Keystone/Andrew Harnik

Vizepräsidentschaftskandidat

Tim Kaine als Partner von Hillary Clinton

von Beat Ammann / 23.07.2016

Der Kandidat der Demokraten für die Vizepräsidentschaft wird kaum mehr Enthusiasmus auslösen als Hillary Clinton. Ihre Partnerschaft steht für eine stete Hand – als Kontrast zum erratischen Trump.

Hillary Clinton hat am Freitag den 58-jährigen Tim Kaine, einen Senator aus Virginia, als Kandidaten für die Vizepräsidentschaft ausgewählt. Kaine war seit langem für diesen Job im Gespräch gewesen. Schon 2008 hatte er Chancen auf den Posten, doch entschied sich Barack Obama damals für Joe Biden. Clinton und Kaine werden am Parteikongress der Demokraten in der kommenden Woche in Philadelphia formell als Kontrahenten der Republikaner Donald Trump und Mike Pence auf den Schild gehoben.

Die Entscheidung zugunsten von Kaine stellt eine Enttäuschung für all jene dar, die gehofft hatten, Clinton werde jemanden aus dem linken Flügel der Partei als ihren politischen Partner erküren. Das Traum-Ticket vieler linker Demokraten wäre eine Partnerschaft zwischen Clinton und der Senatorin Elizabeth Warren gewesen. Warren, einst Dozentin in Harvard, hat in den letzten Jahren einen steilen politische Aufstieg hingelegt, unter anderem als Kritikerin des Gebarens an der Wall Street und als Konsumentenschützerin.

Das Ausgreifen nach links schien insofern nicht unwahrscheinlich, als der Sozialist Bernie Sanders im parteiinternen Ausmarchung um die Präsidentschaftskandidatur gegen Clinton ungeahnte Erfolge gefeiert hatte. Doch das Kalkül von Clinton ist offensichtlich anders. Nach langem Zögern hat Sanders vor kurzem endlich seinen Rückhalt für Clinton zu Protokoll gegeben. Diese rechnet offensichtlich damit, dass nun ein hinreichender Teil der Anhängerschaft von Sanders im November für sie stimmen werde. Trump hat verschiedentlich versucht, sich als geistiger Verwandter von Sanders zu präsentieren, um Stimmen aus dessen Lager zu gewinnen.

Virginia zählt zu jenen Gliedstaaten, deren Demografie sich in den letzten Jahrzehnten stark geändert hat. Historisch gesehen ein Südstaat, hat das Wachstum der benachbarten Hauptstadt Washington viele Zuzügler in den Norden Virginias gebracht, unter ihnen viele Latinas und Latinos. Lyndon Johnson war 1964 der letzte Nicht-Republikaner gewesen, der in Virginia eine Präsidentenwahl gewann, ehe in der Person von Barack Obama 2008 erstmals wieder ein Demokrat den republikanischen Kandidaten schlug.

Seither gilt Virginia als ein Gliedstaat, der in beiderlei Richtung wählen kann (ein Swing State). Ginge die Rechnung Clintons auf, dass Kaine Virginia im November sicher in ihr Lager bringt, wären die Chancen von Trump, gewählt zu werden, am Freitag ein bisschen kleiner geworden. Dies bedeutet, dass andere Swing States umso wichtiger werden, allen voran Florida, wo 29 Elektoren-Stimmen auf dem Spiel stehen – gut 10 Prozent der notwendigen 272. Und siehe da, Clinton und Kaine werden gemeinsam erstmals in Florida auftreten, an diesem Samstag.

Kaine, von Haus aus Anwalt, ist einer der wenigen Nicht-Latino-Politiker dieses Landes, die tatsächlich spanisch sprechen und nicht nur „Muchas gracias“ radebrechen können. Er war 2013 der erste Senator, der je eine Rede in einer anderen Sprache als Englisch hielt. Kaine hatte während seines Studiums in Harvard ein knappes Jahr an einer Missions-Schule in Honduras verbracht und dort Spanisch gelernt. Auch das wird am Samstag an der ersten gemeinsamen Wahlkampfveranstaltung in Florida gut ankommen, wo viele Latinos leben.

Kaine hat exekutive und legislative Erfahrung als Bürgermeister, Gouverneur und Senator erworben. Ferner leitete er vorübergehend die Demokratische Partei, auf Empfehlung von Obama. Kaine, ein Katholik, ist gegen die Todesstrafe und gegen Abtreibungen, akzeptiert jedoch in der Praxis beides, soweit es gemäss Gesetz legal ist. Er hat sich einen Namen gemacht als Befürworter offener Grenzen, freien Handels und des Rechts des Kongresses, bei Einsätzen der amerikanischen Streitkräfte im Ausland mit zu bestimmen. Dies hat ihn in Konflikt mit Präsident Obama gebracht, dem er persönlich nahe steht.