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US-Wahlen 2016

Tim Kaine als Vize: Clinton geht auf Nummer sicher

von Felix E. Müller / 24.07.2016
Der ehemalige Gouverneur von Virginia und heutige Senator gilt als fähig, integer und langweilig. Er dürfte ein Garant sein, dass Clinton den wichtigen Gliedstaat gewinnt.

Tim Kaine heisst der Politiker, den Hillary Clinton nach langer Suche als ihren Vizepräsidenten auserkoren hat. Sie gab diesen Entscheid zwei Tage vor Beginn des Parteikonvents der Demokraten in Philadelphia bekannt, der sie als offizielle Kandidatin nominieren wird. Kaine ist eine überraschende Wahl, weil er auf den ersten Blick wenig Überraschendes mit sich bringt. Im Vorfeld zirkulierten Namen, die sicher mehr Medienecho provoziert hätten: Junge, Linke, Frauen, Schwarze, Hispanics, ein Admiral. Vor allem schien der Verlauf der bisherigen Kampagne, die durch den überraschenden Erfolg des pointiert links positionierten Bernie Sanders geprägt war, einen Vize nahezulegen, der das gleiche ideologische Spektrum abdeckt wie Sanders. Doch am Ende entschied sich Clinton für die wohl konventionellste Person.

Selbsernannter Langweiler

Kaine sagte einmal über sich: „Ich bin ein Langweiler.“ Aber einer, der ein beachtliche Karriere durchlaufen hat. Er wurde in Kansas geboren. Sein Vater besass eine Spenglerei. Sohn Tim besuchte eine Jesuitenschule, ging dann nach Harvard mit dem Ziel, Recht zu studieren. Doch er unterbrach die Ausbildung während eines Jahrs und wirkte als Missionar für die Jesuiten in Honduras. Seither spricht er perfekt Spanisch. Er heiratete die Tochter eines ehemaligen Gouverneurs von Virginia, zog nach Richmond, arbeitete als Anwalt für Minderheiten, wurde Stadtpräsident, stellvertretender Gouverneur und schliesslich 2006 Gouverneur von Virginia. Tragischer Höhepunkt seiner Amtszeit stellte der Amoklauf an der Hochschule Virginia Tech im Jahr 2007 dar, der 32 Menschenleben kostete. Kaine wurde allgemein für sein umsichtiges Krisenmanagement gelobt.

2012 wechselte Kaine dann als Senator in das Capitol in der Hauptstadt. Der ehemalige US-Botschafter in Bern, Don Beyer, ist mit Kaine befreundet und sagt gegenüber der „NZZ am Sonntag“: „Tims grösste Stärke ist seine Intelligenz, die eingebettet ist in ein von starken moralischen Prinzipien geleitetes Leben.“

Eine Wählerschaft für Recht und Ordnung

Welche Qualitäten bringt Kaine mit zugunsten des „Tickets“ mit Hillary? Er gilt als integre und vertrauenswürdige Person, die so Defizite ausgleichen könnte, unter denen Clinton in dieser Hinsicht in der öffentlichen Wahrnehmung leidet – „crooked Hillary“, „unehrliche Hillary“ lautet ja ein Schlachtruf der Trump-Kampagne. Kaine hat gute Beziehungen zu Schwarzen. Laut Beyer gehört er als einziger Weisser einer von Schwarzen frequentierten Kirchgemeinde in Richmond an. Er gilt als ausgleichend und besonnen. Und dann ist er ein weisser Mann mit Wurzeln im Mittleren Westen. Um dieses Wählersegment macht man sich bei den Demokraten zunehmend Sorgen, weil hier Trump mit seiner protektionistischen Haltung und „Recht und Ordnung“-Botschaften grosses Echo findet.

Die Schwachstellen des Vizepräsidentschaftskandidaten liegen darin, dass er nicht sonderlich charismatisch wirkt. Zudem ist er ein politischer Insider aus Washington, was sich in diesem Wahlkampf als Nachteil beim Fussvolk beider Parteien erwiesen hat. Weiter ist er ein deklarierter Anhänger des Freihandels – auch das kein Thema, mit dem sich momentan in den USA punkten lässt. Als linker Systemkritiker geht er ohnehin nicht durch, womit seine Popularität bei den Sanders-Anhängern limitiert sein dürfte. Als Gouverneur nahm Kaine Geschenke im Wert von 160 000 Dollar an. Das war zwar legal und wurde offen deklariert. Trump warf ihm dennoch kriminelles Verhalten vor.

Strategische Wahl

Kaine ist nicht bloss eine Wahl, die von Clintons politischen Instinkten zeugt. Denn ohne Meinungsforschung und strategische Überlegungen werden solche Personalentscheidungen nicht getroffen. Ex-Botschafter Don Beyer meint, dass „Kaine in der Lage wäre, sofort als Präsident zu fungieren“. Und er verbessere die Wahlchancen Clintons: „Es ist nun noch wahrscheinlicher, dass Hillary Virginia gewinnt. Es gibt für Trump nur ganz wenige Optionen, ohne den Gliedstaat Virginia die nötigen 270 Elektorenstimmen zu gewinnen.“