Donald Trump trotzdem Präsident werden?

Dean Baquet, der Chefredaktor der „New York Times“, machte kein Geheimnis daraus: Er würde die Steuererklärungen Donald Trumps veröffentlichen, sogar wenn ihm dafür Gefängnis drohen sollte. Die Bemerkung in einer Gesprächsrunde an der Harvard-Universität vor gut drei Wochen wirkt im Rückblick ominös: Seit Samstag, als das New Yorker Blatt drei Seiten von Steuererklärungen des republikanischen Präsidentschaftskandidaten publizierte und kommentierte, ist die Gefahr durchaus real geworden. Denn zu Trumps Geschäftsgebaren gehörte schon immer die rasche Drohung mit Klagen, meist verbunden mit grotesk hohen Schadenersatzforderungen. Kein Wunder deshalb, dass die „Times“ umgehend ein Schreiben eines Anwalts erhielt, der „rasches Einleiten geeigneter Massnahmen“ ankündigte.

Steuerfreie Millionen

Die drei Seiten betreffen Steuererklärungen, die Trump 1995 in den Gliedstaaten New York, New Jersey und Connecticut einreichte – also nicht jene, die der Bundesbehörde IRS jedes Jahr geschuldet wird. Ein früherer Steuerberater Trumps schien zu bestätigen, dass die Dokumente echt seien. Trumps Wahlkampfstab nahm dazu nicht Stellung.

Aus den drei Seiten geht hervor, dass Trump in jenem Jahr über 900 Millionen Dollar Verlust auswies. Auch wenn das ein happiger Betrag ist: Der Verlust ist keine Überraschung, es war bekannt, dass Trumps Firmenkonglomerat in jener Zeit ernste Schwierigkeiten hatte, weil sich Trump mit Kasinos in Atlantic City (New Jersey), einer Fluggesellschaft und dem Kauf des New Yorker Plaza-Hotels übernommen hatte und unter der Schuldenlast zusammenzubrechen drohte.

Als Immobilienhändler und Generalunternehmer standen Trump vielfältige legale Instrumente zur Verfügung, um einen solchen Verlust anzuhäufen. Der grosse Vorteil: Er konnte ihn gegen steuerbares Einkommen über insgesamt 18 Jahre aufrechnen. Mit anderen Worten: Der Verlust erkaufte ihm im besten Fall 900 steuerfreie Dollarmillionen an Nettoeinkommen. Das könnte einer der Gründe sein, warum Donald Trump als einziger Präsidentschaftskandidat seit 1976 seine Steuererklärungen nicht veröffentlicht: Auch wenn, wie ihm alle attestieren, das Vorgehen zur Steueroptimierung völlig legal war, würde es den Vorwurf seiner Rivalin Hillary Clinton in der Fernsehdebatte bestätigen: dass Trump wahrscheinlich in den letzten Jahren keine Einkommenssteuer an den Bund gezahlt habe, obwohl sein Vermögen um Milliarden von Dollars gewachsen sein soll.

Trumps Wahlkampfstab wollte denn auch vor allem diesen Eindruck korrigieren und sprach in einer Mitteilung davon, Trump habe Millionen von Dollars an Steuern gezahlt. Bei der Aufzählung der verschiedenen Arten von Steuern fällt allerdings auf, dass von Einkommenssteuer nicht die Rede ist, weder auf Bundesebene noch auf jener der Gliedstaaten. Die Mitteilung unterstreicht dagegen, das einzig Neue an der ganzen Sache sei, dass die „New York Times“ die angeblichen Steuerunterlagen auf illegale Weise erhalten habe.

Zweierlei Massstäbe

In der Tat wurde die Veröffentlichung der Steuerunterlagen nicht vom Betroffenen gutgeheissen und ist damit rechtswidrig. Da spielt auch keine Rolle, dass laut der „Times“ eine ihrer Journalistinnen die drei Seiten von einer anonymen Quelle per Post erhielt und dass auf dem Umschlag die Adresse des Firmen- und Wohnsitzes „Trump Tower“ als Absender vermerkt gewesen sei.

Trump ist natürlich nicht der einzige Geschäftsmann, der seine Steuern mit allen rechtlichen Mitteln minimiert hat. Er ist aber wohl der Einzige, der im Glashaus mit Steinen um sich wirft: Im letzten Wahlkampf, 2012, kritisierte er Präsident Obama als Heuchler, weil dieser für knapp 800 000 Dollar Einkommen „nur“ etwas über 20 Prozent Steuern gezahlt hatte.

Die eingefleischten Trump-Anhänger werden sich wegen dieser Geschichte nicht von ihm abwenden, im Gegenteil. Selbst eine „Steueroptimierung auf null“ würde zum Image, das Trump zugunsten dieser Bevölkerungsgruppe pflegt, perfekt passen: anarchisch, ungehobelt, furchtlos, schlau und darum erfolgreich. Nicht dazu passt jedoch seine Dünnhäutigkeit – und der daraus folgende Verlust der Kontrolle über sein Temperament – wie in der Fernsehdebatte vor einer Woche. Die Umfragen seither sprechen die gleiche Sprache. Clinton hat fast überall zugelegt.