Carlo Allegri / Reuters

Tabu gebrochen: Trump lässt sich provozieren

von Beat Ammann / 02.08.2016

Donald Trump tut das Gegenteil dessen, was man von einem Präsidentschaftskandidaten erwartet. Statt Wähler zu hofieren, geht er auf Leute los, die traditionellerweise seine Partei wählen.

Man hätte als republikanischer Präsidentschaftskandidat über Schwächen der demokratischen Gegnerin reden können, über deren Zugehörigkeit zum weitherum verhassten politischen Establishment, über geringes Wirtschaftswachstum oder islamistischen Terror. Stattdessen ging Donald Trump am Wochenende auf die Familie eines gefallenen Soldaten los, weil dessen Vater ihn in einem Auftritt kritisiert hatte.

Keine Selbstdisziplin

Es bestätigte sich, dass Trump kaum je den Mund halten kann, wenn man ihn angreift. Er lieferte der Kampagne von Hillary Clinton bestes Bildmaterial für weitere Fernsehspots, um zu belegen, dass der Mann vom Temperament her nicht nur ungeeignet ist, das Oval Office zu übernehmen, sondern dort gefährlich wäre. Kurz vor der Rede Clintons am Parteitag letzte Woche waren Ghazala und Khizr Khan aufgetreten. Deren Sohn, ein Hauptmann der Infanterie, fiel 2004 im Irak, als er versuchte, einen Selbstmordattentäter zu stoppen. Dafür erhielt er postum das Purple Heart, eine Auszeichnung für Personen, die im Krieg durch Waffen verletzt werden oder umkommen. Die muslimische Familie Khan stammt aus Pakistan, ist aber seit langem hier eingebürgert.

Vater Khan hatte Trump für dessen pauschale Urteile über Muslime kritisiert und ihm unterstellt, er habe wohl die amerikanische Verfassung noch nie gelesen, die Freiheit und Toleranz gewährleiste. Er zückte eine Kopie der Verfassung aus seiner Westentasche und sagte, er leihe Trump das Büchlein gern aus, falls dieser es lesen wolle.

Khan sprach kraftvoll, mit todernster Miene, die in keiner Weise reflektierte, in welchem Ausmass seine kurze Rede die Delegierten am Parteitag fesselte, bewegte und begeisterte. Seine Geste mit der Verfassung hätte als billiger Trick herüberkommen können, doch war offenbar die Mehrheit auch des Fernsehpublikums gerührt und betroffen. Neben ihm stand seine Frau, der das Leid ins Gesicht geschrieben war.

Trump hingegen zeigte keinerlei Empathie und spielte erneut mit Vorurteilen gegen Muslime. Er wies darauf hin, dass Frau Khan bloss stumm dort gestanden habe; nur der Mann habe gesprochen. Vielleicht habe sie ebenfalls reden wollen, doch habe ihr Mann das nicht erlaubt, mutmasste Trump. Die Khans sind seither permanent im Fernsehen, und es erwies sich, dass auch die Frau durchaus reden kann.

„Schwarze Seele“

Vater Khan, voller Hingabe an seine neue Heimat, sagte am Wochenende, Trump sei „eine schwarze Seele“ und nicht würdig, dieses wunderbare Land zu führen. Khan hatte dem republikanischen Kandidaten vorgeworfen, in seinem Leben nichts und niemanden geopfert zu haben. Auch dies konnte Trump nicht unbeantwortet lassen. Er arbeite sehr hart und habe Abertausende von Arbeitsplätzen geschaffen, entgegnete er.

Mit seiner Kritik hat Trump ein Tabu gebrochen. Veteranen und Angehörige von Gefallenen sind als Helden und Respektspersonen zu behandeln. Parteikollegen haben sich zwar von Trump distanziert, doch niemand hat ihm den Rückhalt aufgekündigt. Ausführlich äusserte sich John McCain, der frühere Präsidentschaftskandidat, der jahrelang in vietnamesischer Gefangenschaft schmachtete. Auch ihn hat Trump vor längerem schon verunglimpft, indem er sinngemäss sagte, wer in Gefangenschaft gerate, sei kein Held.