Lucy Nicholson / Reuters

Präsidentschaftsdebatte in den USA

Trump verfehlt den Turnaround

Meinung / von Andreas Rüesch / 10.10.2016

Der Republikaner hat in einer an Gehässigkeiten reichen Fernsehdebatte demonstriert, dass er bis zum Letzten kämpfen will. Aber das fundamentale Problem seiner Kampagne bleibt ungelöst.

Hätte die zweite Fernsehdebatte der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten ein paar Tage früher stattgefunden, so müsste man nun wohl von einem Punktesieg Donald Trumps sprechen. Der Republikaner war offensichtlich besser vorbereitet als beim letzten Duell und liess sich nicht mehr so leicht in die Defensive treiben. Er griff seine demokratische Gegnerin unerbittlich an, mit oft unfairen Argumenten zwar, aber effektvoll.

Hillary Clinton liess sich nie aus der Ruhe bringen, glänzte mit Detailwissen und ging konkreter als Trump auf die Fragen und Sorgen aus dem Publikum ein. Aber diesmal sorgte Trump besser dafür, dass ihr heikle Themen nicht erspart blieben, etwa ihr fahrlässiger Umgang mit geheimen E-Mails, das Debakel in Libyen oder die steigenden Krankenkassenprämien.

Ganz im Schatten der Video-Affäre

Auch wenn Clinton nicht um kluge Argumente verlegen war, blieb es zweifelhaft, ob sie mit ihren manchmal langfädigen Antworten gegen das verbale Flächenbombardement ihres Gegners ankam. Trumps Ziel bestand offensichtlich darin, die demokratische Berufspolitikerin als Repräsentantin eines katastrophalen, korrupten politischen Status quo darzustellen – und sich selber als Symbol eines fundamentalen Wandels.

Doch diese Debatte spielte sich nicht im luftleeren Raum ab; sie stand ganz unter dem Schatten des zwei Tage vorher veröffentlichten Skandalvideos, in dem Trump mit sexuellen Übergriffen gegen Frauen prahlte. Der dadurch ausgelöste Entrüstungssturm hat die republikanische Präsidentschaftskampagne an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Dutzende von prominenten Republikanern haben Trump seither zum Rücktritt aufgerufen und einen neuen Kandidaten gefordert.

Trump kämpft ums politische Überleben

Unmittelbares Ziel für Trump war am Sonntagabend somit realistischerweise nicht mehr, seinen Umfragerückstand gegen Clinton wettzumachen. Es ging vielmehr ums nackte Überleben seiner Kampagne. Dies dürfte er erreicht haben. Sein „running mate“, Mike Pence, der am Wochenende als beste Alternative zu Trump gehandelt worden war, steht jedenfalls weiter zu ihm und gratulierte ihm zur Debatte. Aber es wird sich zeigen, ob die Absetzbewegung im republikanischen Lager wirklich gestoppt wurde.

Trumps grundlegendes Problem bleibt bestehen. Das Video schadet ihm enorm, und sein Versuch einer Entschuldigung, es handle sich um blosses „Umkleidekabinen-Geschwätz“, wirkt fadenscheinig. Der Republikaner wählte auch eine hochriskante Taktik, indem er seine sexistischen Bemerkungen mit den Übergriffen Bill Clintons verglich. Erstens steht der frühere Präsident nicht auf dem Wahlzettel, und zweitens haben es viele Amerikaner satt, an diese alten Affären erinnert zu werden.

Wenig wirksam gegenüber Parteilosen

Mit seiner Gehässigkeit gegenüber Hillary Clinton, die er ins Gefängnis zu werfen versprach, vermag Trump zwar seine treusten Anhänger in Begeisterung zu versetzen. Aber weder dies noch seine Ausflüchte in der Video-Affäre sind geeignet, parteiungebundene, moderate Wähler in der Mitte des politischen Spektrum zu überzeugen. Damit bleibt Trump einen Monat vor der Wahl weit davon entfernt, eine genügend breite Koalition von Wählerschichten hinter sich zu scharen. Einen Total-Absturz mag Trump mit dieser Debatte zwar verhindert haben – aber den Turnaround hat er nicht geschafft.