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Machtkampf ist entschieden

Trump kapert die Republikanische Partei

von Peter Winkler / 06.05.2016

Der Immobilienmogul spielt erfolgreich mit der unberechenbaren Stimmung im Land. Doch Präsident wird nur, wer die nötigen Stimmen erhält.

Wenn es einer politischen Partei die Sprache verschlagen könnte, wäre es der Grand Old Party nach Dienstagabend so ergangen. Viele hatten sich auf ein bitteres Ringen bis zu den letzten Vorwahlen am 7. Juni und allenfalls auf ein hässliches Hauen und Stechen am Wahlkonvent in Cleveland gefasst gemacht. Doch der Machtkampf um die Republikanische Partei findet nicht mehr statt, er ist – für diesen Wahlzyklus – entschieden. Der New Yorker Immobilienmogul Donald Trump warf mit einem klaren Sieg in der Vorwahl von Indiana seine beiden letzten Gegenspieler aus dem Rennen und machte sich damit den Weg für die Nominierung als republikanischer Kandidat in der Präsidentenwahl vom November frei.

Famoser Sturmlauf

Der texanische Senator Ted Cruz, der noch vor kurzem geschworen hatte, das Banner der Konservativen bis zum bitteren Ende zu tragen, besann sich noch am Dienstagabend eines Besseren und hisste die weiße Flagge. John Kasich, der Gouverneur von Ohio, sagte am nächsten Tag seine Wahlkampfauftritte ab, kehrte nach Hause zurück und strich dort ebenfalls die Segel. Er erhielt als Dank dafür von Trump eine – völlig unverbindliche – Erwähnung als möglicher „running mate“ für das Amt des Vizepräsidenten.

Die Tragweite von Trumps Sieg kann gar nicht überschätzt werden. Sein Sturmlauf ist in der neueren Geschichte ohne Beispiel. Er gab seine Bewerbung um das höchste Amt im Staat Mitte Juni bekannt. Jedermann kannte ihn, und kaum jemand konnte sich den gewandten Selbstvermarkter im Oval Office vorstellen. Diese einmalige Kombination bestärkte die Statistik-Gurus in der Überzeugung, Trump werde keine realistische Chance haben.

Zunächst schien das auch zuzutreffen. In der ersten Wählerbefragung schaffte er es noch nicht einmal in die Charts. Doch einen Monat später überholte er den Kronfavoriten, Jeb Bush, den dritten Spross der Familie, der das Weiße Haus ins Visier genommen hatte. Viele sprachen von einer „Sommer-Welle“, die wohl bald verebben werde. Wieder kam es anders. Mit Ausnahme einiger weniger Tage im November, als der noch krassere Außenseiter Ben Carson kurz die Führung übernahm, ließ Trump den Spitzenplatz nicht mehr los. Er konnte tun und sagen, was er wollte. Nichts vermochte ihm zu schaden. Im Gegenteil, alles schien ihm nur zu nützen.

Trump schlug nicht nur die vermeintlich ehernen Gesetze in den Wind, die festschrieben, was in einem Wahlkampf gesagt werden kann und was nicht. Er setzte sich auch über das „A und O“ der politischen Mechanik hinweg. Das vielbeschworene „ground game“, die Organisation von freiwilligen und bezahlten Wahlhelfern in den Wahlkreisen, umging er weiträumig und setzte dafür auf Großanlässe, unablässige Provokation und damit stetige Medienpräsenz. Er sonnte sich im Ruf, alles anders zu machen als die anderen.

Dass er häufig unvorbereitet wirkte und einfach improvisierte, gehörte offensichtlich zu seiner „Marke“. Wie das Wall Street Journal in der Donnerstagsausgabe berichtete, hatte er in Wirklichkeit bereits unmittelbar nach Mitt Romneys fataler Niederlage im November 2012 begonnen, seine eigene Wahlkampagne abzustecken.

Die Würfel sind gefallen. Der Vorsitzende der nationalen Parteiführung, Reince Priebus, verlor am Dienstag keine Zeit, Trump zum „presumptive nominee“ zu erklären, zum De-facto-Kandidaten der Republikanischen Partei, der von nun an die Geschicke der Partei entscheidend beeinflusst und sowohl Ton als auch Takt des Wahlkonvents in Cleveland vorgibt. Ob und wie es Trump schaffen wird, die Partei hinter seiner Kandidatur zu vereinen, ist äußerst unklar. Viele prominente Exponenten scheinen noch in einer Schockstarre zu verharren. Seine mutmaßliche Gegenspielerin im Herbst, Hillary Clinton, ließ sich nicht zweimal bitten und veröffentlichte auf Twitter einen Zusammenschnitt wenig schmeichelhafter Kommentare von Partei-„Freunden“.

Stimmen, nicht Stimmung

Wie die Republikanische Partei die Kandidatur Trumps verdauen wird, ist vorläufig offen. Ebenso unklar ist, wie sich das Rennen im Hinblick auf den November entwickeln wird. Kann Trump den vermeintlichen Gravitationsgesetzen eines Präsidentschaftswahlkampfs erneut ein Schnippchen schlagen?

Klar ist gegenwärtig allein, dass die Resultate der Vorwahlen nur beschränkt Schlüsse auf die Präsidentenwahl im November zulassen. Dies schon wegen der Tatsache, dass Trump als klarer Spitzenreiter bei den Republikanern bis und mit Indiana weniger als 11 Millionen Stimmen erhielt, während in den letzten beiden Präsidentenwahlen 2008 und 2012 jeweils rund 130 Millionen Wählerinnen und Wähler zu den Urnen strömten. Bei den Demokraten sieht das Verhältnis nur unwesentlich besser aus: Ihre Spitzenreiterin, Hillary Clinton, erhielt bisher gut 12 Millionen Stimmen.

Die Meinungsumfragen deuten zumeist, aber keineswegs unisono auf einen klaren Vorsprung Clintons im direkten Duell mit Trump hin. Doch solche Prognosen sind, gerade wenn Trump mitmischt, mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Oft wird das Rennen zwischen Jimmy Carter und Ronald Reagan im Jahr 1980 als Beispiel dafür herangezogen, wie falsch Meinungsumfragen liegen können. Während sich die Statistik-Experten um die Deutungshoheit über Umfrageergebnisse streiten, bleibt ein Gesetz unumstößlich: Die Stimmung des Wahlvolks mag unberechenbar sein. Gewinnen wird, wer „seine“ Wähler an die Urne bringen kann, denn nur dort haben sie eine Stimme, die auch zählt.