Reuters

US-Präsidentschaftswahl

Trump gibt den Märtyrer

von Christian Weisflog / 14.10.2016

Konfrontiert mit dem Vorwurf zahlreicher sexueller Übergriffe flüchtet sich Donald Trump in übelste Verschwörungstheorien. In einer Rede stilisierte er sich zum Retter der Nation gegen eine korrupte Elite.

Sechs Frauen haben dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten in den vergangenen Tagen vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben. Zuvor waren Aufnahmen aus dem Jahr 2005 publik geworden, in denen Trump selbst mit sexuellen Übergriffen auf Frauen geprahlt hatte: „Wenn du ein Star bist, lassen sie es zu. Du kannst alles machen.“

In die Enge gedrängt, schlägt Donald Trump nun umso wütender zurück. In einer Rede vor Anhängern in Florida bezeichnete er die ihm vorgeworfenen sexuellen Übergriffe als „falsche Verleumdungen“ und Teil dunkler Machenschaften: „Das ist eine Verschwörung gegen euch, das amerikanische Volk, und wir können das nicht zulassen.“

Michelle Obama setzt ein Zeichen

Streckenweise erinnerte Trumps Rede an die übelsten Phantasien rechtsradikaler Verschwörungstheoretiker. Seine demokratische Rivalin Hillary Clinton habe „im Geheimen mit internationalen Banken die Zerstörung der amerikanischen Souveränität geplant“, damit sich die globalen Finanzmächte bereichern könnten, wetterte Trump. „Das Establishment und die Medien üben die Kontrolle über diese Nation aus.“ Jeder, der diese Kontrolle in Frage stelle, werde als Sexist oder Rassist abgestempelt. Trump stilisierte sich dabei zum modernen Winkelried gegen die „globale Machtstruktur“: „Ich ertrage alle diese Schleudern und Pfeile gerne für euch.“

Während Trump mit seiner Rede die niedersten Instinkte seiner Anhänger bediente, zerpflückte die amerikanische First Lady Michelle Obama den republikanischen Präsidentschaftskandidaten bei einem bemerkenswerten Auftritt in New Hampshire. Trumps Prahlereien über seine sexuellen Übergriffe, liessen ihr keine Ruhe: „Sie haben mich im Innersten erschüttert.“ Hier gehe es nicht um Politik, sondern um Anstand: „Starke Männer – Männer, die echte Vorbilder sind – haben es nicht nötig, Frauen zu erniedrigen, um sich selbst mächtig zu fühlen.“

Trump im Umfragetief

Bisher konnte sich Trump immer wieder von Skandalen erholen. Ob ihm die kruden Verschwörungstheorien diesmal wirklich weiterhelfen, scheint fraglich. In den Umfragen hat Clinton ihren Vorsprung auf Trump mittlerweile auf 6.7 Prozentpunkte ausgebaut. Die Florida-Rede bestätige die zunehmende „Bunkermentalität“ der Trump-Kampagne, resümiert die „Washington Post“. „Es ist ,wir gegen sie‘. Aber es gibt viel zu wenige ,wir‘ und viel zu viele ,sie‘, um daraus eine brauchbare Wahlstrategie zu machen.“