Shannon Stapleton / Reuters

Zweites Fernsehduell

Trump kämpft mit dem Rücken zur Wand

von Stefan Reis Schweizer / 10.10.2016

Nach der Veröffentlichung eines kompromittierenden Videos mühte sich Donald Trump um Schadensbegrenzung. Bei Sachthemen kann er Hillary Clinton aber weiterhin nicht das Wasser reichen. Erkenntnisse aus dem zweiten Live-Duell der Kontrahenten.

Die beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump sind im zweiten Duell vor laufenden Kameras in den Nahkampf übergegangen. Die wichtigsten Erkenntnisse nach dem Schlagabtausch:

– Trump ist angeschlagen, aber er gibt sich nicht geschlagen

Nach der Veröffentlichung eines Videos mit sexistischen Äusserungen sah sich Trump vor dem Fernsehduell in der Defensive. Immer mehr Politiker der Republikanischen Partei, die ihn ohnehin nur widerwillig zu ihrem Kandidaten gemacht hat, versagen ihm die Unterstützung.

Nachdem er schon zuvor mit einer Entschuldigung per Video reagiert hatte, entschuldigt er sich in der Debatte nochmals und tut die Äusserungen zugleich als Gerede ab – um dann sofort wieder zum Angriff überzugehen.

Trump wirft Hillary Clintons Ehemann Bill vor, der im Publikum sitzt, sich viel schlimmer gegenüber Frauen verhalten zu haben. Ob Trump damit allerdings gepunktet hat, darf bezweifelt werden. Bill Clintons Affären sind für viele Amerikaner lange her und kein Thema mehr.

Kurz vor dem Duell war sogar über eine mögliche Absage der TV-Debatte durch Trump spekuliert worden, doch der Kandidat der Republikaner scheint sich trotz seiner zunehmend schwierigeren Lage im Wahlkampf nicht ans Aufgeben zu denken. Für dieses Duell schien er sichtlich besser vorbereitet. Sein Bemühen um Schadensbegrenzung könnte durchaus greifen.

– Der Ton beider Kandidaten wird aggressiver

Die beiden Kontrahenten gingen in dem Duell bald zu persönlichen Angriffen über, der Ton war teils aggressiv. Was Hillary Clinton und Donald Trump sich bisher gegenseitig über die Medien an den Kopf warfen, sagten sie sich jetzt in konzentrierter Form direkt ins Gesicht: Beide warfen einander vor, zu lügen, beide sprachen sich gegenseitig die Eignung für das Präsidentenamt ab und beide beklagten ein moralisches Versagen beim anderen.

Beim ersten Duell in Hempstead hatte Clinton ihren Gegner noch auf Distanz halten können, diesmal konterte sie direkt. Das brachte Trump mehrmals in Verlegenheit, Clinton selbst allerdings auch. Sie musste erneut Versäumnisse beim Umgang mit E-Mails in ihrer Zeit als Aussenministerin einräumen.

– Sachthemen spielen weiter eine untergeordnete Rolle

Das Video Trumps, das zu persönlichen Attacken führte, war gleich zu Beginn eines der wichtigen Themen des Duells. Daneben ging es auch um Sachfragen wie etwa den Umgang mit Muslimen im eigenen Land. Auch hier stehen sich Clinton und Trump unversöhnlich gegenüber.

Während sie mehr Toleranz fordert, verlangt er erneut eine «extreme» Überprüfung von Muslimen in die USA, ohne dies weiter zu erklären. Beim Schlagabtausch zur Syrienkrise offenbaren sich bei Trump einmal mehr Wissenslücken, während hier Clinton vermittelt, dass sie weiss, wovon sie spricht.

– Die letzten vier Wochen des Wahlkampfs könnten noch an Schärfe zunehmen

Es sieht nicht nach Zufall aus, dass das Trump kompromittierende Video ausgerechnet vor einer Fernsehdebatte der beiden Kandidaten an die Öffentlichkeit gelangt. Trump unterhielt sich in der Sequenz mit dem Fernsehmoderator Billy Bush, einem Verwandten des früheren Präsidenten George W. Bush. Dessen Bruder Jeb Bush hatte sich in Konkurrenz zu Trump um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner beworben.

Wie mittlerweile viele in der Partei versagen auch die beiden Bushs Trump jegliche Unterstützung im Wahlkampf. Billy Bush kostete die Veröffentlichung des Videos allerdings seine Stelle, der Sender NBC suspendierte ihn.

Trump reagierte auf die Anwürfe wegen des Videos mit Verweisen auf die sexuellen Skandale Bill Clintons. Es ist schwer vorstellbar, dass ein solches tiefes Niveau im Wahlkampf noch weiter unterboten wird und man sich wieder mehr den Sachthemen zuwendet.

Es ist allerdings denkbar, dass es in dieser Weise weitergeht. So ist nicht ausgeschlossen, dass weitere blossstellende Videos des auch schon vor seiner Kandidatur medial sehr präsenten Trump auftauchen. Ausserdem hat die Enthüllungsplattform Wikileaks angekündigt, weitere E-Mails von Hillary Clinton zu veröffentlichen.